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Analyse Windmarkt Deutschland

Zurück zum deutschen Duopol der Turbinenbauer?

Schon jetzt haben die Ausschreibungen in Deutschland nicht nur die Akteure bei der Projektierung von Windparks dezimiert, sondern auch die Zahl der im Markt erfolgreichen Windturbinenbauer. Laut neuen Daten der Fachagentur Windenergie erreichten im ersten Halbjahr 2018 anders als zuletzt nicht mehr sechs sondern nur noch drei bis vier Windenergieanlagenhersteller nennenswerte Anteile am deutschen Windkraftausbau.

Windanlagen in Bayern
 - Ausbau der Windkraft in Deutschland - die Struktur des Marktes verändert sich durch die Ausschreibungen.
Ausbau der Windkraft in Deutschland - die Struktur des Marktes verändert sich durch die Ausschreibungen.
R_by_Immanuel M./pixelio.de

Der Windparkbau aus den ersten deutschen Ausschreibungsrunden für Windenergie an Land und womöglich auch das Gros der daraus folgenden Aufträge an die Anlagenhersteller stehen weitgehend noch aus. Doch das 2017 hierzulande eingeführte neue Wettbewerbssystem bewirkt offenbar schon, dass nur noch marktführende und große Windturbinenbauer den Markt prägen. Dies geht aus der jetzt veröffentlichten Auswertung der Berliner Fachagentur Windenergie an Land „Ausbausituation der Windenergie an Land im 1. Halbjahr 2018“ hervor.

Für die beiden traditionell führenden Mitspieler beim Windparkausbau in Deutschland, Enercon und Vestas, mag es sich so anfühlen, als habe sich nichts verändert. Die seit vielen Jahren unverändert Platz eins und zwei des Wettbewerbsfeldes bei den Windparkerrichtungen belegenden Unternehmen haben das Volumen der durch sie neu installierten Erzeugungskapazität fast aufrecht erhalten. So büßte Enercon mit 965,7 Megawatt (MW) nur zwei Prozent beziehungsweise 22 MW an Volumen ein. Und die Vestas-Errichterteams kamen bei ihren Einsätzen immerhin noch in die Nähe ihrer Auslastung im Vergleichssemester des Boomjahres 2017. Nach 478 MW im ersten Halbjahr 2017 sind im ersten Halbjahr 2018 noch Vestas-Turbinen mit zusammen 411 MW in den deutschen Turbinenbestand hinzugekommen.

Das Minus bei Vestas von nur 67 MW beziehungsweise 14 Prozent und erst Recht Enercons Fast-Punktlandung sind beeindruckende Erfolge – angesichts eines im Vergleich zum Vergleichszeitraum von 2017 um 30 Prozent rückläufigen Marktes. So erhöhten Enercon und Vestas ihre Anteile in der Tortengrafik auf ein 56,3- und ein 24-Prozent-Stück. Im vergangenen Jahr konnten sie sich noch 39,7 und 19,2 Prozent von der Torte abschneiden.

Gemessen an absolutem Erzeugungsvolumen in MW musste hingegen Nordex die größten Verluste im Installationsmarkt hinnehmen. Der Drittplatzierte verteidigte seinen Rang, verzeichnete nun aber nur 174,4 im Vergleich zu 435,3 MW im Vorjahr. Der Verlust im Windparkausbau-Geschäft um 261 MW beziehungsweise 60 Prozent – und der Anteil am Windmarkt betrug für Nordex nur noch 10,2 nach 17,7 Prozent im ersten Halbjahr 2017.

Immerhin konnte Nordex damit wie noch ein Jahr zuvor als einziges Wettbewerbsunternehmen hinter Enercon und Vestas im zweistelligen Prozentbereich am Markt teilhaben. Doch nach Nordex gab es nun außer gerade noch Senvion mit Installationen von 74 MW – 190 MW waren es ein Jahr zuvor – nun keine weiteren Unternehmen von statistischer Bedeutung für den deutschen Windmarkt mehr. Senvions Anteil sank damit von 7,6 auf immerhin noch 4,3 Prozent, wobei der ebenfalls rund 60 Prozent große Verlust bei den zugebauten neuen Erzeugungskapazitäten für Senvion auch eine traurige statistische Premiere mit sich brachte: Erstmals seit den vergangenen Boomjahren fiel Senvion – sogar deutlich – auf weniger als 100 MW zurück. Die Hersteller GE und Siemens Gamesa hingegen sind mit 12 und 47,6 MW sowie Anteilen von 0,7 und 2,8 Prozent auf ungefähr wieder das geringe Gewicht zurückgefallen, das sie bei ihren Bedeutungstiefpunkten vor wenigen Jahren zusammen auf die Waage brachten: damals noch als die drei verschiedenen Unternehmen GE, Siemens und Gamesa. Der kleine Rostocker Windturbinenbauer Eno Energy rückte nun mit 23,2 MW im Ranking sogar noch vor GE.

