09.07.2014
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Juwi-Stellenabbau

Krise in Wörrstadt durch EEG-Novelle

Der Wörrstädter Projektentwickler Juwi baut mehr als ein Viertel seines Personals ab, um sich aus einer wirtschaftlichen Schieflage zu befreien. Entgegen eigener Mitteilungen zu Jahresbeginn musste Juwi jetzt einen zweistelligen Millionenverlust aus dem vergangenen Geschäftsjahr einräumen – und will mit einem Interimsgeschäftsführer für Finanzen und Restrukturierung das Gesundschrumpfen bewältigen.

 - Juwi-Windpark am Hungersberg – ein 30-Megawatt-Projekt mit den Vestas-Binnenlandturbinen V112. Ein Joint Venture von Juwi und dem hessischen Energieversorgung Offenbach (EVO) projektierte den Windpark und betreibt ihn: Die EVO-Vorstände Kurt Hunsänger und Heike Heim, Juwi-Gründer Fred Jung sowie die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke und ihr hessischer Amtskollege Tarek Al-Wazir (v.l.n.r.) feierten die Eröffnung nun offiziell.
Juwi-Windpark am Hungersberg – ein 30-Megawatt-Projekt mit den Vestas-Binnenlandturbinen V112. Ein Joint Venture von Juwi und dem hessischen Energieversorgung Offenbach (EVO) projektierte den Windpark und betreibt ihn: Die EVO-Vorstände Kurt Hunsänger und Heike Heim, Juwi-Gründer Fred Jung sowie die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke und ihr hessischer Amtskollege Tarek Al-Wazir (v.l.n.r.) feierten die Eröffnung nun offiziell.
Foto: juwi

Bereits am 1. Juli hatte Juwi selbst in einer Presseerklärung die Probleme eingeräumt sowie die Veränderungen im Vorstand gemeldet. So tauscht Juwi das Führungspersonal in den Bereichen Finanzen aber auch Organisation aus. Die bisherigen Vorstände, CFO Martin Winter und COO Jochen Magerfleisch müssen ihre Positionen räumen. An Winters Stelle wird nun der Münchner Interimmanager Stefan Gros operieren. Und der seit Januar amtierende Chef der Auslandsprojekte Juwis, Stephan Hansen, ersetzt Magerfleisch. Der bisherige Chief Financial Officer (CFO) Winter hatte noch im Januar von einem erfolgreichen Geschäftsjahr 2013 gesprochen sowie einen Gewinn von vier bis fünf Prozent im Verhältnis zum Umsatz in Aussicht gestellt. Angeblich – so war beispielsweise vor gut einer Woche bereits in einem Fachjournalistenbericht zu lesen – konstatiert Juwi auch jetzt noch ein „leicht positives operatives Ergebnis“, wobei der Projektentwickler nicht zur Veröffentlichung seiner Geschäftszahlen verpflichtet ist. Ein positives operatives Ergebnis heißt indes nur, dass Juwi gemäß einer vom Vorstand nicht näher bestimmten Definition des operativen Geschäfts noch in den schwarzen Zahlen liegt, so lange nicht die Kosten von Sondereffekten abgezogen sind.

Juwi-Pressesprecher Michael Löhr sagte auf Anfrage von ERNEUERBARE ENERGIEN zur Begründung der jetzt getätigten Notbremsung, Juwi habe bei einem Jahresumsatz von zuvor einer Milliarde Euro alleine durch das Ende der Vergütung für Großsolaranlagen in Deutschland im Jahr 2013 einen Umsatzeinbruch auf rund 700 Millionen Euro verkraften müssen. Habe das Großanlagen-Geschäft bei Photovoltaikanlagen 2012 noch Einnahmen von 400 Millionen Euro eingebracht, habe dieser Bereich im Folgejahr gar keinen Umsatz mehr erzielt. „Doch wir haben einen Mitarbeiterstamm für einen Ein-Milliarde-Euro-Umsatz und nicht für einen 700-Millionen-Umsatz“, betonte Löhr. Daher müsse Juwi nun die Zahl der Mitarbeiter reduzieren.

