10.07.2018
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Windkraft-Bedarf im Süden

"Solar bringt auf der dreifachen Fläche ein Drittel des Ertrags"

Sandra Hook, Vizepräsidentin des Bundesverbands Windenergie (BWE) und Landesvorsitzende des BWE Rheinland-Pfalz/Saarland, spricht im Interview über die Bedeutung der Windkraft für Süddeutschland und die Grenzen der Solarenergie.

 - Sandra Hook ist BWE-Vizepräsidentin und Landesvorsitzende des BWE Rheinland-Pfalz/Saarland.
Sandra Hook ist BWE-Vizepräsidentin und Landesvorsitzende des BWE Rheinland-Pfalz/Saarland.
Foto: BWE

Warum ist es eigentlich so wichtig, dass die Windkraft auch im Süden ausgebaut wird?

Sandra Hook: Die Nähe zu den Verbrauchszentren ist ganz wichtig. Wir haben viel kürzere Wege zur Industrie und natürlich ist es insgesamt für die Systemstabilität sehr wichtig, dass wir die Windkraft in ganz Deutschland ausgebaut bekommen. Weil wenn wir tatsächlich mal eine Flaute an der Küste haben, ist in Bayern aufm Berg trotzdem noch Wind.

Aber in Bayern gibt es ja schon besonders viel Photovoltaik. Warum soll der Süden sich nicht auf Solar fokussieren und im Norden dominiert die Windkraft ?

Schön, dass Sie mich das fragen. Das Argument kommt in der Energiewendediskussion immer wieder. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Solarenergie viel mehr Fläche für nicht einmal annähernd die gleiche Leistung beansprucht. Wir sagen immer, die Solarenergie soll’s richten. Und die Solarenergie, von der ich übrigens ein Riesenfan bin, gleicht die Windenergie toll aus. Aber was man sich klar machen muss: Die Solarenergie ist bei weitem nicht so leistungsstark wie die Windenergie. Wenn wir an die relevanten Freiflächen denken, schaffe ich ungefähr ein Megawatt auf einem Hektar. Hinzu kommt, dass die installierte Solarleistung nur an rund 1.000 Stunden pro Jahr verfügbar ist. Das heißt, auf meinem Hektar kann ich 1.000 Megawattstunden produzieren. Wenn Sie dasselbe mit einem Windrad durchspielen, haben Sie auf einem guten halben Hektar drei Megawatt installiert, und die Anlage läuft 2.500 bis 3.500 Stunden. Sie haben also zweimal den Faktor Drei drin. Wenn wir dieselbe Leistung, die wir über Wind erzeugen, über Solar machen wollten: Das würden wir gar nicht schaffen, ohne uns komplett zuzupflastern.

Was halten Sie denn von der Idee einer mehrfachen Flächennutzung: Wind, Solar und Naturwiesen am selben Standort ?

Diese Überlegungen gibt es schon länger. Ich glaube, dass man das machen kann, obwohl die Verschattung von Windkraft auf den Solaranlagen eine Ertragsminderung bedeutet. Aber wenn wir jetzt sagen, der Süden ist Solarmeister, müssen wir bei der Tatsache bleiben, dass das nicht hilft, wenn er nicht gleichzeitig auch bei der Windkraft massiv zulegt. Ganz wichtig ist die Flächenverfügbarkeit. Solar bringt auf der dreifachen Fläche ein Drittel des Ertrags.

Wir haben ja nicht nur Klimaschutz-, sondern wir haben auch Bodenziele. Es gibt das 30-Hektar-Ziel, das besagt, dass wir bis 2020 pro Tag nur noch 30 Hektar als Siedlungs- oder Verkehrsfläche neu in Anspruch nehmen wollen, hier gehören Betriebsflächen hinzu. Wir sind relativ weit weg von diesem Ziel. Jeder will sein eigenes Haus auf der grünen Wiese, aber dann muss auch die Infrastruktur bitte vorhanden sein. Und es wird noch schlimmer, wenn wir massenhaft Photovoltaik-Freiflächen installieren, weil wir keine Windkraft im Süden ermöglichen. Und das soll kein Photovoltaik-Bashing sein – im Gegenteil: die beiden gehören zusammen, es sind die Techniken, welche komplett freie Ressourcen nutzen.

