25.04.2018
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Studie Energy Brainpool

Teure Atomkraftpläne in Osteuropa: Mit Erneuerbaren geht es billiger

In Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn sind Atomkraftwerke mit 15,6 Gigawatt in Planung. Eine neue Studie von Energy Brainpool für Greenpeace Energy kommt zu dem Schluss, dass sich eine sichere Vollversorgung mit Erneuerbaren günstiger realisieren ließe.

 - Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie v.l.: Christoph Rasch, Politik und Kommunikation Greenpeace Energy, Nils Müller, Vorstand Greenpeace Energy, Fabian Huneke, Studienautor Energy Brainpool.
Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie v.l.: Christoph Rasch, Politik und Kommunikation Greenpeace Energy, Nils Müller, Vorstand Greenpeace Energy, Fabian Huneke, Studienautor Energy Brainpool.
Foto: Nicole Weinhold

Der Reaktorunfall von Tschernobyl jährt sich am 26. April 32. Mal. Greenpeace Energy hat den Jahrestag zum Anlass genommen, um die Kosten von in Osteuropa geplanten Atomkraftwerken mit denen einer regenerativen Vollversorgung zu vergleichen. Ergebnis: Atomstrom ist teurer als eine zu jeder Zeit sichere Regenerativversorgung über Erneuerbare und Methangas aus dem Elektrolyseur.

Das vorweg: Deutschland hat den Atomausstieg beschlossen - und dennoch beschäftigt uns das Thema weiter. Wie aus der Politik zu hören ist, würde Wirtschaftsminister Peter Altmaier gern die zwei Atomkraftwerke Brokdorf und Emsland länger als geplant laufen lassen - wenn auch nicht über 2022 hinaus, das Jahr des endgültigen Ausstiegs aus der Atomkraft. Damit könnte ein Teil der Entschädigung der Energiekonzerne finanziert werden - so seine Hoffnung. Wie aus SPD-Kreisen zu hören ist, will man hier aber auf keinen Fall dem Koalitionspartner nachgeben. Denn die AKWs gelten als anfällig. Erst im Februar hatten Experten Im Atomkraftwerk Brokdorf bei einer Inspektion im Abgassystem an einem Kompressor eine gebrochene Passfeder festgestellt.

 - Atomkraftpläne Osteuropa
Atomkraftpläne Osteuropa
Grafik: Energy Brainpool

Während in Deutschland die Atomkraft also ihrem unweigerlichen Ende entgegen geht, sieht es in Osteuropa anders aus. Christoph Rasch, Kommunikationsleiter Greenpeace Energy, erklärt, in den vier für die Studie betrachteten Staaten Polen, Rumänien, Tschechien und Slowakei seien derzeit Atomkraftwerke in Bau oder Planung mit einer Leistung von 15,6 Gigawatt - "das ist ironischerweise etwa dieselbe Leistung, die durch das Abschalten deutscher Atomkraftwerke bis 2022 vom Netz geht." Rasch nennt einige der geplanten Projekte, etwa den Bau zweier Reaktoren in Paks, Ungarn, wo seit Mitte der 80er Jahre vier Reaktoren laufen, die Mitte 2020 vom Netz gehen sollten. 2023 soll mit dem Bau eines Kernkraftwerks in Polen begonnen werden, das 2029 mit drei Gigawatt Leistung einspeisen soll. „Wie soll das finanziert werden? Vorgesehen ist ein Contract for Difference wie beim britischen Atomkraftwerk Hinkley Point C", so Rasch. In vielen Fällen sei die Finanzierung noch nicht geklärt. In anderen Fällen wie etwa beim Beispiel Paks wird mit russischer Hilfe und Technologie gebaut.

Warum betrifft das Deutschland? Der hochsubventionierte Atomstrom führt zu einer Marktverzerrung von rund zwölf Prozent. Dadurch werden die erneuerbaren Energien an der Strombörse benachteiligt. Das wäre ein Rückschlag. Zweitens geht es um das Risiko. Ein Radius von 600 Kilometern, der bei einem GAU evakuiert werden müsste, würde auch Deutschland betreffen. Wie immer - muss man sagen - ist nur ein Bruchteil des Risikos durch Haftungsverträge abgesichert. Greenpeace Energy nennt die Kosten laut Schätzungen 180mal höher als die Summe in den Haftungsverträgen.  Greenpeace Energy Vorstand Nils Müller verweist noch auf die Wertschöpfung, die bei den Erneuerbaren im eigenen Land bleibt, während für die Atomkraft Uran im Ausland eingekauft werden muss. Auch Arbeitsplätze würden durch die Atomkraft nicht in großer Zahl entstehen: "In Flamanville sind es gerade mal 700."

