06.07.2018
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Interview mit Jean Huby

"Bestehende Technologie im laufenden Betrieb weiter entwickeln"

Gespräch mit dem technischen Geschäftsführer der Betreiberfirma von Deutschlands erstem kommerziell einspeisenden Offshore-Windpark Bard Offshore 1 - über das Ziel von 45 Prozent Betriebsauslastung und Rückenwind im Meereswindkraft-Geschäft.

 - Jean Huby
Jean Huby
EWEA (Wind Europe) - (CC BY-NC-ND 2.0)

Herr Huby, schon Ende 2017 haben Sie den Produktionsrekord aller deutschen Offshore-Windparks in einem Vierteljahr für das Herbstquartal gemeldet. Auch Anfang 2018 produzierte BARD Offshore 1 am meisten. Haben Sie dort jetzt einen Zustand erreicht, den der Windpark erreichen sollte?

Jean Huby: Zunächst gilt, dass wir einen sehr guten Standort haben: mit Wind von über zehn Metern pro Sekunde im Mittel. Auch diese ausgezeichneten Windverhältnisse haben es ermöglicht, dass Bard Offshore 1 mit einem Energieertrag von rund 1,5 Terrawattstunden im Jahr 2017 der produktionsstärkste deutsche Offshore-Windpark gewesen ist. Wir sind stolz, dass unser Pionierprojekt heute so erfolgreich ist!
Um diese Ressource so optimal zu nutzen, brauchen wir natürlich eine hohe Verfügbarkeit der Windturbinen, und die Bard-Windturbinen haben in den ersten Jahren bekanntlich ihre Kinderkrankheiten gehabt. Es war eine Technologie, die sehr schnell entwickelt und Offshore gebracht worden ist. Positiv ist, dass Bard, um den Weg zum Markt zu beschleunigen, alle Komponenten bei Blue-Chip-Lieferanten hat anfertigen lassen, so dass wir bei deren Weiterentwicklung mit Spitzenzulieferern zusammengearbeitet haben – das sind für uns bis heute wichtige Partnerschaften. Insbesondere, weil wir durch die Insolvenz von Bard ohne Unterstützung und Know-how des Turbinenlieferanten auskommen mussten.  Gemeinsam ist es uns gelungen, die Pioniertechnologie des ersten deutschen Offshore-Windparks erfolgreich weiterzuentwickeln.

Auf welche Jahres-Auslastung könnten Sie denn in absehbarer Zeit mit Bard Offshore 1 kommen?

Jean Huby: In 2017 hatten wir schon einen sogenannten „Capacity Factor“ von 42 Prozent, in einem Jahr, das nicht besonders windig war. Unser Ziel ist es, im Durchschnitt über 44 Prozent zu sein.

… was weniger ist, als Ihre Wettbewerber mit anderen Offshore-Windparks in Deutschland anstreben, wo immer über 50 Prozent Kapazitätsfaktor im Gespräch sind …

Jean Huby: Im direkten Vergleich sind wir besser als Windparks, die wie Bard Offshore 1 vor über fünf Jahren in den Betrieb gegangen sind. Die neueren Windturbinen-Generationen haben zwar deutlich größere Rotoren im Verhältnis zur Leistung, das treibt die Performance nach oben, aber  unter Berücksichtigung dieser Hardware-Unterschiede, sind unsere Ertragszahlen inzwischen überdurchschnittlich.

Die von Ihnen geschilderte schwierige Anfangsphase ist nun doch schon so lange vorbei: Würden Sie bitte für unsere Leser jetzt einmal offiziell den Schleier lüften, mit welchen technischen Problemen die BARD-Windturbinen wirklich zu kämpfen hatten – und warum dies jetzt als technisch überwunden gelten darf?