Wir bringen die Dinge nicht in einen Bezug zu einander. Das hat uns schon die konventionelle Energiewirtschaft gelehrt: Wir erzeugen entweder Wärme oder Strom oder Mobilität. Und wenn wir zum Beispiel an erneuerbare Mobilität denken, ist es immer die Entscheidung Elektromobilität oder Bioenergie. Aber wir reden nie davon, dass man die Dinge zusammenbringen muss und beide der Schlüssel zur Lösung sind. Auf Grund dieser Denke wird auch die Sektorenkopplung bisher nur mäßig umgesetzt. Übertragen auf die  Photovoltaik: wir reden über Ausbauziele und vergessen, dass das zum Beispiel unseren Flächenzielen widerspricht und in Deutschland so nicht möglich ist.

Photovoltaik schafft nicht genug, sagen Sie. Trotzdem hat die Windkraft jetzt das Nachsehen bei technologieoffenen Ausschreibungen?

Man sollte die Technologien nicht gegeneinander ausspielen: Wir brauchen die Windkraft ebenso wie die Photovoltaik für den gegenseitigen Ausgleich und die Decarbonisierung der Energiewirtschaft, genauso wie wir auf Bioenergie und Wasserkraft nicht verzichten können. (Interview: Nicole Weinhold)

Windbranchentag Hessen/Rheinland-Pfalz

Am 29. August veranstaltet der BWE in Wiesbaden den Windbranchentag Hessen/Rheinland-Pfalz. Der zweite gemeinsame Windbranchentag Hessen/Rheinland-Pfalz bringt Windindustrie und Landespolitik miteinander ins Gespräch. Über 300 Teilnehmer diskutieren dabei u.a. mit Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir sowie Ulrike Höfken, Umweltministerin des Landes Rheinland-Pfalz, über die aktuellen Entwicklungen rund um das Thema Windenergie. Infos und Anmeldung: Windbranchentag Hessen/Rheinland-Pfalz  

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4 Kommentare zu ""Solar bringt auf der dreifachen Fläche ein Drittel des Ertrags" "

  1. Dr. Hans-Heinrich Rieser - 28.07.2018, 16:02 Uhr (Kommentar melden)

    Leider startet Frau Hook ihren Artikel mit dem Ausspielen der beiden wichtigsten Arten der Erzeugung erneuerbarer Energien gegeneinander und belegt das mit einem recht schiefen Vergleich. (Da könnte man auch Bioenergie für sinnlos halten, da Blätter nur ein Zehntel des Wirkungsgrades von PV-Modulen haben.) Das ist kontraproduktiv für unser gemeinsames Anliegen der schnellen Energiewende.
    Wie sie später richtig feststellt und was auch die Kommentare herausstellen: Wir brauchen alle Arten der Einsparung und der erneuerbaren Energieerzeugung. Wir müssen sie nur jeweils in der effektivsten Art und Weise, in der sinnvollsten Kombination und eben am richtigen Ort einsetzen. Dazu bedarf es der intensiven Koordination, die nur von den einschlägigen Verbänden ohne Vorbehalte geleistet werden kann, da unsere politischen Entscheidungsträger ja vorwiegend bremsen, um die GROßKOnzerne am Ball zu halten.

