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Fachbeitrag

Kurskorrektur der Bundesregierung in Sachen erneuerbare Energien?

Ein Beitrag zur Regenerativpolitik in Deutschland von Philipp Schmagold, Lehrbeauftragter der Fachhochschule Kiel und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Windenergie (BWE) und Projektleiter der Enertrag AG.

Grossbritannien Outwood Solarpark
 - Wie viel Regenerativstrom brauchen wir?
Wie viel Regenerativstrom brauchen wir?
Wirsol

Die verschiedenen Regierungen unter Führung von Bundeskanzlerin Merkel haben den einst starken deutschen Solarmarkt in die Nische gedrängt. Das gleiche Schicksal droht der Windenergiebranche, der durch den viel zu gering angesetzten Ausbaudeckel von 2,8 GW (brutto) pro Jahr und die Pflicht zur Teilnahme an Ausschreibungen nun auch die Entwicklungsperspektiven in Deutschland genommen werden, obwohl wir noch weit entfernt sind von 100 Prozent Ökostrom.

2017 wurden gerade einmal gut 1,5 GW neue Photovoltaik-Anlagen gebaut, laut der Sektorkopplungsstudie von Volker Quaschning (HTW Berlin) würde netto das Zehnfache benötigt, also 15 GW:

 - Auszug Sektorkopplungsstudie von Volker Quaschning.
Auszug Sektorkopplungsstudie von Volker Quaschning.
Text: Quaschning

Machen wir so langsam weiter, brauchen wir 250 Jahre, um 100 Prozent erneuerbare Vollversorgung bei Elektrizität, Wärme und Mobilität zu erreichen – und selbst das nur, wenn die Solarenergieanlagen nie altern würden und nicht irgendwann ausgetauscht werden müssen. Rechnen wir die Alterung der Solaranlagen und die Notwendigkeit zum Austausch derselben mit ein, weil das der Realität entspricht, dann kommen wir in diesem Tempo nie ans Ziel. Oberhalb von 75 GW insgesamt installierter Solaranlagen erfolgt Null-Wachstum, selbst wenn man die gemäß EEG 2017 vorgesehenen brutto 2,5 GW jährlich draufpackt, weil einem dieser Zubau schon durch den alle 30 Jahre anstehenden Austausch der alten Solaranlagen netto "weggerissen" wird. Ebenso verhält es sich bei Windrädern, die auch erfahrungsgemäß nach 25 bis 30 Jahren abgebaut werden.

Die Bundesregierung blendet zudem die enormen Preissenkungen im Solar- und Windbereich aus und hat zu verantworten, dass der Energiewende-Zug mittlerweile an Deutschland vorbeifährt. Das ist schädlich für den deutschen Wirtschaftsstandort und seine Wettbewerbsposition beim globalen Wettrennen der Erneuerbaren Energien-Produzenten.

Umso erfreulicher, dass nun im Sondierungspapier zwischen CDU, CSU und SPD erkannt wurde, dass das derzeitige Tempo des Ausbaus der Erneuerbaren viel zu langsam ausfällt, um wirksam zum Klimaschutz beizutragen. Vorgesehen ist ein schnellerer Ausbau von Wind an Land, Wind auf See und Photovoltaik zumindest in den Jahren 2019 und 2020:

 -
Text: Sondierungsgespraeche

Allerdings wird auch durch diese Sonderausschreibung der eigentlich gebotene Ausbau der erneuerbaren Energien nicht annähernd erreicht, der Fehlbetrag beträgt dann statt der aktuellen 16 GW weiterhin 12 GW (netto):

 - Ausbaumenge und Lücke beim Ausbau.
Ausbaumenge und Lücke beim Ausbau.
Grafik: Schmagold

Erfahrungsgemäß werden von diesen Ausschreibungen nicht alle realisiert, zudem wird der Abbau von Altanlagen bisher nicht ausreichend gewürdigt, weil Ausschreibungsmengen dadurch nicht angehoben werden, wodurch der tatsächliche Ausbau der Erneuerbaren geringer ausfällt. Die Forderung zur Stärkung der Erneuerbaren muss also sein, die vorgesehenen Sonderausschreibungen sogar noch auszubauen und schon 2018 greifen zu lassen. Insgesamt sollten jährlich 21,3 GW Wind an Land und Photovoltaik in Deutschland netto neu installiert werden, dazu noch 3 GW Wind auf See. Denn beim Klimaschutz und der Energiewende gilt: Lieber zu früh fertig als zu spät.

Der Autor sagt: Frage nicht, was Deine Welt für Dich tun kann - frage, was Du für Deine Welt tun kannst! (Frei nach John F. Kennedy: „Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ )

Autor: Dr. Philipp Schmagold