Jean Huby: Zu Beginn war das Hauptproblem ja eigentlich ein Problem des Netzanschlusses - das wurde von dem Netzbetreiber Tennet 2015 gelöst, seitdem haben wir eine sehr stabile Netzanbindung. Dann hatten wir bei einigen Komponenten Ausfälle, die leider nur durch aufwändige Tauschoperationen Offshore behoben werden konnten. Dank unseres starken In-House Engineering in Zusammenarbeit mit den Lieferanten, konnten wir aber Design-Änderungen definieren, sodass die Auswechslungen auch nachhaltig sind. Hier sind wir noch beim Retrofit, an dessen Ende wir einen weiteren Prozentpunkt Verfügbarkeit gewonnen haben werden.
Aber es ging hauptsächlich darum, diese schnell in Serie gebrachte Technologie noch zu verbessern. Zum Beispiel konnte der Niederspannungshauptschalter nicht von der Leitwarte aus getätigt werden. Das bedeutete, dass Service-Techniker häufig auf die Windturbine versetzt werden mussten, im Grunde genommen „nur“, um diesen Schalter zu bedienen. Das haben wir in 2015 und 2016 progressiv bei allen 80 Anlagen geändert und sparen dadurch Einsätze und erhöhen die Verfügbarkeit der Anlage. Heute sind wir deutlich weiter, so dass wir uns auf kontinuierliche Optimierung und Effizienzsteigerung konzentrieren können. Da ist unser Software-Upgrade ein superinteressantes Thema. Weil wir als Betreiber die gesamte Technik von Bard übernehmen konnten, einschließlich des Anlagen-Controlling, haben wir auch Zugang zum Source Code. Wir können also mit unserem Engineering Team die Weiterentwicklung selbst vorantreiben. Infolge von Softwareverbesserungen haben wir beispielsweise den Abschaltvorgang bei starkem Sturm optimiert, um möglichst viel Ertrag zu produzieren.

Haben Sie mit BARD Offshore 1 inzwischen auch einen lukrativen Betrieb erreicht? Befinden sich Umsatz aus Einspeisung und Kosten von Betrieb und Wartung und Abschreibung jetzt in einer gesunden Balance?

Jean Huby: Der Windpark rechnet sich heute, ja.

Woran liegt es, dass der 400-MW-Windpark Bard bisher nie auf die Erzeugungslast von 400 MW kam, sondern höchstens auf 380 MW?

Jean Huby: Unsere bisherige Rekordzahl ist 393 MW. Das ist weniger als 80 x 5 MW, da natürlich die Verluste in den Kabeln und im Umspannwerk berücksichtigt werden müssen. Das ist ungefähr das theoretische Maximum.

Mit welchem Aufwand konkret sorgen Sie für den angestrebten möglichst reibungslosen Betrieb des Windparks? Wie oft müssen ihre Wartungsteams raus auf See?

Jean Huby: Die meisten Auffälligkeiten werden automatisch oder direkt von der Leitwarte behoben. Zum Beispiel sind viele wichtige Bauteile unterhalb der Großkomponenten in redundanter Ausstattung vorhanden – also doppelt eingebaut, so dass beim Ausfall eines Bauteils das Ersatzbauteil einspringt. Die Service-Techniker im Windpark stellen dann zeitnah die Redundanz wieder her. In festgelegten Jahreskampagnen kümmern wir uns um die reguläre Wartung der Turbinen wie zum Beispiel die Rotorblattinstandsetzungen, die Überprüfung der in den Turbinen installierten Befahranlagen und Krane. Diese führen wir immer in den verhältnismäßig weniger windigen Sommermonaten durch.
Ocean Breeze Energy ist Betreiber mit einem starken Engineering. In der Firma sind wir insgesamt 30 Mitarbeiter. 16 davon sind erfahrene Ingenieure, die die Turbinen und generell die Technologien im Windpark weiterentwickeln – wie die bereits erwähnte Betriebssoftware.
Die Arbeiten Offshore und die Überwachung durch die Leitwarte übernehmen  hauptsächlich unser Partnerunternehmen Reetec und deren Tochtergesellschaft OWS aus Emden. Im Windpark sind um die 20 Mitarbeiter im Winter und bis zu 60 im Sommer im Einsatz, dann insbesondere für die Jahreswartung der Turbinen. Ein Wartungsteam besteht aus neun Mitarbeitern, die sich im Acht-Stunden-Einsatz mit einem ebenso großen Wartungsteam in der zweiten Schicht abwechseln. Die Teamgröße haben wir von 5 auf 9 Mitarbeiter erhöht: durch die personelle Verstärkung verkürzen wir die Abschaltzeit der Turbine für einen Serviceeinsatz – eine weitere Optimierungsmaßnahme.