 - Kosten aktueller Atomkraftwerksprojekte im Vergleich zu den veranschlagten Kosten für Bauten in Osteuropa.
Kosten aktueller Atomkraftwerksprojekte im Vergleich zu den veranschlagten Kosten für Bauten in Osteuropa.
Grafik: Energy Brainpool

Fabian Huneke, Autor der Studie für Greenpeace Energy, hat die Kosten für Bau und Betrieb (nicht aber für die Endlagerung) der Atomkraftwerke unter die Lupe genommen. "Das Atomkraftwerk Hinkley Point C bekommt auf die Megawattstunde umgerechnet eine Förderung von 119 Euro. Das ist eine sehr hohe Subvention. Da sieht man, dass die Kosten für den Neubau eines Atomkraftwerks extrem hoch sind." Trotzdem rechnen die Planer in Osteuropa mit niedrigeren Kosten. "Die Kostensteigerung, die wir in Flamanville gesehen haben und die es auch in Hinkley Point C gegeben hat - da stellt sich für mich die Frage, wieso es in den osteuropäischen Staaten deutlich günstiger laufen soll", Huneke. Flamanville kommt auf Gesamtkosten von bis zu 125,6 Euro pro Megawattstunde. "Wir erwarten auch in Osteuropa eine entsprechende Kostensteigerung."

Energy Brainpool hat nun also untersucht, wie teuer es wäre, statt auf Atomkraft lieber auf Erneuerbare zu setzen. Und da Atomkraft nicht fluktuierend ist wie die Erneuerbaren und der Vergleich auf Augenhöhe passieren sollte, haben die Studienautoren nicht nur die Kosten der Erneuerbaren in Rumänien, Polen, Tschechien und Slowakei betrachtet, sondern auch den Einsatz von Power-to-Gas für die Methanisierung von Regenerativstrom, um diesen speicherbar zu bei Bedarf abrufbar zu machen. "So ist die Versorgungssicherheit mindestens so hoch wie bei der Atomkraft", erklärt Huneke. "Es ist eher eine konservative Abschätzung." Hinzu komme, dass der Zinssatz für erneuerbare Energien in Osteuropa recht hoch ist, weil er mit Risiken beaufschlagt ist. "Die Finanzierungsbedingungen sind dort schlecht, was ein Investitionshemmnis bedeutet."

In der Grafik unten sieht man die Kosten und Leistung, die man benötigt, um die geplanten Atomkraftwerke ersetzen zu können. Bei den Zusatzkosten für die Steuerbarkeit wurde mindestens ebensoviel Gaskraftwerksleistung für den flexiblen Einsatz von Methan eingeplant wie Atomkraftwerksleistung geplant ist. "Jedes Land kann einzeln für sich genug Energie herstellen, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht", so Huneke. In einem kooperierenden Szenario, in dem die Länder das Regenerativpotenzial gemeinsam optimieren und den Gasaustausch zwischen den Ländern betreiben, steigert sich die Wirtschaftlichkeit deutlich. "Das sind wir bei 100 Euro die Megawattstunde."

 - Selbst konservativ gerechnet wären Wind und Solar günstiger als Atomkraft in den Visegrád-Staaten. Mit Power-to-Gas erhöhen sich die Kosten etwa auf Atomkraft-Niveau - sie sinken aber wieder, wenn die Staaten kooperieren, etwa beim Durchleiten von Methangas.
Selbst konservativ gerechnet wären Wind und Solar günstiger als Atomkraft in den Visegrád-Staaten. Mit Power-to-Gas erhöhen sich die Kosten etwa auf Atomkraft-Niveau - sie sinken aber wieder, wenn die Staaten kooperieren, etwa beim Durchleiten von Methangas.
Grafik: Energy Brainpool

(Nicole Weinhold)

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