26.07.2018
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Kommentar Anteil Grünstrom

Schon 38 Prozent Grünstrom - geht noch mehr?

Der Anteil von Strom aus Erneuerbare-Energien-Anlagen steigt und steigt. Mit nun 38 Prozent an der Bruttostromerzeugung des ersten Halbjahres 2018 haben die Erneuerbaren einen neuen Satz nach vorne vollbracht. Es ist eine für das Klima in vielem gute Entwicklung - wenn nur der anhaltend hohe Anteil von Braunkohle- und Kernenergie-Verstromung nicht wäre.

 - Wie viel Wind- und Sonnenstrom passt ins Netz? Offenbar immer noch mehr: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Bruttostromerzeugung beträgt jetzt bereits bis zu 38 Prozent - an der Nettostromerzeugung sogar 41 Prozent. Doch warum können ausgerechnet Braunkohle- und Atomkraftanlagen weiter ungebremst ins Netz einspeisen?
Wie viel Wind- und Sonnenstrom passt ins Netz? Offenbar immer noch mehr: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Bruttostromerzeugung beträgt jetzt bereits bis zu 38 Prozent - an der Nettostromerzeugung sogar 41 Prozent. Doch warum können ausgerechnet Braunkohle- und Atomkraftanlagen weiter ungebremst ins Netz einspeisen?
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Konkret nahm die Grünstromeinspeisung von 104 Terawattstunden (TWh) der ersten sechs Monate im Jahr 2017 auf nun 113 TWh zu. Die Daten, herausgegeben nun vom Fraunhofer Institut ISE und gerade auch bestätigt durch ähnlich lautende Daten des Energie- und Wasserwirtschaftsverbandes BDEW, bestätigen: Der große Ausbau von Windparks und Anlagen der Photovoltaik (PV) führt wirklich zum entsprechend hohen Regenerativstromanteil in der Stromversorgung der Deutschen. Allerdings muss wohl als bedenklich gelten, dass die Betreiber der unflexibelsten Großkraftwerke mit Braunkohle- und Atomstrom deren Aktivität weiterhin nicht reduzieren.

 - Kommentar: Tilman Weber
Kommentar: Tilman Weber
Foto: Nicole Weinhold

Dabei gab es Sonne und Wind offenbar reichhaltig: 77,5 TWh und damit fast 10 TWh mehr speisten Wind- und PV-Anlagen ein – nach 67,8 TWh im ersten Halbjahr 2017. Alleine die 2017 noch einmal in einem Rekordtempo weiter ausgebauten Windstromerzeugungskapazitäten trugen 7,3 TWh zu diesem Mehrertrag bei und ließen nach 48 TWh im Vorjahreszeitraum nun 55,2 TWh ins Netz fließen. Bei PV nahm die Erzeugung um 2,4 TWh zu. Auch wenn sich das Wetter für Wind- und Sonnenstrom im zweiten Halbjahr noch drehen kann – das insbesondere für die Windkraft aufgrund der saisonal auftretenden Herbststürme eine noch größere Bedeutung hat: Es ist nicht hoch genug wertzuschätzen, dass die Einspeisung von Windkraft und PV dieses Mal anteilig sogar mehr zunahm, als ihr prozentualer Kapazitätszuwachs im maßgeblichen Zeitraum davor betrug.

Davon geht ein nicht unwichtiges starkes Signal auch für die Bundespolitik aus. Windkraft, PV und Co. erreichen jetzt schon knapp den Anteil an der Grünstromerzeugung, den die Politik eigentlich erst 2025 mit dem Ziel eines Anteils an der Stromerzeugung von 40 bis 45 Prozent eingeplant hat. Laut Fraunhofer ISE betrug im ersten Halbjahr 2018 die Nettostromerzeugung - nach Abzug beispielsweise der Stromversorgung von Bergwerken oder der vom Stromnetz unabhängigen Eigenversorgung großer Industrien schon 41 Prozent.

Doch auch auf ein paar Wolken und Turbulenzen lässt die Fraunhofer-ISE-Bilanz im sprichwörtlichen Sinne blicken: Ausgerechnet die Braunkohle- und Kernkraftwerke halten ihre noch immer hohe Produktion volle Kraft durch. Sie gelten in der Regelung als besonders unflexibel, wenn es ums schnelle Hochfahren oder Drosseln von Leistung im Ausgleich zum schwankenden Grünstromangebot geht. Von Januar bis Juni speisten die Braunkohlekraftwerke laut ISE mit 66,7 TWh nur 1,3 TWh weniger ins Stromnetz ein als im ersten Halbjahr ein Jahr zuvor. D‘ie Atomstromproduktion aus den Kernkraftwerken nahm sogar wieder um 2,9 TWh auf 34,7 TWh zu – und das, obwohl Ende vergangenen Jahres der Meiler Grundremmingen B mit 1,3 Gigawatt Bruttoleistung im Rahmen des deutschen Atomkraftausstiegs-Fahrplans seinen Betrieb eingestellt hatte. Die Kraftwerksbetreiber begründen ihre Mehrerzeugung damit, dass kaum oder keine Wartungen in diesem Halbjahr fällig waren und daher anders als im Vergleichszeitraum vor einem Jahr keine Betriebsunterbrechungen die Erzeugung reduzierten. Zurück ging die Produktion hingegen bei den flexibleren aber dennoch weniger rentablen Steinkohle- und Gaskraftwerken. Während die Steinkohle nur noch eine Stromerzeugung von 36,85 TWh befeuerte – ein um 9,2 TWh geringeres Volumen als im Vorjahr – erzeugten die Gaskraftwerke noch 19,7 TWh: 6,6 TWh weniger. Prozentual ging damit ausgerechnet die Bedeutung der flexibelsten konventionellen Stromerzeugungstechnologie mit den geringsten Emissionen des Klimaschadstoffs CO2 am meisten zurück.

