03.09.2014
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Warum die Erneuerbaren sich nicht in Kriegen, sondern gegen sie durchsetzen müssen

Die Internationale Energieagentur IEA spricht es aus: Die globale Expansion der erneuerbaren Energien wird in den kommenden fünf Jahren stagnieren. Die Prognose gelte, so lange die jetzige weltweite politische Unsicherheit nicht zurückgehe. Es ist ein Beleg für die Nutzlosigkeit von Krisenerwartungen.

 - Ukraines Präsident Petro Poroschenko am 21. August mit Militärs auf dem Flughafengelände der Schwarzmeer-Stadt Mykolajiw
Ukraines Präsident Petro Poroschenko am 21. August mit Militärs auf dem Flughafengelände der Schwarzmeer-Stadt Mykolajiw
Foto: president.gov.ua

Die IEA notiert es in ihrem dritten regulären Jahresbericht Medium-Term Renewable Energy Market Report . Schon nach 2014, schreibt die IEA, werde sich das Wachstum verlangsamen und dann einfrieren. Die Regenerativenergieanlagen einschließlich Wasserkraft würden ihren Anteil an der Stromerzeugung von schon 22 Prozent bis 2020 noch auf 26 Prozent erhöhen. Die absolute Grünstromerzeugung nehme um 46 Prozent zu. Allerdings gehen 70 Prozent des Wachstums allein auf Nicht-OECD-Staaten zurück: Alle Entwicklungs- und Schwellenländer außerhalb der um die USA und Europa gruppierten westlichen Bündnisse. Und den größten Anteil daran hat China, um einem rasant wachsenden Bedarf an Strom und an Maßnahmen gegen die zunehmende Luftverschmutzung aus der Kohlenutzung nachzukommen.

Ihre Argumentation untermauert die Agentur mit der Berechnung, wonach die jährlichen Investitionen in den Erneuerbaren-Ausbau sogar abnähmen: Bis 2020 pendele sich die aufgewandte Kapitalsumme für neue Erzeugungsanlagen auf 230 Milliarden US-Dollar ein: gemäß aktuellem Kurs 175 Milliarden Euro. 2013 lagen sie bei 250 Milliarden US-Dollar, umgerechnet 190 Milliarden Euro. Freilich seien dafür teils auch sinkende Preise der Anlagen dank technologischen Fortschritts verantwortlich.

Zwar vermeidet die in Paris residierende Organisation in ihrer Zusammenfassung der Untersuchung peinlich jeden Hinweis auf konkrete Krisen. Sie verwendet nicht einmal die Worte Krieg, Konflikt, Krise, Schulden, staatlich oder Finanzen. Doch die unausgesprochene Botschaft ist auch so eindeutig: Finanzkrisen sowie Militäreinsätze oder gar Kriege helfen den Erneuerbaren nicht.

Es mag banal klingen – ist es aber natürlich nicht. Denn immer wieder äußern prominente Unterstützer und Akteure der Energiewende ihre Hoffnung, die Zuspitzung von Krisen werde dafür sorgen, dass Wind-, Wasser-, Sonne-, Bio- oder Erdwärme-Energie als einzig sinnvolle Antwort klar werde.

Hier zeigt sich: Was Entscheider in Politik und Wirtschaft vielleicht insgeheim erkennen und was sie aus kurzfristigen strategischen Interessen tun, klafft nicht ausgerechnet unter großem außen- und innenpolitischen Druck weniger auseinander.

Beispiel USA

So frischt beispielsweise die Brise für den Aufbau von Windenergieanlagen in den USA als größtem potenziellen Markt hinter China allein aufgrund eines Konjunkturzyklus wieder auf. Die unstete nationale US-Energiepolitik hatte deren steuerliche Investitionsförderung zuvor erst mit schon chronischer Verspätung verlängert. Deshalb hatten bekanntlich 2013 fast keine Installationen stattgefunden. Nun meldet die US-Windmüllervereinigung wieder Erfolge: Aktuell seien in den USA Windparks einer Gesamtkapazität von 14,6 Gigawatt im Bau. Angesichts der zwei Jahre dauernden Prozesse vom Investorenentscheid bis zum Netzanschluss mag das auf die gewohnten Ausbauzahlen guter US-Jahre von acht bis zehn Gigawatt hinauslaufen. Entwertet wird die Erfolgsmeldung aber durch das x-te Scheitern des bekanntesten und ältesten Offshore-Windenergieprojektes Cape Wind. Nach 15 Jahren Entwicklungszeit schien es Anfang des Jahres kurz vor der Genehmigung zu stehen. Nun hat die Justiz das Projekt nach Anwenderprotesten erneut mit einem Verfahren gebremst.  

