19.01.2017
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Neue Projekte in Heidelberg und Esslingen

Mieterstrom: Der Ausbau geht weiter – ein Kommentar

Wirsol und Polarstern setzen in Heidelberg und Esslingen weitere Mieterstromprojekte um. Diese werden immer attraktiver. Denn damit sparen die Mieter einen Teil der immer weiter steigenden Netzentgelte ein. Es gibt aber noch weitere Gründe, warum der Bau solcher Anlagen weitergehen wird.

 - Mit Photovoltaik und Biogas im BHKW und in der Therme setzen die Planer des Gebäudekomplexes Béla komplett auf die dezentrale Versorgung der Mieter mit Ökostrom und erneuerbarer Wärme. Die Häuser sollen im kommenden Jahr bezugsfertig sein.
Mit Photovoltaik und Biogas im BHKW und in der Therme setzen die Planer des Gebäudekomplexes Béla komplett auf die dezentrale Versorgung der Mieter mit Ökostrom und erneuerbarer Wärme. Die Häuser sollen im kommenden Jahr bezugsfertig sein.
Lok.West/RVI GmbH

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Doch mal Hand aufs Herz: Wer hätte wirklich daran geglaubt, dass Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bis zum Jahreswechsel eine Verordnung unterschreibt, die den Mieterstrom zumindest mit dem gewerblichen Eigenverbrauch gleichstellt? Niemand. Jedenfalls nicht, nachdem er mit seiner Antwort an den Bundesrat im vergangenen Jahr zu diesem Thema klar Stellung bezogen hat. Gabriel will die Mieter nicht mit Solarstrom versorgt wissen. Die sollen gefälligst beim Versorger einkaufen und nicht preiswerten Strom vom eigenen Dach nutzen. Das ist viel zu dezentral.

So deutlich schreibt es Gabriel nicht. Er nutzt das fadenscheinige Argument, dass es doch ungerecht wäre, wenn einige Vermieter Solaranlagen bauen lassen und ihre Mieter diesen Strom nutzen könnten und andere Mieter haben diese Möglichkeit nicht. Was für eine dreiste Irreführung. Mal davon abgesehen, dass es kaum realistisch ist, dass mal schnell auf alle Mehrfamilienhausdächer eine Solaranlage gebaut wird – schließlich braucht das auch seine Zeit – ist die Gerechtigkeitskarte, die Gabriel hier schon wieder zieht, ohnehin längst obsolet. Denn dann müsste er die vielen großen Industrieunternehmen erst einmal zur Kasse bitten, damit diese sich auch an der Finanzierung der Energiewende beteiligen. Jetzt könnte man darüber debattieren, ob die Energiewende tatsächlich so teuer ist, wie die Summen, die über das EEG-Konto gewälzt werden, vermuten lassen. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Solarstrom für 239 Wohnungen

 - Ist schon fertig gebaut: Die MIeterstromanlage, die Wirsol in Neulussheim errichtet hat.
Ist schon fertig gebaut: Die MIeterstromanlage, die Wirsol in Neulussheim errichtet hat.
Wirsol

Vielmehr ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Gabriel schon längst von der Realität überholt wurde. Es ist ein deutliches Zeichen, dass trotz der Weigerung Gabriels, den Eigenverbrauch im Mehrfamilienhaus endlich als solchen anzuerkennen, weiter Mieterstromprojekte realisiert werden. So hat Wirsol in Heidelberg eine neue Mieterstromanlage errichtet und zum Jahreswechsel angeschlossen. Jetzt können mehr als 1.700 Mitglieder der Baugenossenschaft Familienheim Heidelberg von preiswerten Solarstrom vom eigenen Dach profitierten und zwar auch mit der vollen EEG-Umlage auf den selbst verbrauchten Strom. An dem Projekt sind neben Wirsol und der Genossenschaft auch die Stadtwerke Heidelberg Energie, die den Reststrom liefern, und die Solarstrom FH HD, die Betreiber und Eigentümer der Anlagen ist, beteiligt. Insgesamt hat Wirsol auf 23 Dächern in Heidelberg, Nußloch, Eppelheim, Leimen und Walldorf Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 588 Kilowatt installiert. Diese versorgen jetzt die 239 Wohneinheiten mit sauberem Solarstrom.

