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EnBW

Mit Hohe See und Albatros auf Konzernumbaukurs

Baustart zweier Offshore-Windparks: Der baden-württembergische Energieversorger EnBW steht nach eigenen Angaben kurz davor, seine zu Beginn der Energiewende definierten Geschäftsziele zu erreichen. 2018 wollen die Karlsruher zudem eine weitere Offensive im Windkraftausbau starten und so ihre Umgestaltung zum grünen Energieinfrastrukturkonzern einläuten.

Visualisierung der Windparks Hohe See und Abatros
 - Visualisierung der Windparks Hohe See und Abatros
Visualisierung der Windparks Hohe See und Abatros
EnBW

Mit der Beladung des Errichter-Kranschiffes Pacific Osprey im niederländischen Vlissingen mit Unterwasser-Fundamenten für den Windpark Hohe See hat jetzt der Bau des bisher größten Meereswindparks in deutscher See begonnen. Das EnBW-Projekt entsteht rund 100 Kilometer nordöstlich vor der Küste der Nordseeinsel Borkum in 40 Meter Wassertiefe. Die Projektgesellschaft aus EnBW und dem zu 49,9 Prozent beteiligten kanadischen Infrastrukturinvestor Enbridge lässt dort bis Herbst nächsten Jahres 71 der getriebelosen Sieben-MW-Windturbinen von Hersteller Siemens Gamesa mit 154 Meter Rotordurchmesser errichten – insgesamt 497 MW.

Wahrzunehmen ist das Projekt allerdings im Zusammenhang mit der parallel von EnBW/Enbridge betriebenen Baustelle des Nachbarprojektes Albatros mit weiteren 16 Windrädern vom Siemens-Gamesa-Typ SWT-7.0-154. Im steten Wechsel rücken die Bauteams immer zuerst im Windfeld Hohe See und danach noch im Albatros-Areal an, um abschnittsweise die Arbeiten zu erledigen. Bisher hatten sie den sogenannten Kolkschutz gegen das Ausspülen des Untergrundes rings um die Fundament-Pfähle im Windfeld Hohe See angelegt – mit Steinniederlegungen festigen die Windparkerrichter in Nord- wie Ostsee gewöhnlich den Grund rings um die Stelle, in der sie anschließend die Fundamentrohre einrammen. Mitte April ziehen die Bauschiffe für die Kolkschutzmaßnahmen weiter ins Albatros-Feld. Im Sommer folgen das Verlegen der Innenparkverkabelung im einen und dann im anderen Projektareal sowie die Errichtung der Strom-Umspannplattform von Hohe See. Diejenige für Albatros wird erst 2019 folgen. Ab sofort und noch in den kommenden Monaten rammen die Errichterschiffe zudem die Fundamentpfähle in Hohe See und dann in Albatros in den Boden – die Monopiles. Die Turbineninstallationen auf den Fundamenten sollen im April 2019 starten.

Zugleich meldete am gestrigen Mittwoch der Leiter der Portofolioentwicklung des Karlsruher Energiekonzerns, Dirk Güsewell, den ganz frisch eingereichten Genehmigungsantrag für das 900-MW-Windprojekt He Dreiht. Ein Jahr nach der gewonnenen Ausschreibung für das Projekt endet die Einreichungssfrist am kommenden Samstag. Alle Genehmigungsunterlagen seien nun eingereicht, betonte Güsewell. EnBW habe zudem von mehreren Windturbinenherstellern näheren Einblick in die Turbinenentwicklung der kommenden Jahre erhalten, um sich nun für eine bestimmte Windenergieanlage zu entscheiden. Die Bestellungen müssen für He Dreiht erst 2021 erfolgen. Baubeginn ist für 2023, die Inbetriebnahme für 2025 angepeilt.

Laut Güsewell hat der baden-württembergische Versorger damit sein anvisiertes Ausbauziel bei erneuerbaren Energien bis 2020 in Reichweite. Mit He Dreiht richte man darüber hinaus bereits den Blick auf die Zeit danach bis bis 2025 mit einer klaren Perspektive aus. Für die weitere Entwicklung des Unternehmens bis Mitte des nächsten Jahrzehnts nehme EnBW ab sofort auch eine „selektive Internationalisierung“ des Windenergiegeschäfts sowohl auf See als an Land in Angriff, betonte Güsewell. 2018 habe  der Konzern sich bereits Beteiligungen an drei Offshore-Projekte in Taiwan gesichert und bereite derzeit den Markteinstieg in die USA vor – sowie Windenergieprojekte an Land in Frankreich und Skandinavien.