250 Mitarbeiter in Deuschland gehen

Von weltweit 1.500 Mitarbeitern wird sich Juwi von 400 Kollegen trennen, davon 250 in Deutschland. Aber auch einige der Auslandaktivitäten könnte das Unternehmen einstellen. Inbesondere überprüfe die neue Geschäftsführung nun die europäischen Märkte, aber auch das Geschäft in Amerika. Zudem wird Juwi gemäß den Ankündigungen die nicht zum Kerngeschäft erklärten Bereiche wie zum Beispiel den Windturbinen-Turmbau, den Stromverkauf oder auch die Unterkonstruktionen von Solaranlagen abstoßen. „Wir sehen keine Alternative zu diesen gravierenden und für viele Mitarbeiter und Freunde des Unternehmens schmerzhaften Maßnahmen, wenn wir unsere Zukunft sichern wollen“, sagen die Firmenchefs Matthias Willenbacher und Fred Jung.

Explizit macht die Juwi-Führung die Energiepolitik und die häufigen Änderungen an den Einspeisetarifen im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verantwortlich. Vor allem die Verschlechterung der Vergütung von Photovoltaikanlagen, das Ende inbesondere der großen Freiflächenanlagen und damit für das frühere Kerngeschäft Juwis, die schlechtere und besonders stark gedeckelte Förderung der Bioenergie, sowie die Stichtagsregelung bei Windparks zählt Juwi hier auf. Die Stichtagsregelung beispielsweise der in diesem Monat noch vom Bundesrat zu bestätigenden EEG-Novelle 2014 sieht vor, dass Windparkprojekte die nicht im Januar genehmigt worden waren, mit der voraussichtlich ab August gekürzten  neuen EEG-Vergütung zurecht kommen müssen. Selbst wo Juwi für Projekte Genehmigungsanträge deutlich vor dem Stichtag eingereicht habe, lasse alleine der Stau bei der Bearbeitung der Anträge in den Behörden die Projekte in die schlechtere Vergütung rutschen, argumentiert Firmensprecher Löhr.

Gute Auslandsprojektpipeline in Sachen Photovoltaik

Allerdings lässt Juwi Detailfragen für die Öffentlichkeit derzeit noch unbeantwortet: Juwi sei „ausreichend finanziert“, lässt Löhr wissen. Doch aktuell sucht das Unternehmen nach einem neuen Finanzinvestor, der mit einer Kapitalanlage sich am Unternehmen beteiligen kann. Bereits Anfang 2014 war mit der Gothaer Versicherung ein so genannter „strategischer Partner“ bei Juwi mit 150 Millionen Euro eingestiegen. Dank einer gut gefüllten Windenergie-Projektpipeline werde das rheinland-pfälzische Unternehmen allein in Deutschland wie 2013 auch 2014 wieder rund 200 bis 300 MW ans Netz bringen können, stellt Juwi in Aussicht.

Unbeantwortet bleibt, warum sich Juwi dann ausgerechnet von zum Nebengeschäft erklärten Bereichen wie der Vermarktung von Windstrom oder der Herstellung von Türmen verabschieden will, während die Windparkprojektierung für Juwi im laufenden Jahr keinen Volumenrückgang erwarten lässt. Ob die Margen aus dem Turmbaugeschäft oder des Stromverkaufs gering sind, oder diese Bereiche bislang eher Zuschussgeschäft waren, beantwortet das Unternehmen ebenfalls nicht. Nicht anders ist es bei der Frage, warum das Großflächen-Solargeschäft in den USA oder in anderen ausländischen Märkten trotz immer wieder vom Unternehmen gemeldeter Projekt-Erfolge die Verlust in Deutschland nicht ausgleichen konnten. „Mehrere Großprojekte stehen kurz vor der Realisierung“, hält Pressesprecher Löhr allerdings zu ausländischen Photovoltaik-Aufträgen fest: Dies sei der Fall „unter anderem in Uruguay, Südafrika, den USA und Australien. Allein in diesen vier Ländern erwarten wir 2014/2015 eine installierte Leistung von mehr als 200 Megawatt. Dazu kommen zahlreiche kleinere Projekte in Chile, Japan, Großbritannien und vielen anderen Ländern.“

(Tilman Weber)

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