Verordnung fehlt noch immer

Beim Projektierer aus Waghäusel geht man ohnehin nicht davon aus, dass noch eine Verordnung aus dem Bundeswirtschaftsministerium herauströpfelt, die Mieterstrom dem Eigenverbrauch gleich stellt. Um so besser, wenn es dann doch geschieht, was allerdings in dieser Legislaturperiode eher unwahrscheinlich ist, weil der Zeithorizont bis zur Bundestagswahl dann schon sehr eng ist. Trotzdem lohnen sich solche Projekte immer mehr. Die Projekte rechnen sich vor allem aufgrund der eingesparten Kosten gegenüber dem Strom aus dem Netz. Die weitere Erhöhung der Netzentgelte durch die Netzbetreiber ist eine Steilvorlage für die dezentrale Energiewende allgemein und Mieterstromprojekte im Besonderen. So lange Gabriel mit seiner auf die Großunternehmen ausgerichteten Energie- und Wirtschaftspolitik hier keinen Einhalt gebietet, braucht er gar keine Verordnung zu erlassen, um den Mieterstrom auch in anderen Regionen attraktiv zu machen. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass die steigenden Kosten für die Verbraucher in Kombination mit sinkenden Preisen für die Anlagen solche Projekte wie sie Wirsol quasi gegen das Tun, oder besser gesagt das Nichttun des Bundeswirtschaftsministeriums durchgezogen hat, weiter forcieren. Um die Kostenstruktur weiter zu optimieren, hat Wirsol bei den jetzt realisierten Projekten zusätzlich auf die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern gesetzt. „Durch die Zusammenarbeit regionaler Unternehmen lassen sich enorme Potenziale erzielen wie das Projekt anschaulich zeigt“, betont Johannes Groß, Vertriebsleiter von Wirsol.

Mieterstrom unterstützt Einsatz zukunftsweisender Energielösungen

Die Mieterstromprojekte haben aber noch einen weiteren Vorteil, der den Ausbau weiter vorantreiben wird. „Mieterstrom senkt die Wohnnebenkosten, erleichtert Investitionen in Energieeffizienzmaßnahmen der Gebäude, verkürzt die Amortisationszeiten und unterstützt damit auch den Einsatz zukunftsweisender Energielösungen wie zum Beispiel Batteriespeicher oder Elektromobilität“, bringt es Florian Henle, Geschäftsführer des Münchner Ökostromversorgers Polarstern, auf den Punkt. Auch die Münchner bauen trotz fehlender Verordnung weitere Mieterstromprojekte. So wird das Unternehmen im Westen von Esslingen ein riesiges Mieterstromprojekt umsetzen. Denn dort entsteht gerade ein ganz neues Quartier. Auf 26.500 Quadratmetern werden bis 2022 immerhin 500 Wohneinheiten und zusätzliche Gewerbeflächen gebaut.

Polarstern wird neun Gewerbeeinheiten und 132 Wohnungen in einem der Gebäudekomplexe, der bis 2018 fertig werden soll, komplett mit vor Ort produziertem Strom versorgen. Mit einer Kombination aus Photovoltaikanlage, Blockheizkraftwerk und Brennwerttherme – beide werden mit Biogas betrieben – können die die Gebäude komplett klimaneutral versorgen.

