November, Gipfel auf der Baustelle des Projekts Hohfleck, des ersten Windparks der Stadtwerke Tübingen (SWT) in ihrer Heimatregion mit (von links) Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, SWT-Chef Ortwin Wiebecke und Bürgermeister Uwe Morgenstern der Standortgemeinde Sonnenbühl
Kommunale Energieversorger bringen neue Wind- und Solarparks mit zusammen mehreren Hundert Megawatt zur Baureife.
Tilman Weber
Nach Jahren bestenfalls stockender Entwicklungsarbeit an Windparks an Land oder Megawatt-Freiflächen der Photovoltaik (PV) haben die Stadtwerke eine Zubauwelle angeschoben. Seit 2024 bringen die kommunalen Energieversorger wieder Wind- und PV-Parks ans Netz. Und kurz- bis mittelfristig bereiten sie Anschlüsse weiterer Rotoren und Module mit einer Erzeugungskraft von vielen Hundert Megawatt (MW) vor. Akteure wie Enercity in Hannover, MVV Energie in Mannheim, SWM in München, die Stadtwerke Münster, Aachen, Tübingen und Fürstenfeldbruck oder das regionale Verbands-Energie-Werk im nordhessischen Korbach arbeiten aktuell sogar an eigenen dreistelligen MW-Zugewinnen ihrer Stromerzeugung durch Wind und Sonne.
Noch Mitte des vorigen Jahrzehnts hatten kommunale Versorger häufiger Windparks in Betrieb genommen. Der Markteinbruch von 2018 bis 2019 infolge des im Erneuerbare-Energien-Gesetz plötzlich erzwungenen Wettbewerbs mit mängelbehafteten Ausschreibungsverfahren stoppte den Trend. Als in den überzeichneten ersten Tendern sich klassische Projektentwickler bei den Vergütungsforderungen unterboten und die amtlich ausgewiesenen Eignungsflächen schnell vergriffen waren, fielen die Kommunalen im Wettbewerb offenbar aus.
Die vorige Bundesregierung dürfte sie ab 2022 wieder ins Spiel gebracht haben. So wirkte die 2021 gebildete Koalition der Sozialstaats-, Energiewende- und Wirtschaftsparteien SPD, Grüne, FDP sofort, indem sie Reformen anschob, zum Beispiel die Ausschreibungsvolumen stark erhöhte und gesetzlich Bundesländer und Kommunen antrieb, schnell viele neue Windkrafteignungsgebiete auszuweisen.
Enercity baut seit 2024 die Windkraft aus
Insbesondere konnten größere Stadtwerke vorlegen, die teils etablierte Projektierungsunternehmen als Beschleunigungseinheiten gekauft hatten. Dank der Fähigkeiten dieser Versorger-Töchter dürften sie ältere Vorhaben aufrechterhalten und nach den Reformen rasch verwirklicht haben. Zum Beispiel Enercity: Im November 2017 hatten die Versorger der niedersächsischen Landeshauptstadt das Projektierungsunternehmen Ventotec in Leer gekauft. Allein 2024 eröffneten die Hannoveraner drei Windparks mit zusammen rund 90 MW in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Im Oktober meldeten sie die Fertigstellung von zwei der vier 5,7-MW-Anlagen im ersten eigenen Windpark in der Heimatregion Hannover. Auch Genehmigungen für zwei Standorte mit weiteren 15,2 MW hat Enercity 2024 eingeholt. Und zuletzt nickte die Region Hannover eine Flächennutzungsplanänderung ab, um einen 176-MW-Windpark von Enercity mit 34 Anlagen noch 2027 in Betrieb zu schicken.
MVV Energie hatte vier Jahre früher in den Solar- und Windparkprojektierer Juwi investiert und übernahm das Unternehmen 2018 ganz. In vier von Juwi entwickelten Windparks mit zusammen fast 110 MW startete MVV Energie 2024 und 2025 die Stromerzeugung und verdoppelte so das eigene Windkraftportfolio auf 233 MW. In beiden Jahren nahm die PV-Kapazität der Mannheimer noch im niederen zweistelligen MW-Bereich auf 76 MW zu, nachdem sie 2022 und 2023 das Gros ihrer Juwi-projektierten Solarstromerzeugung gestartet hatten. Sie hatten da bereits fünf PV-Parks mit 8,1 bis 12,7 MW eröffnet. Bis 2030 will MVV Energie die Grünstromkapazitäten inklusive Bioenergie und Abfallbehandlung vor allem durch Wind- und PV-Parks von 700 auf 2.000 MW verdreifachen.
176 Megawatt, 34 Turbinen – ein geänderter Flächennutzungsplan gab Mitte 2025 dem Windpark Fuhrberger Feld auf Flächen der Kommunen Wedemark und Burgwedel grünes Licht. Enercity will ihn ab 2027 betreiben.
