03.04.2013
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Fachaufsatz

Über den Wipfeln

Windenergie im Wald ist auch für Finanzierer spannend – weil sie gut planbar ist. Die Anforderungen aus Sicht einer Bank.

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Foto: juwi

Die aktuellen krisenhaften Entwicklungen, mit denen sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft derzeit befassen – namentlich die Finanz- und Wirtschaftskrise –, begleiten die Diskussion um eine nachhaltige Energieversorgung. Als entscheidende Voraussetzung für die Realisierung von Windprojekten in Deutschland kristallisieren sich somit für 2013 deren Finanzierbarkeit und die Verlässlichkeit des Vergütungsregimes heraus.
Klar ist: Der Bund strebt einen Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung von 35 Prozent bis zum Jahre 2020 an. 2030 soll der Wert auf 50 Prozent anwachsen. Windenergie an Land soll einen Großteil davon erbringen. Um mit ihr diese ambitionierten Ziele zu erreichen, muss auf verschiedene Varianten gesetzt werden. Zusätzlich zur Nutzung von Standorten durch Repowering – ältere Windenergieanlagen werden durch neue, effektivere Anlagen ersetzt – werden von den Behörden für die Energiewende mit Windkraft großflächig neue Vorranggebiete ausgewiesen. Insbesondere Waldflächen rücken hier in den Fokus. Denn diese machen circa ein Drittel der Gesamtfläche Deutschlands aus. Ihre Einbindung ist für das Erreichen der Ausbauziele unabdingbar.
Wälder galten für Windenergie lange Zeit als unwirtschaftlich, da sie aufgrund ihrer Turbulenzintensität, aufgrund auch der im Vergleich zu Offenlandstandorten erhöhten Investitionsvolumen und der logistischen Herausforderungen einen ökonomisch rentablen Betrieb schwer zuließen.
In den vergangenen Jahren sind Nabenhöhen von rund 140 Metern an Waldstandorten zum Standard geworden – bei Gesamtanlagenhöhen bis zur Rotorspitze von 200 Metern. Somit erreichen die Windenergieanlagen Luftschichten, die eine laminare Anströmung bei geringerer Turbulenzintensität aufweisen. Diese Strömungen sind ebenmäßige, am Blattprofil anhaftende und daher den Rotor durch eine erhöhte Saugwirkung besonders gut antreibende Luftbewegungen. All dies macht den Standort Wald attraktiv für Projektierer, Investoren – und für Banken. Kann die Technik langfristig einen stabilen und prognostizierbaren Output liefern und gibt der Staat ein klares und verlässliches Rechts- und Regulierungsumfeld vor, ist eine wirtschaftliche Nutzung der Windenergie hier möglich, und zwar fast ausschließlich in Form einer Projektfinanzierung.
Zum Hintergrund: Zentrales Merkmal einer Projektfinanzierung ist die Verknüpfung des Schicksals des Projektes mit der Rückführung der Darlehen. Es sind die künftigen Cashflows des Vorhabens, die Geldflüsse, die einzig für die Begleichung der operativen Kosten, die Bedienung des Kapitaldienstes und für Ausschüttungen an die Investoren verwandt werden können. Neben diese Cashflow-Orientierung tritt bei den Beurteilungen von Projektfinanzierungen die Maßgabe einer vertraglichen Einbindung verschiedener Projektbeteiligter, die den Erfolg des Vorhabens unterstützen sollten: das so genannte Risk Sharing.

