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Modulfriedhof für Rohstoffe

Sven Ullrich

Durch die Vibrationen ist deutlich zu spüren, wie die Module bersten und Schritt für Schritt in immer kleinere Teile gehäckselt werden. Zwischendurch werden immer wieder einzelne Stoffe aus dem Prozess ausgeschleust und in großen Containern gesammelt. Am Ende bleibt nur noch Photovoltaikglas übrig. Dieses wird bei Reiling für den Einsatz in verschiedenen Anwendungen aufgereinigt. „Das Glas kann danach aufgrund seiner hochwertigen Qualität Anwendung in der Flachglas-, Hohlglas- und Dämmindustrie finden“, erklärt Malte Fislake.

Er ist Betriebsleiter der Recyclinganlage, die Reiling PV-Recycling in einem Gewerbegebiet am Rande von Münster aufgebaut hat. Ihr steht die große Zukunft noch bevor. Die Steigerungsraten sind schon zu spüren. „Wir haben im Jahr 2024 rund 11.000 Tonnen an Solarmodulen recycelt. Im vergangenen Jahr waren es dann schon 17.000 Tonnen“, erklärt Malte Fislake. „Wir stehen da immer noch am Anfang. Denn das sind noch nicht die Mengen, die vorher prognostiziert wurden. Doch es zeigt, in welche Richtung sich das Aufkommen an Altmodulen bewegt.“

Je nachdem, welche Module wir recyceln, haben wir eine Recyclingquote von 82 bis 85 Prozent.

Malte Fislake, Reiling PV-Recycling

50.000 Tonnen recyceln

Reiling beschäftigt sich schon sehr lange mit dem Recycling von Solarmodulen. Die mechanische Verwertung hat sich dabei als diejenige erwiesen, die wirtschaftlich und skalierbar ist. „Wir haben vor über zehn Jahren Erfahrungen mit kleineren Pilotanlagen sammeln können, um nicht nur Glas, sondern auch die anderen Bestandteile wie zum Beispiel Aluminium, Silizium und Kupfer zurückzugewinnen. Danach haben wir dieses Konzept hier in Münster skaliert“, sagt Malte Fislake. Seit 2023 läuft die Anlage im Dauerbetrieb und kann jährlich rund 50.000 Tonnen verarbeiten. Das sind rund 2,5 Millionen Solarmodule, die Reiling jedes Jahr allein mit dieser Anlage recyceln kann. Berechnet auf eine Modulleistung von 300 Watt sind das 750 Megawatt Solarleistung.

Natürlich ist die technologische Entwicklung längst nicht abgeschlossen. „Wir arbeiten ständig daran, den Prozess zu verfeinern“, erklärt der Münsteraner Betriebsleiter. So haben die Ingenieure von Reiling im vergangenen Jahr erfolgreich daran gearbeitet, die Reinheit des Glases, das aus der Anlage kommt, weiter zu erhöhen. Für dieses Jahr steht die Trennung von Silizium und Silber, das bei der Zerkleinerung der Solarzellen anfällt, im Mittelpunkt.

Recyclingquote erhöhen

Das ist notwendig und wird sich auch wirtschaftlich lohnen. Denn die Wiederverwendung möglichst vieler Rohstoffe ist bei Reiling das Ziel. „Je nachdem, welche Module wir recyceln, haben wir eine Recyclingquote von 82 bis 85 Prozent“, sagt Fislake. Bei dem Rest handelt es sich vor allem um polymere Bestandteile, die aus verschiedenen Folien bestehen. Doch auch an der Nachbehandlung der Folie arbeitet Reiling, um die stoffliche Recyclingquote zu erhöhen.

Als Photovoltaikindustrie müssen wir dafür sorgen, dass nur intakte Module das Land verlassen.

Stefan Wippich, Secondsol

Mit einem aufwändigeren Verfahren erreicht das Magdeburger Unternehmen Solar Materials ebenfalls hohe Recyclingquoten. Dies gelingt durch ein thermomechanisches Verfahren, bei dem die Module durch Hitze delaminiert werden. Solar Materials hat ebenfalls auf steigende Mengen an Altmodulen reagiert und 2025 eine industrielle Linie nur für das Recycling von Modulen in Betrieb genommen. Damit verdoppelt das Unternehmen die Recyclingkapazität auf 14.000 Tonnen pro Jahr.