Der Gegensatz muss in der Erneuerbaren-Branche auffallen: Im Trinkwasser-gefährdenden Fracking-Boom bremst die USA nichts – Gasfirmen können den Brennstoff dort unbeeindruckt von Anwohnerprotesten mit Chemikalien aus dem Boden holen. Dieselbe Hemdsärmeligkeit gesteht die US-Politik aber selbst Offshore-Windkraft-Prestigeprojekten nicht zu, obwohl das Land weiter auf den ersten Meereswindpark wartet.

Überhaupt Fracking: Der zum Stellvertreterkrieg zwischen Nato und Russland ausgeartete Ukraine-Krieg scheint den Boden der Akzeptanz für fossile Energiequellen zu kultivieren. So verständigten sich die sieben führenden Industrienationen außer Russland und China bereits im Frühjahr darauf, Fracking als Alternative zur Energieversorgung mit russischem Gas zu bedenken. Schon damals begleiteten deutsche Nachrichtenmagazine dies mit wohlwollenden Artikeln. An diesem Mittwoch forderte die Wochenzeitung Die Zeit ihre Leser per Online-Artikel erneut auf, noch einmal auch über Vorteile einer möglichen Fracking-Exploration in Deutschland nachzudenken. 

Verblassende Hoffnungen in Osteuropa

Dabei war noch vor zwei Jahren die Ukraine eine Hoffnung mancher in die Krise geratener Regenerativ-Unternehmen. Doch die zu Jahresbeginn an die Macht gekommene prowestliche Regierung denkt im Krieg statt über frühere Windkraftpläne energiepolitisch nur nach, wie sie Gas und Kohle statt weiterhin von Russland oder aus dem Osten des eigenen Landes nun aus dem Westen beziehen kann. Auch Russlands Windenergiepläne sind derzeit denen in Moskau wurscht. Dort ist der bald bevorstehende Bau einer Gaspipeline nach China wichtiger, um im östlichen Nachbarland die Absatzalternative zu ausfallenden Kunden in Europa zu finden. Auch dass die Bundesregierung Nachbarland Polen jetzt dazu bewegen kann aus dessen Betonkurs der Kohlestromerzeugung auszusteigen, glaubt niemand. Schließlich fühlt sich die polnische Politikerszene als Vertreterin eines Nato-Frontstaats gegen Russland und beschäftigt sich lieber mit der jüngst erfolgten Wahl ihres Präsidenten Donald Tusk zum außenpolitischen Sprecher der Europäischen Union.

Diese Krisen führen die Energiewende nicht zum Sieg. Sogar dass Deutschland das Klimaziel verfehlen wird, den Treibhausgasausstoß bis 2020 verglichen mit 1990 um 40 Prozent zu reduzieren, scheint akzeptiert zu werden. Fast rührend mutet an, wie Umweltministerin Barbara Hendricks ihre Ideen zum UN-Klimagipfel am 23. September auf der Ministeriums-Homepage ankündigt. Sie wolle der deutschen Präsidentschaft im Club der großen Industrienationen G7 im Jahr 2015 mit gutem Beispiel dienen. Statt das Ziel für 2020 nennt sie ein 55-Prozent-Ziel für 2030. Worte wie Krise, Krieg oder gar nur Problem: Fehlanzeige.

Das macht es gewiss: Wo politische Unsicherheiten nicht einmal als Problem registriert werden, können sie auch gar nicht zum absichtlichen Umsteuern der Energiepolitik führen.

(Tilman Weber)

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1 Kommentar zu "Warum die Erneuerbaren sich nicht in Kriegen, sondern gegen sie durchsetzen müssen "

  1. Herbert Grab - 04.09.2014, 15:35 Uhr (Kommentar melden)

    Lieber Tilmann Weber, Sie sprechen/schreiben mir aus dem Herzen. Die zunehmende Verwilderung der (politischen und ökonomischen) Sitten geht einher mit einer grassierenden Verantwortungslosigkeit unserer Führungseliten. Statt sich um die aktive Gestaltung und Weiterentwicklung des ihnen anvertrauten Gemeinwesens zu kümmern, scheint der Griff nach Geld und Macht mehr und mehr alle anderen Interessen zu verdrängen. Dass die Energiewende dabei unter die Räder kommt, so what...
    Besonders beklagenswert für mich als Journalist ist, dass sich selbst die Kollegen von Spiegel, Stern, Zeit und Co. zunehmend als Stabilisatoren des Systems gerieren. Kritisch begleitet werden allenfalls noch Bürger oder einzelne Großkopfete, die nicht ins Systemkonzept passen oder als Buhmänner taugen. Der Skandal, dass die Politik nur noch das Lied der weltweiten Konzerne singt, mit deren Vertretern man abends fein essen geht, wird so gut wie nicht mehr thematisiert.
    Mit freundlichem Gruß Herbert Grab

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