02.08.2010
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Europa

Kein Scherz

Großbritannien hat eine Einspeisevergütung für Solarstrom eingeführt.

 Während in Deutschland die Photovoltaikvergütung außerplanmäßig reduziert werden soll, erkennt Großbritannien die Notwendigkeit, den Umstieg auf erneuerbare Energien stärker finanziell zu
unterstützen: Mit dem „Clean Energy Cashback“-Gesetz will die Regierung seit 1. April Einspeisevergütungen für Solarstrom sowie für Wind- und Wasserenergie und Mikro-Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen einführen. Vor allem die Photovoltaikindustrie in Großbritannien hat sich lange für Einspeisevergütungen nach deutschem Vorbild eingesetzt. So hat bei-spielsweise die „UK Solar PV Manufacturers Association“ Anfang 2009 die Kampagne „We support solar“ ins Leben gerufen. Zahlreiche Politiker, Non-Profit-Organisationen und Verbände haben sich der Initiative angeschlossen – mit Erfolg: Die angekündigten Einspeisetarife für Solarstrom sind nicht nur eine Bestätigung unserer Arbeit, sondern auch der Anstoß für ein starkes Branchenwachstum.

25 Jahre Förderung für Solarstrom


Im Rahmen des „Clean Energy Cashback“-Gesetzes ist Photovoltaik die einzige Technologie, die über eine Laufzeit von 25 anstatt 20 Jahren gefördert wird. Zudem steigt die Vergütung mit der Inflationsrate und unterliegt in den nächsten zwei Jahren keiner Degression. Das schafft Planungs- und Investitionssicherheit: Haushalte und Unternehmen können so eine Rendite von rund acht Prozent realisieren. Die britische PV-Industrie hat sich auch für eine Anhebung der ursprünglich vorgeschlagenen Vergütungssätze eingesetzt. Mit Erfolg: Statt 36,5 wird der Höchstsatz für Photovoltaik-Anlagen ab 1. April nun  41,3 Pence pro Kilowattstunde betragen – umgerechnet sind das 47,3 Eurocent für Anlagen bis vier Kilowatt, die nachträglich auf Hausdächern installiert werden. Für Anlagen auf Neubauten bis vier Kilo-watt und alle Aufdachanlagen bis zehn Kilowatt Größe gilt eine Vergütung von 36,1 Pence (41,4 Cent), Solarstrom aus Anlagen bis 100 Kilowatt wird mit 31,4 Pence (36 Cent) vergütet. Betreiber von Anlagen bis 5000 Kilowatt erhalten 29,3 Pence (33,6 Cent) pro Kilowattstunde – das gilt auch für Betreiber von Freiflächenanlagen.
Nachdem Großbritannien lange Jahre am so genannten Quotenmodell zur Förderung erneuerbarer Energien festgehalten hat, orientiert es sich nun am erfolgreichen Vorbild des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Großbritannien hat die Einspeisevergütung den nationalen Voraussetzungen angepasst und unterstützt dezentrale Kleinanlagen bis zu einer Größe von fünf Megawatt – Photovoltaik wird so für Endverbraucher und Unternehmen nicht nur bezahlbar, sondern darüber hinaus zu einer rentablen Geldanlage: 900 britische Pfund im Jahr können Betreiber einer Solaranlage erwirtschaften und zusätzlich jährlich etwa 140 Pfund Energiekosten sparen.

Eine weitere Besonderheit der britischen Tarife ist, dass es sich eher um „Produktionstarife“ und nicht „Einspeisetarife“  im wörtlichen Sinn handelt. Die Vergütung erhalten auch diejenigen, die den solar erzeugten Strom selber verbrauchen – für jede ins öffentliche Netz eingespeiste Kilowattstunde bekommt der Produzent einen zusätzlichen Bonus von drei Pence (0,33 Cent). Das entlastet zum einen die öffentlichen Netze, hält die Solarstromerzeuger aber gleichzeitig auch zu einem bewussten Umgang mit dem eigenen Verbrauch an und spart zusätzlich Ressourcen.

Bislang nur 28 Megawatt


Für die Photovoltaikindustrie bedeutet der Einspeisetarif den Startschuss zu einem nationalen Photovoltaikboom und ist wegweisend für die britische Energieversorgung der Zukunft. Sharp erwartet einen Ausbau der installierten Solarstromkapazität von momentan 28 Megawatt auf 250 Megawatt in 2011. Das wären 100.000 Installationen auf Privat- und Gewerbedächern. Nach Schätzungen der Building Federation könnten 2014 bereits 400.000 Solarstromanlagen installiert sein, das Dachdeckergewerbe erwartet bis zu 30.000 zusätzliche Arbeitsplätze, die aus der Neuregelung resultieren.