Welche Perspektive hat die Ersatzteilversorgung?

Jean Huby: Da sind wir extrem gut ausgestattet, da wir von Bard einen sehr hohen Bestand an Ersatzteilen übernommen haben. Wir haben auch Strategien entwickelt, wie wir Rückläufer aus dem Windpark überarbeiten – und dabei oftmals auch direkt das Design verbessern –, statt sie komplett zu ersetzen. Genau das ist eine der wichtigsten Herausforderungen der Offshore-Branche: bestehende Technologie im laufenden Betrieb weiterentwickeln.

Das Gespräch führte Tilman Weber

Zur Person und zum Windpark

Jean Huby ist der Technische Geschäftsführer bei Ocean Breeze Energy, dem Eigentümer des Offshore-Windparks Bard Offshore 1. Hinter der Ocean Breeze Energy GmbH & Co.KG steckt die Uni Credit Bank. Bei Bard Offshore 1 handelt es sich um den ersten vollkommen kommerziellen Windpark in Deutschland, der Strom ins öffentliche Netz eingespeist hatte. Allerdings zog sich die Zeit vom Start mit der ersten Stromeinspeisung aus den allerersten errichteten Anlagen im Jahr 2010 bis zum vollständigen Anschluss des gesamten Windparks mit dann 80 Anlagen im Jahr 2013 lange hin. 2014 stellte der Hersteller der Anlagen, die Firma Bard, den Unternehmensbetrieb aufgrund von Kapitalmangel fast vollständig ein. Weitere Bard-Windturbinen werden nicht mehr gebaut. Auch die Herstellung des in Bard Offshore 1 installierten Windturbinentyps mit fünf MW Nennleistung und einem Rotordurchmesser von 122 Meter fand keine Fortsetzung.

Bard Offshore 1 ist der bislang größte deutsche Offshore-Windpark mit 400 Megawatt (MW) Erzeugungsleistung. Der Windpark litt bis im Jahr 2016 noch an den Folgen der ungeordneten Abwicklung seiner Pionierphase durch das Ausscheiden der Firma Bard. So fehlte dem Windpark die Zeit für eine wirklich sorgfältige Startphase, die der Pioniertechnik des ersten großen deutschen Offshore-Windparks angemessen gewesen wäre. Nicht nur fehlte nach dem Ende der Firma Bard schon der Turbinenlieferant, womit auch die reguläre Gewährleistungsphase wegfiel. 2014 folgte ein Schwelbrand in der parkinternen Umspannstation. Seit dem Einbau von Dämpfungsfiltern für die eingespeisten Strom- und Spannungskurven gelten die Probleme mit der Umspannstation als behoben.

Das Interview mit Jean Huby fand auf Vorschlag von Ocean Breeze Energy auf der Offshore-Windenergiekonferenz Windforce in Bremerhaven im Mai statt. Huby selbst wollte im Interview auf Nachfrage nur bedingt Auskünfte über die genauen Gründe für Probleme geben, die von den Bard-Anlagen selbst ausgingen. Von nachzurüstenden Rollenlagern ist gelegentlich zu hören, von Generatoren, deren Ausrichtung besser geeicht werden musste. Seit 2017 sind alle Turbinen wieder vollständig in Betrieb. Anfang 2018 meldete Ocean Breeze Energy zudem einen Einspeiserekord von 1,5 Terawattstunden im vergangenen Kalenderjahr, der die Stromernte aller anderen, kleineren Windparks in Nord- und Ostsee übertrifft. Im März behauptete der Wirtschaftsberatungsdienst Bloomberg unter Berufung auf eigene Recherchen, Uni Credit nehme einen Anlauf, um Bard Offshore 1 an Investoren zu verkaufen.

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1 Kommentar zu ""Bestehende Technologie im laufenden Betrieb weiter entwickeln" "

  1. Michael Pichler - 09.07.2018, 16:40 Uhr (Kommentar melden)

    Knapp vor Bard Offshore 1 liegt der deutsche OWP Veja Mate (2017) mit 402MW Leistung (67 Siemens SWT 6.0-154).

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