Güsewell reklamiert für den teilstaatlichen Konzern EnBW, genau jetzt den Wendepunkt in dessen schwieriger wirtschaftlicher Entwicklung infolge der Energiewende erreicht zu haben. Der Konzernumbau war spätestens nach dem Atomkraft-Ausstiegsbeschluss der Bundesregierung Anfang des Jahrzehnts fällig geworden. Damals konnten die früheren großen Energieversorgungskonzerne bereits absehen, dass ihr bisheriges Energieerzeugungs- und Stromhandelsgeschäft mit fossilen Erzeugungsanlagen unter dem wachsenden Wettbewerbsdruck mit Erneuerbare-Energien-Erzeugern immer weniger Rendite abwerfen wird. EnBW sei aber „das einzige Unternehmen, das sich eine klar quantifizierte Gesamtumwandlungsperspektive gegeben hat“, betonte Güsewell mit Verweis auf einen 2013 durch EnBW verabschiedeten Transformationsfahrplan.

In etwa fahrplangerecht hat EnBW 2017 tatsächlich erstmals wieder seit 2012 beim sogenannten Ebitda zugelegt. Diese Bilanzgröße für die im Kerngeschäft vor Abzug von Steuern und  Zinsen und ohne Sondereffekte erzielten Überschüsse stieg 2017 wieder auf 2,11 Milliarden Euro, nachdem sie in einer stetigen Abwärtsbewegung von 2,4 Milliarden Euro auf 1,94 Milliarden Euro im Jahr 2016 gefallen war. Das Ziel, bis 2020 wieder auf das Ebitda von 2012 zurückzukommen, will EnBW nun mit jährlichen Wachstumsschritten von bis zu fünf Prozent in den kommenden drei Jahren erreichen.

Auch in den Einzelbereichen des Konzerngeschäfts komme EnBW bei seinen Zielen gut voran, betonte Güsewell: Beim Vertrieb, bei den Netzen, bei erneuerbaren Energien und bei Erzeugung und Handel mit konventionellen Kraftwerken. Tatsächlich verzeichnet EnBW bei erneuerbaren Energien 2017 einen bereinigten Ebitdawert von 0,3 Milliarden Euro – knapp über den 0,2 Milliarden Euro, von denen EnBW 2012 ausgegangen war. Mit den 2017 und 2018 in die Wege geleiteten Projekten will EnBW den Rest bis zum Zielwert von 0,7 Milliarden Euro im Jahr 2020 nun in Reichweite haben.

Insbesondere dank des schon 2016 erfolgten Zukaufes des internationalen Wartungs- und Instandhaltungsdienstleisters Connected Wind Services hofft Güsewell nun, in Skandinavien punkten zu können. Hier ist die Windpark-Service-Beteiligung der Baden-Württemberger besonders stark vertreten. Das könnte EnBW wichtige Kostenvorteile bei Windparkprojekten einräumen. Auch neue Offshore-Ausschreibungen in den Niederlanden beobachte EnBW und erwäge, an diesen  teilzunehmen, zumal dort über die Ausweitung jährlicher Ausschreibungen von 700 auf vielleicht 1.100 MW diskutiert würde.

Umbau zu Konzern für grüne Energieinfrastruktur

Doch beim Ausbau bloßer Erzeugungskapazitäten der erneuerbaren Energien allein wird es nicht bleiben, wie Güsewell verdeutlicht. Größtes aktuelles Projekt bei den konventionellen Kraftwerken ist der Umbau eines Stuttgarter Heizkraftwerkes für die Fernwärmeversorgung der baden-württembergischen Landeshauptstadt von Kohle- auf Gasnutzung für 77 Millionen Euro. Noch 2018 soll die volle Inbetriebnahme stattfinden. EnBW werde bis 2025 weitere Projekte dieser Art im konventionellen Kraftwerksbereich verfolgen, erklärte Güsewell. Dies werde wohl auch im Hinblick auf das 2018 vor einer Reform stehende Energiewirtschaftsgesetz erfolgen, das Netzstabilisierungsmaßnahmen durch Gasturbinen fördern werde. Solche sollen dann die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien flexibel ausgleichen. Auch die Digitaliserung als Angebot von EnBW für Energieerzeuger oder Dienstleistungen für Stadtteile, um ökologische Energieversorgungskonzepte auf Quartiersebene zu entwickeln, könnten zum Profil von EnBW gehören.

Dennoch wolle der Konzern auch von 2020 bis 2025 den Anteil der Energieerzeugung aus Erneuerbaren weiter deutlich ausbauen, betonte Güsewell. Derzeit beträgt die Erzeugungskapazität für Grünstrom bei EnBW 1.734 Megawatt bei rund 12.000 Megawatt Erzeugungskapazität insgesamt inklusive konventioneller Kraftwerke.

(Tilman Weber)