Die Stadtwerke München (SWM) schwenkten 2018 auf einen alternativen Pfad ein, um Windkraftpotenzial anzusammeln. Damals gründeten sie Hanse Windkraft als Konzerntochter, die alte Windräder aufkauft, sie weiterbetreibt und, wo möglich, durch leistungsfähigere Neuanlagen ersetzt. Vor allem durch Zukauf von Offshore-Windparks oder Projekten an Land bundes- wie europaweit erreichten die SWM Ende 2025 pünktlich das ihnen von der Bayern-Metropole gesetzte Ökostromziel. Dadurch erzeugen sie nun so viel, wie die Stadt verbraucht. Als Nächstes wird SWM 2026 drei in Bau befindliche Solarfelder mit zusammen knapp 70 MW in Betrieb nehmen. Bis 2030 sollen sieben Windturbinen mit 40 MW an zwei Standorten erstmals für SWM auch in Bayern drehen. Ende 2022 hatte die bayerische Staatsregierung ihre jede Windkraftentwicklung verhindernde Abstandsvorgabe 10 H weitgehend aufgegeben. Sie untersagt Windenergieanlagen im Abstand ihrer zehnfachen Höhe (10 H) von Wohnhäusern. Mitte 2023 stellten die SWM eine Geschäftsführerin speziell für regionale Energiewende ein, was nun zum Geschäftsfeld wurde.
Wie in Hannover und Mannheim haben auch die Windkraft- und PV-Inbetriebnahmen der Stadtwerke Tübingen (SWT) wieder begonnen. Allerdings sah sich das Unternehmen der schwäbischen Universitätsstadt länger noch durch zögerliche Landespolitik ausgebremst, trotz eines vom langjährigen Oberbürgermeister Boris Palmer klar orchestrierten Energiewendemarschplans. Demnach sollen die SWT 2025 den Bedarf im Tübinger Stromnetz vollständig aus ihrer Erneuerbaren-Erzeugung decken und 400 Gigawattstunden (GWh) liefern, was zuletzt möglich schien. Ende 2028 sollen es sogar 500 GWh sein. Doch erst seit die Landeskoalition aus Grünen und eher windkraftskeptischer CDU 2021 aktiv einen windkraft-genehmigungsfreundlicheren Kurs ihrer Behörden fördert, ziehen außer PV- auch Windkraftvorhaben im Ländle neu an.
200-Megawatt-Offensive und Hybridpark
Von 2020 an nahmen die Tübinger viele Freiflächen-PV-Felder mit grob gepeilt 90 MW in Betrieb, projektiert von Entwicklungsunternehmen wie Abo Energy oder Juwi. Windparks entwickeln die Stadtwerke am Neckar im Verbund mit Bürgergenossenschaften – oder den Kommunalpartnern: ein Bündnis von sechs schwäbischen Versorgern mit SWT im Zentrum. Der erste Kommunalpartner-Windpark für die neue SWT-Ausbauwelle Junge Donau mit 21 MW liefert seit 2023 Strom. Insgesamt werden rund 200 MW in den SWT-Partnerschaften bis 2029 in Betrieb gehen, besagt die Projekte-Agenda. Noch 2025 sollte mit dem 21-MW-Park Sonnenbühl aus fünf Vestas-Anlagen des Typs V150 das erste Turbinenfeld im Tübinger Umland in Betrieb gehen, Inbetriebnahmen weiterer fünf SWT-Windfelder sind 2027, 2028 oder 2029 geplant.
Versorger selbst kleiner Städte peilen in Windkraft-Boomregionen wie Nordrhein-Westfalen neues Windstromeinspeisen ab 2026 an: ob in Aachen oder Herne, Münster oder Meschede. Als einer der größten PV-Parks mit Stadtwerke-Beteiligung ging 2024 der Solarpark Südeifel mit 200 MW an die Sonne. Ein Fünftel des Parks gehört den Stadtwerken Trier, die sich über Stromlieferverträge knapp 60 Prozent der Erzeugung sichern. In den verspäteten Ländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen bilden auch Plattformen wie Energieallianz Bayern, Stadtwerke-Union Nordhessen oder der von den Städtischen Werken Kassel 2025 geknüpfte Stadtwerkeverbund Südniedersachsen finanzierungsfähige Einheiten.
Und sie testen auch Kooperationen mit den Großen. So wollen die Kommunalpartner nun mit den Stadtwerken Stuttgart im Umland der Landeshauptstadt einen Hybridpark aus fast 60 MW Windkraft und 40 MW PV entstehen lassen.
100 Megawatt könnte der Photovoltaik-Windkraft-Hybridpark Weites Feld bei Kleinglattbach im Norden von Stuttgart leisten. Projektpartner sind die Stadtwerke Stuttgart, das schwäbische Stadtwerkebündnis Kommunalpartner und das lokale Unternehmen Stromernte. Die drei Partner wollen den Genehmigungsantrag 2026 stellen.