Anlage flexibilisiert

Gleichzeitig hat das Unternehmen seine Anlage flexibilisiert. Dadurch können ganze Systemmodule innerhalb weniger Wochen verlegt werden. „So können wir unsere Recyclinglinie in kürzester Zeit an neuen Standorten einsetzen und genau dort Infrastruktur aufbauen, wo Altmodule anfallen“, sagt Geschäftsführer Jan-Philipp Mai.

Das sind nur zwei der möglichen Recyclingverfahren. „Die Prozesskosten und die Preise für Sekundärrohstoffe werden entscheiden, welche Technologie sich durchsetzen wird“, betont Stefan Wippich, Geschäftsführer von Secondsol, einem Marktplatz für Solarkomponenten im thüringischen Meiningen. Er geht davon aus, dass weitere große Recycler wie Reiling in das Geschäft einsteigen, wenn das Aufkommen weiter wächst. „Die stehen bestimmt schon mit Konzepten bereit und werden einsteigen, wenn ausreichend Tonnagen zusammenkommen“, sagt er. „Auch haben diese Recycler meist bestehende Absatzkanäle, um die Sekundärrohstoffe wieder in den Kreislauf zu bringen.“

300 Euro pro Tonne Altmodule veranschlagt die Stiftung EAR derzeit für das Recycling. Das sind zwischen 2,1 und 2,5 Cent pro Watt – je nach Leistung des Moduls.

Doch was bedeutet das Recycling für die Investoren und Betreiber von Solarparks? Denn sie müssen sich darum kümmern, dass die Module bei den Recyclern ankommen. Denn mit der Einführung der WEEE-Richtlinie auf europäischer Ebene und der Übertragung in das Elektro- und Elektronikgesetz (ElektroG) müssen Solarmodule recycelt werden. „Dazu gibt es verschiedene Rücklaufkanäle“, erklärt Rainer Schmidt, Geschäftsführer von PVEX. Das Unternehmen hat sich auf die Dienstleistungen rund um das Recycling von Solaranlagen spezialisiert. Es organisiert nicht nur den Rückbau der Anlagen, sondern unter anderem auch die Logistik zum Recycler und die Registrierung der Inverkehrbringer der Module bei der Stiftung Elektro-Altgeräte Register (EAR).

Entsorgungskosten einpreisen

So nehmen die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger – also die Wertstoffhöfe – Module an, allerdings nur in haushaltsüblichen Mengen von nicht-gewerblichen Anlagen. Wenn dort ein Container mit Modulen voll ist, wird das an die Stiftung EAR in Fürth gemeldet. Diese gibt einem der registrierten Modulhersteller dann den Auftrag, den Container abholen zu lassen.

Den Transport von Modulen aus ganzen Solarparks muss der Besitzer aber selbst organisieren. Nicht nur das kostet Geld. Auch für das Recycling selbst fallen Kosten an. „Die Stiftung EAR ermittelt jährlich die Entsorgungskosten und legt daraus die Sicherheitsleistung fest, die Inverkehrbringer hinterlegen müssen“, erklärt Rainer K. Schmidt. „Aktuell sind das 300 Euro pro Tonne. Heruntergebrochen entspricht das etwa 2,5 Cent pro Watt für ein altes Modul und etwa 2,1 Cent für ein neues. Denn die Leistung der Module ist stärker gestiegen als die Größe. Dadurch sinken die spezifischen Recyclingkosten pro Watt. Ich kenne keinen einzigen Modulhersteller, der das korrekt einpreist.“

Rückbau kostet auch Geld

Selbst die Rückbaukosten sind nicht zu verachten und sie richten sich nach den Gegebenheiten vor Ort. Laut PVEX liegen sie derzeit im Durchschnitt bei 43 Euro pro Kilowatt. Rainer Schmidt warnt davor, das Recycling stiefmütterlich zu behandeln. Investoren sollten sich genau anschauen, welche Kosten auf sie zukommen und ob diese korrekt eingepreist sind. In der Regel müssen diese schon vorliegen, um überhaupt eine Baugenehmigung für einen Solarpark zu bekommen.

Doch es lauern noch weitere Fallstricke. „Große Freiflächenbetreiber nehmen defekte Module einfach vom Gestell und lagern sie unter den Modultischen“, weiß der PVEX-Chef. „Ab 100 Tonnen greift die Bundes-Immissionsschutzverordnung. Dann ist das eine illegale Mülldeponie. Wenn ein Investor die Anlage nie vor Ort besichtigt, kann es passieren, dass er den Müllberg mitkauft. Das ist illegal, und die Haftung liegt beim Eigentümer, nicht beim technischen Betriebsführer“, warnt er.