Projektstruktur zählt

Von besonderem Interesse sind die gesellschaftsrechtlichen Modelle für die Finanzierungen. Derzeit gefragt sind so genannte Offbalance-Modelle – also eine Projektfinanzierung außerhalb der Bilanzen der Investoren, Projektierer und der die Projekte vorentwickelnden Ingenieurbüros. In der Regel umfasst dies die Implementierung eines Finanzierungsvehikels – oft eine durch die Initiatoren gegründete (Ein-)Zweckgesellschaft, auch Special Purpose Vehicle (SPV) genannt.
Regelmäßig werden Windvorhaben in Form von Projektfinanzierungen realisiert, sofern sie eine hinreichende technische Stabilität aufweisen und über ein zugeschnittenes Rechts- und Regulierungsumfeld verfügen. Bei einer Projektfinanzierung garantieren das Vorhaben und dessen Cashflow selbst dieses Umfeld, nicht aber ein als Sponsor der SPV fungierendes Unternehmen, das für die Finanzierung einsteht.
Das Vorhaben muss daher ein geschlossener, in sich rechtlich, technisch und wirtschaftlich tragfähiger Kreis sein, der den Investoren eine glaubwürdige Aussicht auf eine angemessene Eigenkapitalverzinsung und den Fremdkapitalgebern ausreichende Sicherheit auf Rückführung des eingesetzten Kapitals bietet: Das Projekt muss sich selbst tragen, sich selbst finanzieren und gegebenenfalls nach einer Bündelung eine kapitalmarktgerechte Größe aufweisen. Praxis ist bereits auch bei Waldwindprojekten, mehrere solche Turbinenparkunternehmungen als Kapitalmarktwerte zu bündeln und sie dem Kapitalmarkt beziehungsweise einem Investorenkreis zuzuführen. Mit Hilfe verschiedener Sensitivitätsanalysen wird der Liquiditätsplan schließlich Stressszenarien unterzogen, um die Auswirkungen auf den Cashflow zu verdeutlichen. Hierbei greift die Bank auf allgemein zugängliche Marktdaten und eigene Daten zurück.
Dreh- und Angelpunkt bei Windprojekten im Wald stellt indes die Bauzeit dar. Denn die Erfahrungen haben gezeigt, dass es bei Windprojekten im Wald häufiger zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann als bei Offenlandstandorten. Die zeitlich aufwändigeren Verfahren betreffen zum Planungsbeginn umfangreichere Windgutachten, die teilweise auf Windmessungen in Nabenhöhe basieren.
Im weiteren Planungsverlauf schließen sich die Genehmigungsverfahren inklusive beispielsweise der wasserschutzrechtlichen Genehmigungen an. Diese unterliegen nicht zwingend der Konzentrationswirkung der Bau- oder Lärmschutzgenehmigungen nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Und schließlich erweisen sich häufig die Zuwegungen wegen geringer Kurvenradien in den Mittelgebirgswäldern als zeitintensive Herausforderung.
Doch darin liegt für die Waldwindparks auch eine Chance: Eine Verkürzung der Bauzeit nebst einer exakten Zeitplanung sowie die möglichst späten Kaufpreiszahlungen bei den bestehenden Verträgen wirken sich direkt positiv auf die künftigen Cashflows und die möglichen Renditen des Windinvestors im Wald aus. Hierin steckt viel Kostensparpotenzial. Aus mehreren Gründen lässt sich Windenergie im Wald verglichen mit Windparks in offener Landschaft nämlich leichter und besser planen.

Verlässlicheres Planen im Wald

Ein Vorteil ist die Akzeptanz: Durch den umgebenden Wald ist die Sichtbarkeit der Anlagen eingeschränkt. Sie sind häufig nur aus großer Entfernung zu entdecken; das Waldbild selbst hingegen ändert sich kaum. Auch tragen zumeist große Distanzen zu Wohnsiedlungsgebieten zu einem verminderten Konfliktpotenzial in Bezug auf Schall und Schattenwurf bei. Windenergieanlagen im Wald verhelfen außerdem den Kommunen und Waldgenossenschaften als Waldeigentümern durch Mieteinnahmen und Steueraufkommen zu wirtschaftlichen Vorteilen. Zusätzliche Verankerung in einer Region erfahren Windturbinenfelder im Wald als Bürgerwindparks – dadurch lässt sich die Akzeptanz der Bürger und damit auch der Gemeinde für diese Art der Energiegewinnung nachhaltig erhöhen. Die Errichtung des Windparks durch regionale Unternehmen, die Finanzierung über regionale Banken oder die Schaffung von Arbeitsplätzen für die Bürger in der Region sind weitere Vorteile.