  2. Norbert Lohrmann - 12.07.2018, 20:15 Uhr (Kommentar melden)

    Wir sollten bei der Energiewende vielmehr an die Ursachen und nicht an die Symptome denken: ZUERST die Vermeidung von Verbauch bzw. der Ineffizienz beim Verbauch, dann erst an die alternative Energiegewinnung! Luft-Wärmepumpen in Verbindung mit Solarzellen auf dem eigenen Dach bleiben hier als Ergänzung zur Solarzelle leider unerwähnt. Möglicherweise etwas aus dem Rahmen des Titelthemas, aber diese Form der Energiegewinnung ist zur Zeit die billigste, wenn man von schon von "Erträgen" spricht - um dem hauptsächlichen und notwendigen Energieverbrauch: der Wärmegewinnung im Haushalt, eine bezahlbare Alternative zum Kohle- oder Atomstrom zu geben, natürlich nur in Verbindung mit effizienter (Außen-)Dämmung + Lüftung / Wärmerückgewinnung durch Luft-Wärmetauscher, die bei einer Sanierung eines Altbaus die bestren Aussichten geben - wenn sie denn fahcgerecht ausgeführt werden. Zur Mobilität: Die sollte an den Grundlagen geändert werden: Ist es denn notwendig, pro Person 1500-2000kg "mitzuschleppen"? Geht es da nicht eine oder zwei Nummern kleiner? Wenn Jeder mit einem "Panzer" rumfährt, zahlt das halt Mutter Natur, die leider keine eigene Stimme hat., außer einer langfristigen (Antwort), die dann aber umso gewaltiger sein wird...

  3. Christian Sperling - 12.07.2018, 15:13 Uhr (Kommentar melden)

    Also diese Rechnung von Fr. Hook geht nur dann auf, wenn man bei der Windenergie die Abstandsflächen außen vor lässt. Schließt man letztere in die Betrachtung mit ein, kann von einem größeren Flächenverbrauch bei Freiflächensolaranlagen (im Vergleich zu Windenergieanlagen) keine Rede mehr sein. Es ist zwar richtig, dass die Abstandsflächen nicht versiegelt werden müssen und landwirtschaftlich weiter genutzt werden können. Auf der anderen Seite würde aber wohl niemand bestreiten, dass im Falle der Windenergie der Eingriff in die Landschaft größer wäre?! Wie auch immer, es bleibt ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Und wozu, wenn doch jedem klar sein muss, dass für eine erfolgreiche Energiewende in der Zukunft beides (Wind- UND Solarenergie) benötigt wird, auch in Süddeutschland! Da ist eine Diskussion über die effizientere Erneuerbare Energie so unnötig wie ein Kropf.

  4. Broeseler - 11.07.2018, 14:01 Uhr (Kommentar melden)

    Der Begriff laufen (Windrad) und Solarleistung...verfügbar sein ist hier etwas seltsam oder zumindest unklar verwendet. Ein Windrad, das 2.500 bis 3.500 h pro Jahr läuft kann im Zweifelsfall auch nur 1000 Volllaststunden erreichen. Das erreicht eine Solaranlage im Süden in guten Lagen auch, allerdings eben auch nicht in 1000 Stunden, da nicht immer die Volllast erreicht wird. Hier im Schwarzwald in Baden-Württemberg können namhafte WIndkraftgegner immer noch mit angeblichen Volllaststundenzahlen von 900 h/a bei Windkraftanlagen argumentieren. Warum eigentlich? Es wurden inzwischen moderne Anlagen installiert. Warum werden die Zahlen genau dieser Anlagen nicht bekannt gemacht, um Gegnern wahrhaftig den Wind aus den Segeln zu nehmen? Tatsächlich lagen beispielweise die Zahlen der Windkraftanlagen bei Simmersfeld statt prognostizierter 2.300 Volllaststunden bei 1.400 pro Jahr (2008 bis 2013). Sollte Frau Hook über die Zahlen von 2.500 bis 3.500 Volllaststunden (real) verfügen, warum nicht benennen? Sollte sie mit "laufen" tatsächlich nur drehen gemeint haben, sollte man sich die Frage stellen, ob die Fragen an die richtige Person und selbige sich in der richtigen Position befindet. Grundsätzlich ist der Platz oben auf dem Berg sehr begrenzt, in Bayern und in BW, und nicht jeder Berg verspricht tolle Erträge, wie Simmersfeld eindrucksvoll beweist.

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