Diese Projekte zeigen ganz klar, dass keine Wirtschafts- oder Energieminister die Energiewende auf Dauer aus den Städten heraushalten können wird. Sie wird sich durchsetzen, weil die dezentrale Versorgung eben preiswerter als das alte Energiesystem ist. Und auch ohne Gleichstellung des Eigenverbrauchs aus Anlagen auf Mehrfamilienhäusern mit dem aus Anlagen auf Gewerbeimmobilien wird der Solarstrom für Mieter immer konkurrenzfähiger. Schließlich graben sich die Netzbetreiber mit ihrer Gier nach kurzfristigen Gewinnen immer mehr selbst das Wasser ab. (Sven Ullrich)

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2 Kommentare zu "Mieterstrom: Der Ausbau geht weiter – ein Kommentar "

  1. David Kummer BGE - 19.01.2017, 19:14 Uhr (Kommentar melden)

    @Kope, die Versorgung über so komplizierte Systeme, ist ja vom Gesetzgeber aus gewollt. Einfacher wäre es, wenn im Haus diereckt verbrauchter Strom, gar keine EEG umlage anfallen würde, aber das ja wie schon im Beitrag nicht erlaubt. Selbst der Eingenverbrauch von selbsterzeugtem Strom für Firmen wird ja noch mit 2,3Cent belastet. Das soll zu 100% den Ausbau bremsen, den dann fallen ja auch keine Steuern oder änliches an. Es soll so auch offensichtlich die großen Anbieter vor dem Konkurs bewart werden.
    Der große Vorteil dieses Jahr ist aber, durch die wieder einmal stark gesteigenen Grundgebühren und Aufschläge auf den Strompreis(bei mir auch nicht wenig), lohnt es sich immer mehr sich Autark zu machen. Selbst letztes Jahr wäre man so schon nach etwa 8-10 Jahren soweit, das nur noch die Unterhaltskosten den Strompreis bestimmen. Ab diesem Jahr geht das noch schneller. Ich finde es nur schade, das ich noch zur Miete wohne, und sich dies in nächster Zeit leider nicht ändern wird.

  2. Kope - 19.01.2017, 16:34 Uhr (Kommentar melden)

    Hm, soweit ich es der Presse entnehmen konnte handelt es sich bei dem Heidelberger Projekt mitnichten um das hier beschworene Mieterstrom Modell ( = möglichst viel des PV-Stroms wird nicht ins Netz eingespeist sondern unmittelbar in den Wohnungen im gleichen Haus verbraucht, mit dem Effekt der Netzentlastung und günstigem Strompreis für die Mieter des Hauses). Vielmehr wird bei diesem Modell der PV Strom zu 100% EEG vergütet ins Netz eingespeist und die Mieter erhalten die Möglichkeit mit Vermieter (die Baugenossenschaft) nebem dem Mietvertrag einen zusätzlichen Stromliefervertrag abzuschließen. Genau gesagt mit der Solarstromtochter der Baugenossenschaft die einen gemeinsame Gesellschaft mit dem lokalen Versorger (Stadtwerke HD) ist. Im Klartext: Mit dem Angebot an die Wohnungsbaugesellschaft, über den Verkauf von Strom (mittels einer gemeinsamen Gesellschaft mit dem Stromversorger) eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, holt sich der Versorger diese für ein "Mieterstrom Verhinderungsmodell" ins Boot und sichert sich damit alte und neue Stromkunden (und mit der Wohnungsbaugesellschaft einen Außendienstler für die Kundenwerbung) UND die Strommenge die er an diese - vollkommen unabhängig von den auf dem Dach des hauses produzierten Solarstrommenge - verkaufen kann. Umgesetzt und hier als Mieterstrom gepriesen wird ein Projekt, dass exakt die am Anfang bemängelte Zielsetzung von Siegmar Gabriel realisiert die sollen ihren Strom gefälligst weiter beim Versorger kaufen und nun, als zusätzliche (Mieter)Geldeinnahmequelle, bundesweit interessierten Wohnungsbaugesellschaften und Energieversorgern angeboten wird. Im Ergebnis wird die dezentrale Erzeugung (von EE-Strom) mit dem Erhalt zentraler Versorgung verbunden.

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