Alte Module weiter verwenden

Doch es geht nicht nur ums Recycling von Altmodulen, auch wenn der Großteil, der bei den Recyclern ankommt, tatsächlich Schrott ist, wie Malte Fislake von Reiling bestätigt. Aber die Abfallhierarchie im Paragraph 6 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes gibt der Vorbereitung zur Wiederverwendung den Vorrang gegenüber dem Recycling. Das heißt, noch funktionstüchtige Module müssten aussortiert und weiterverwendet werden. Auf dieses Geschäftsmodell hat sich Tripple Z spezialisiert. Das Unternehmen in Hilden sammelt demontierte Module ein, testet sie und vertreibt sie als Gebrauchtmodule weiter. „Unter den zurück gebauten Modulen sind viele, die definitiv noch zehn, 15 oder sogar 20 Jahre Leistung bringen. Und wenn sie das in einer Region mit 300 Sonnentagen tun statt bei unseren 100 Sonnentagen, dann ist der Nutzen enorm“, erklärt Geschäftsführer Zain El Jouhari.

Unter den zurück gebauten Modulen sind viele, die definitiv noch 10, 15 oder sogar 20 Jahre Leistung bringen.

Zain El Jouhari, Geschäftsführer Tripple Z

Gut durchgetestet

Tripple Z ist als Erstbehandler zertifiziert. Nach eingehender Prüfung der Module werden diese mit Dokumenten und Gewährleistung weitervertrieben. „Das Verfahren ist im Grunde dasselbe wie bei Neuware. Wenn neue Module importiert werden, macht der Besteller immer eine Intervallmessung, um die Flashlisten des Herstellers gegenzuprüfen. Genau das tun wir auch.“ Die Hildener Experten wissen, warum die Module abgebaut wurden. Schließlich kommen derzeit viele Paneele aus dem Repowering oder von Garantiefällen. „Wir führen auch Begehungen vor Ort durch und prüfen Module mit unserer mobilen Teststation, die wir als Anhänger zum Solarpark fahren können. Wir betreiben auch eine feste Teststation in unserem Werk in Hilden, wo wir weitere Prüfungen durchführen. In der Regel testen wir bis zu zehn Prozent der Module, um die Gesamtqualität zu verifizieren“, sagt El Jouhari.

Lückenlos dokumentieren

Auf diese Weise kann Tripple Z eine lückenlose Dokumentation der Module erstellen. „Nur so erteilt der Zoll die Exportfreigabe“, erklärt El Jouhari. Die Module werden zu 80 Prozent exportiert – größtenteils nach Afrika oder in den Nahen Osten. Tripple Z betreibt eigens dafür Niederlassungen vor Ort. Dort liefern die Module noch viel Solarstrom, um etwa Wasserpumpen zu betreiben, und damit Dieselgeneratoren zu ersetzen.

Auch Stefan Wippich von Secondsol geht davon aus, dass Afrika und der Nahe Osten viele noch gebrauchsfähige Module absorbieren werden. „Doch als Photovoltaikindustrie müssen wir dafür sorgen, dass nur intakte Module das Land verlassen und uns darum kümmern, dass die Module am Ende nicht doch als Abfall auf Deponien landen“, sagt er.

Secondsol kauft ebenfalls gebrauchte Module aus Repoweringprojekten auf. Diese werden nach Meiningen transportiert und geprüft. Danach werden sie weiterverkauft oder als Ersatzteile für bestehende Anlagen angeboten. Handwerker und Betriebsführer greifen üppig und gern auf dieses Angebot zurück, wenn sie ein defektes Modul in einer laufenden Anlage austauschen müssen.

Schon deshalb ist eine lückenlose Dokumentation wichtig. „Wir haben die Daten aus dem Monitoring“, sagt er. „Wir kennen etwaige Fehler, die die Module im Feld gezeigt haben, und die Wartungsberichte. Daraus können wir die Qualität der Module ableiten.“ So ist es nicht mehr notwendig, jedes einzelne Modul zu testen. Secondsol kann sich dann auf Losgrößen beschränken, wendet beim Testen etwa VDE-Richtlinien an, die auch für die Qualitätssicherung von neuen Modulen vorgesehen sind.

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