Hohe rechtliche Sicherheit

All dies macht Windenergievorhaben im Wald berechenbarer: Es dürfte sich nicht mehr im letzten Moment vor der finalen Genehmigungserteilung noch öffentlicher Widerstand regen; für die Grundstücksflächen gibt es meist nur einen Ansprechpartner – und daher können Aufstellorte der Anlagen und Bau- und Servicestraßen sowie Netzanbindungen gewissermaßen aus einem Guss geplant werden.
So sind die Waldbesitzer daran interessiert, für die Anfahrten der Turbinenbauteile ein ausgeklügeltes Einbahnstraßensystem anlegen zu lassen. Hin- und Rückfahrten auf ein und demselben Weg entfallen somit. Dadurch sind die Lastwagen weniger auf den Straßen unterwegs. Ohnehin sorgen Windenergie- und Walderlasse zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz für hohe rechtliche Sicherheit und für die von den Banken gewünschten Größenordnungen der Projekte. Bearbeitungen von Projektfinanzierungen unter 15 Millionen Euro sind nämlich im Verhältnis zum Ertrag für die Banken in der Regel nicht rentabel. Gemäß der Wunschvorstellung der vorangehenden Landesregierungen werden größere zusammenhängende Gebiete für Waldwindparks ausgewiesen und vergeben, weil die Politik eine Zergliederung der Forsten verhindern will. Zugleich lohnen sich ja auch für Windparkprojektierer die Mehraufwände für das Roden sowie das Einbahnstraßenzufahrtssystem nur, wenn die Größe der Projekte stimmt.
Bei der Standortwahl müssen nur besondere Gegebenheiten berücksichtigt werden: Aus der Perspektive des Naturschutzes sind Standorte zu bevorzugen, die intensiv forstwirtschaftlich genutzt werden, insbesondere Nadelwälder. Auch eventuelle Vorschädigungen des Waldes sind bei der Standortwahl zu berücksichtigen. Alle genannten Flächen müssen schon baumfrei sein.
Ein Vergleich zwischen Offenland und Waldstandorten ergibt, dass je nach Höhe der Windenergieanlagen die Unterschiede in Bezug auf die Gesamtinvestitionsvolumina und Cashflows gering ausfallen. Das gilt besonders, wenn man berücksichtigt, dass auf der anderen Seite besonders windstarke Offenlandstandorte kostenintensivere Tiefgründungen verlangen und von zurückgehenden Vergütungen aufgrund von Korrekturen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) besonders betroffen sind. Darüber hinaus zeigen die bislang vonseiten der HSH Nordbank begleiteten Waldprojekte eine hohe Übereinstimmung zwischen Ist- und Planerträgen.

Potenzial für höhere Renditen

Bei den jüngsten Windenergieprojekten, die realisiert wurden, spiegelt sich die hohe Nachfrage nach den Windparkvorhaben auch im Pricing wider. So werden aktuell Preise zwischen 0,85 bis 0,90 Cent pro Kilowattstunde Planertrag erzielt beziehungsweise bezogen auf die installierte Nennleistung von bis zu 2.000 Euro pro Kilowatt. All dies ist derzeit Ausdruck einer im Vergleich zu Offenlandstandorten kostenintensiveren Errichtung von Windenergieanlagen im Wald, einem niedrigen Zinsumfeld und geringen Renditeerwartungen vieler Marktteilnehmer.
Aus dem Blickwinkel eines potenziellen Investors werden sich die Preise und damit auch die Projektierermarge nach unten zu bewegen haben, wobei sich die Erwartungen an die Eigenkapitalrendite vor Abzug von Steuern derzeit in einem breiten Korridor von zwei bis acht Prozent bewegen. Hierbei sind Offenland- und Waldstandorte fast deckungsgleich. Denn die Verkaufspreise von Windparks orientieren sich an den prognostizierten Energieerträgen an den Standorten selbst. Wenn die Projektierer für die Waldwindparks höhere Gestehungskosten in Kauf nehmen müssen, geht dies zu Lasten der Projektierermarge. Sehr viele Projektierer haben sich diesen Standorten aber bereits genähert, so dass hier 2013 ein deutlicher Zuwachs zu erwarten ist. (Joachim Treder, HSH Nordbank AG)
Dieser Beitrag erschien erstmals in der März-Ausgabe 2013 von ERNEUERBARE ENERGIEN -Das Magazin.

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