Gleicher Trend auch bei bisher nur genehmigten Anlagen

Dieselbe Tendenz verstärkt sich wohl noch, insofern die Genehmigungen neuer Windenergieanlagen in die Auswertung hinzukommen. So stammen die zehn Windturbinentypen, die nach dem Bau aller weiteren bisher schon genehmigten Windparkprojekte am meisten zum Zuge kämen, von Enercon, Vestas – und sonst nur noch Nordex. Bezogen auf diese zehn Windenergieanlagen-Modelle kann Nordex die Errichtung von 110 weiteren Turbinen einplanen, Vestas auf die baldige Installation von 277 und Enercon auf die baldige Errichtung von 501 genehmigten Anlagen hoffen. Dies gilt mit der Einschränkung, dass vielleicht bedeutende Anteile dieser Volumen erst noch in einer der nächsten Ausschreibungsrunden den Vergütungszuschlag gewinnen müssen. Die Statistik zu den genehmigten Windenergieanlagen-Typen berücksichtigt mit diesen zehn am besten abschneidenden Turbinenmarken allerdings nur diejenigen, die mindestens 50 Genehmigungen verzeichnen. Genau genommen findet sich auf Platz zehn die Nordex-Turbine N131 mit 49 durch Baugenehmigungen abgesicherten Windrädern. Würden Senvion, GE oder Siemens Gamesa darunter jeweils wie Nordex noch zwei Windturbinentypen mit Genehmigungszahlen nur knapp darunter vorweisen können, könnten sie im rechnerisch besten Fall auf maximal 96 genehmigte Anlagen kommen.

Über die Gründe der nun sichtbar werdenden rückläufigen Akteursvielfalt lässt sich derzeit wohl nur mutmaßen. Dabei lassen sich zwei Annahmen aber gut statistisch unterfüttern. So wiesen die Windenergieverbände zuletzt mehrmals darauf hin, dass in diesem Jahrzehnt von den im Jahr 2017 zu weit über 90 Prozent siegreichen Bürgerwindparks aufgrund der gesetzlich für Bürgerwindparks damals eingeräumten extrem langen Baufristen noch fast keine Errichtungen zu erwarten sind. Außerdem hat die Fachagentur-Analyse ermittelt, dass von 1.328 bis 30. Juni genehmigten Anlagen die Hälfte – 689 Anlagen mit 2.250 MW – ihre Genehmigung erst 2017 erhalten haben. Daraus lässt sich dann schließen, dass die letzten Anlagenreste aus den Genehmigungen von vor 2017 mit den damaligen gesicherten erhöhten Vergütungssätzen inzwischen fast aufgebraucht sind. Mittelgroße oder erst in jüngerer Zeit erfolgreiche Windturbinenbauer wie Nordex und Senvion oder GE und Siemens Gamesa könnten hier also ihr Potenzial aufgrund kleinerer jährlicher Ausbauvolumen nun weitgehend aufgebraucht haben. Bei Enercon und Vestas hingegen würde demnach die von diesen vor sich hergeschobene Bugwelle der Auftragsflut noch ein klein wenig länger anhalten, die kurz vor Einführung des riskanteren Ausschreibungssystems einging. Tatsächlich haben Nordex und GE zuletzt enorme Ausbau-Steigerungsraten hinter sich.
Hinzu kommt nun, dass die Genehmigungen neuer Windturbinen auch gemäß eines von der Bundesnetzagentur geführten Anlagenregisters sich fast nur noch auf Enercon und Vestas konzentrieren. Es liegt nahe, dass der in den Ausschreibungen 2017 rasch gewachsene Preisdruck die Projektgesellschaften von genehmigten Windparks dazu bewog, vor allem bei den beiden in Deutschland führenden und zugleich größten Herstellern bestellten. Denn: Von diesen haben sie aufgrund der bei Enercon und Vestas größeren produzier- und auslieferbaren Anlagenvolumen möglicherweise mehr Preisnachlässe aushandeln können.

Noch dominiert Turbinengeneration mit bis 115 Meter Rotordurchmesser

Auffällig ist an der Fachagentur-Statistik auch, welche Windturbinentypen im ersten Halbjahr 2018 noch am meisten errichtet wurden – oder bisher mit Genehmigungen versehen sind. Mit Ausnahme der E-141 von Enercon, der V136 von Vestas und der N131 von Nordex finden sich darunter noch keine Modelle der Anlagengeneration mit deutlich mehr als drei MW Nennleistung und mehr als 130 Meter Rotordurchmesser. Im Gegenteil: Sieger bei den am meisten neu in Betrieb gegangenen Windturbinen sind die Drei-MW-Typen E-115 mit 115 Meter Rotordurchmesser und V126 mit 126-Meter Rotor von Vestas und Enercon. Bei den Genehmigungen haben sogar außer E-115 und V126 noch E-101, E-82 und E-92 sowie V112 größere Anteile als die beste der neuen Anlagengeneration, die E-141.

Aus diesen Zahlen lässt sich auchdie zweite Annahme treffen: Einen großen Teil des Zugewinns beim Marktanteil hat Windturbinenbauer Enercon womöglich auch dadurch erreicht, dass ihm als erstem die Markteinführung einer Turbine mit mehr als vier MW und 140 Meter Rotordurchmesser und damit eines Modells der jüngsten Windturbinengeneration im großen Stil gelungen ist. So installierte Enercon im ersten Halbjahr 2018 bereits 54 Anlagen des neuen Typs E-141 EP4 mit 4,2 MW und 141 Meter Rotordurchmesser. Allein dieses Volumen beträgt 227 MW. Außerdem zählt die Fachagentur zum Stichtag Ende Juni noch weitere 61 E-141 EP4,die zu bereits genehmigten, aber nur noch nicht errichteten Windparkprojekten gehören. Zum Vergleich: Vestas hat laut Fachagentur Windenergie an Land mit der neuen V136 im ersten Halbjahr 2018 maximal ein Dutzend Turbinenerrichtungen verzeichnet. Bei den genehmigten Anlagen kommt V136 immerhin auf 58 Stück, ebenso wie die Nordex-Turbine N117 mit 2,4 MW und 117-Meter-Rotor (60 genehmigte Anlagen) nur knapp hinter der E-141.

(Tilman Weber)