Sonnige Aussichten für ein Land, das bisher das Photovoltaikpotenzial kaum berücksichtigt hat – Solarenergie spielte in der Diskussion um alternative Energieerzeugung in Großbritannien nur eine kleine Rolle. Zu stark die Vorurteile: Solarenergie lohne sich nicht für Großbritannien, das Wetter sei zu schlecht, das Potenzial zu gering. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Gerade im Süden und Südwesten des Landes erreicht die Sonneneinstrahlung bis zu 1050 kWh/m2 und damit vergleichbare Werte wie Deutschland, dem weltgrößten PV-Markt. Die klimatischen Bedingungen in Großbritannien kommen der solaren Stromerzeugung außerdem insofern zugute, als einige Technologien bei geringeren Temperaturen eine höhere Effizienz aufweisen. Zudem benötigen Solarstromzellen nicht notwendigerweise direkte Sonneneinstrahlung – gerade die Dünnschichtzellen bringen auch an bewölkten Tagen einen relativ hohen Ertrag. Der britische Photovoltaikverband „UK-PV“ gibt zudem eine beträchtliches Potenzial für Aufdachanlagen mit günstiger Südausrichtung an: Solaranlagen mit einer Kapazität von mindestens 90 Gigawatt könnten hier installiert werden.

Der Beschluss der britischen Regierung, die erneuerbaren Energien mit festen Einspeisetarifen zu fördern, erwächst aus ganz pragmatischen Gründen: Großbritan-nien ist zunehmend auf Energieimporte angewiesen und wird in den kommenden Jahren viele Atom- und Kohlekraftwerke schließen müssen, die nicht mehr den verschärften Umweltstandards genügen. Um den Energiebedarf auch in Zukunft decken zu können, muss die Energiewirtschaft grundlegend reformiert und nachhaltig restrukturiert werden. Und das umso mehr, als die Regierung ehrgeizige Ziele zur CO2-Reduktion angekündigt hat: die CO2-Emissionen des Landes sollen bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden. Die Briten setzen dafür vor allem auf den Bau neuer Atomkraftwerke.

Daneben sollen aber auch erneuerbare Energien für die kohlenstoffarme Energieversorgung der Zukunft genutzt werden und laut EU-Richtlinien bis 2020 zu 20 Prozent am Gesamtstromverbrauch beitragen. Ein ehrgeiziges Ziel – bis jetzt sind es erst knapp sechs Prozent. Aufgrund geologischer Voraussetzungen – Großbritannien verfügt über eine besonders lange Küstenlinie – spielt dabei bisher vor allem die Stromgewinnung aus Wind eine tragende Rolle. Der Anteil der Photovoltaik ist dagegen verhältnismäßig gering: zirka 28 Megawatt installierter Photovoltaikkapazität stehen rund acht Gigawatt aus Windanlagen gegenüber.

Bisher unterstützten verschiedene Förderprogramme die Photovoltaik in Großbritannien: Neben regionalen Maßnahmen und bestimmten Bauverordnungen förderte vor allem das „Low Carbon  Building Programme“ (LCBP) seit 2006 die Nutzung der Photovoltaik. Die so genannte Phase 1 galt für private Solarstrominstallationen und sah einen einmaligen Zuschuss von bis zu 2500 Pfund pro Anlage vor. In Phase 2  konnten sich Gewerbetreibende um eine 50-prozentige Subvention bewerben. Dieses Programm – für elektrische Kleinanlagen bis Februar dieses Jahres in Kraft – hat einen soliden Grundstein für die Entwicklung einer Grünen Industrie in Herstellung, Handel und Installation in Großbritannien gelegt: über 14.500 Haushalte und 3000 Schulen, Kirchen, Gemeinden und andere Non-Profit-Organisationen haben die Zuschüsse in Anspruch genommen.

So verfügt Großbritannien bereits heute über eine gute Infrastruktur für Produktion, Vertrieb und Installation von Photovoltaikanlagen. Viele etablierte Systemintegratoren, Planer und Installateure stehen jetzt in den Startlöchern, um die Photovoltaik zu einem tragenden Wirtschaftszweig in Großbritannien auszubauen. 

Barbara Rudek
Sharp Solar Systems Group

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