Das vom Fraunhofer ISE veröffentlichte Ergebnis der Einspeisung aus Erneuerbare-Energien-Anlagen lehrt somit erneut: Weder der Markt, noch die technisch eigentlich durch den Bedarf der Stromnetzregelung entstehenden Notwendigkeiten sorgen ohne weitere politische Regelung schon dafür, dass sich die Energiewende zumindest am Strommarkt schon richtig einpendelt.

Immerhin, das soll bei aller Kritik nicht verschwiegen werden: Die Netto-Exporte der Elektrizität aus dem sonst überfüllten deutschen Stromnetz in die Nachbarländer gingen nach mehreren Jahren stetiger Zunahme leicht um 3,6 TWh auf 22 TWh zurück. Die wachsenden ins Ausland geleiteten Überschüsse der deutschen Stromproduktion hatten in der Vergangenheit die These skeptischer Strommarktbeobachter genährt, dass die konventionellen Kraftwerke trotz wachsender Grünstromerzeugung ihre Erzeugung gar nicht zurückfahren müssten. Denn sie könnten noch auf längere Sicht mit Hilfe der für sie günstigen Strommarktdynamik immer mehr Strom durch die Leitungen über die Grenzen hinaus drücken. Aber auch die insgesamt in Deutschland produzierte Strommenge nahm im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 dieses Mal nicht mehr zu. Tatsächlich nahm zudem im Stromhandel auch erstmals der Day-Ahead-Preis wieder leicht zu: Für den einen Tag vor der Lieferung kurzfristig eingekauften Strom stieg der Strombörsen-Mittelwert im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 von 34.05 auf 34,75 Euro pro Megawattstunde.

Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bestätigt den Trend : Der traditionell im Vergleich zum Fraunhofer ISE etwas vorsichtiger rechnende Verband bilanziert fürs erste Halbjahr 2018 erstmals einen Anteil des Grünstroms an der Erzeugung von 36,3 Prozent nach 32,5 Prozent aus dem Vorjahr.

(Tilman Weber)

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2 Kommentare zu "Schon 38 Prozent Grünstrom - geht noch mehr? "

  1. Tilman Weber - 29.07.2018, 22:33 Uhr (Kommentar melden)

    Lieber Herr Klane, vielen Dank für Ihre Anregung. Ich habe mittlerweile nachgetragen, dass die in den ersten sechs Monaten 2018 in Deutschland produzierte Strommenge im Vergleich zum selben Zeitraum ein Jahr zuvor dieses Mal nicht mehr zugenommen hat. Das ist natürlich wichtig zu wissen - weil sich hier also nichts verändert hatte, hatte ich diesen Fakt im Artikel zuvor weggelassen. Besser aber ist es, dass es ausdrücklich auch da steht. Ich habe auch die zwei Quellen für die Daten hinzugefügt. Ob Wind- und Photovoltaikstrom in größeren oder kleineren Mengen als ein Jahr zuvor abgeregelt worden sind, halte ich bei der Analyse dieser Zahlen aber zunächst nicht für so wichtig. Falls besonders viel abgeregelt worden wäre, ließe sich ich im Gegenteil halt noch sagen, dass die Steigerung der Ökostromproduktion eigentlich sogar noch höher hätte ausfallen müssen. Wäre viel weniger Wind- und Solarstrom abgeregelt worden, wäre festzuhalten, dass die Wind- und PV-Parks eigentlich eher schlechter als dem Anschein nach Strom produzierten und nur dank besserer Netzdurchleitung auf dennoch noch einmal starkes Wachstum gekommen wären. Anzunehmen, es habe viel weniger Abregelungen von Grünstrom gegeben: dazu besteht zunächst keine Ursache.

  2. Bernd Klane - 27.07.2018, 08:40 Uhr (Kommentar melden)

    Folgende Fragen sind zur Vertiefung interessant: Wenn der Grünstromanteil steigt, die Stromexporte leicht sinken und die Kohlekraftwerke nicht gedrosselt werden müsste ja unser Stromverbrauch merklich gestiegen sein. Wenn ja, ist das ein Mehrverbrauch, der den Primärenergieverbrauch in anderen Sektoren wie Wärmeerzeugung oder Mobilität vermindert? Kann man beziffern, wieviel Windstrom uns entgangen ist, weil die Netze diesen nicht aufnehmen konnten? Da man diese Fragen nicht schnell beantworten kann, wären auch Querverweise auf Informationsquellen hilfreich.

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