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Präzision und Komplexität

Nicole Weinhold

A nforderungen an Wind- und Ertragsgutachten haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Treiber sind nicht nur steigende Investitionsvolumina und ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien im Stromsystem, sondern auch die zunehmende Komplexität von Projekten. Themen wie Abschattungseffekte, Klimawandel und neue Systemanforderungen erhöhen die Komplexität, während Anforderungen an Bankfähigkeit und Standardisierung den Rahmen zusätzlich verändern.

Ein zentraler Maßstab bleibt dabei die Bankfähigkeit. Finanzierende Institute verlangen belastbare, transparente und nachvollziehbare Prognosen. Doch was genau macht ein Windgutachten im aktuellen Marktumfeld bankfähig? Carsten Albrecht, Geschäftsführer des Gutachterbüros Al-Pro, hält die aktuellen Windgutachten für absolut bankfähig: „In Deutschland haben wir mit der Technischen Richtlinie TR6 einen sehr etablierten Standard, der genau beschreibt, wie Wind- und Ertragsgutachten erstellt werden müssen. Diese Richtlinie ist bei Banken und Investoren sehr gut akzeptiert und hat sich praktisch als Branchenstandard durchgesetzt.“ Jeder Gutachter, der in Deutschland arbeitet, orientiere sich daran – und genau das schaffe Vertrauen bei den finanzierenden Instituten.

In der Regel zahlt sich eine Windmessung aufgrund reduzierter Unsicher­heiten und damit deutlich besserer Finanzierungs­konditionen schnell aus.

Dominik Adler, Geo-Net

„Banken erhalten heute Angaben zum Ertragspotenzial mit einer Standardunsicherheit von etwa 9 bis 15 Prozent“, erklärt Herbert Schwartz, Leiter des Gutachterbüros Anemos-Jacob. Jede Reduktion dieser Unsicherheit wirke sich unmittelbar auf Finanzierungskonditionen aus. Gleichzeitig werde das Potenzial präziser Prognosen in frühen Projektphasen für andere Zwecke noch zu selten genutzt – etwa bei der optimalen Anlagenauswahl, denn auch dabei kann die Prognose helfen.

Die Banken selbst sind beim Thema Ertragsprognose so gründlich, dass sie gewöhnlich zwei unabhängige Gutachten verlangen. Ausnahme laut Deutscher Kreditbank: sehr gute Projektgüte und ein Kreditvolumen unter 75 Millionen Euro. Ein aggregierter Ertragswert reicht normalerweise aus – eine genaue Aufschlüsselung, wann der Park wie viel Energie erzeugt, ist derzeit noch nicht nötig.

Die Grundlage solcher Bewertungen bilden normative Vorgaben. In Deutschland ist die oben bereits erwähnte Technische Richtlinie TR6 weiterhin der Referenzrahmen. Dominik Adler, Geschäftsführer des Hannoveraner Gutachterbüros Geo-Net, betont, die TR6 Rev.12 gebe objektive Bewertungskriterien hinsichtlich der Verwendung von Referenzdaten vor. Dazu zählen unter anderem Anforderungen an Entfernungen, Nabenhöhen und Geländekomplexität. Die praktische Herausforderung liegt jedoch weniger in der Norm selbst als in der optimalen Nutzung verfügbarer Daten. Adler verweist darauf, dass eine gezielte Beratung bereits in frühen Projektphasen entscheidend sei – etwa bei der Frage, ob zusätzliche Messkampagnen notwendig oder sinnvoll sind.

Solche Messungen können die Unsicherheiten erheblich reduzieren. „In der Regel zahlt sich eine Windmessung aufgrund reduzierter Unsicherheiten und damit deutlich besserer Finanzierungskonditionen schnell aus“, so Adler. Besonders in komplexem Gelände oder bei Repowering-Projekten seien die Effekte deutlich spürbar.

IEC-Normen 61400-50-1 ff. beschreiben die Anforderungen an Windmessungen.

Leif Rehfeldt, Deutsche Windguard

Normen und Regeln

Parallel dazu wird die Diskussion um Normen zunehmend differenziert geführt. „Die neueren deutschen Standards für Windgutachten sind grundsätzlich praxistauglich und erhöhen vor allem Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen Gutachten“, erklärt Anemos-Geschäftsführer Lasse Blanke. Hochaufgelöste Zeitreihen – etwa aus den Anemos-Windatlanten – ermöglichten heute eine technisch saubere Umsetzung vieler Anforderungen, beispielsweise bei der detaillierten Modellierung von Betriebsrestriktionen, Fledermausabschaltungen oder Anlagenhysterese.

International flexiblere Modellansätze

Während neue Standards bei der deutschen TR6 Transparenz und Vergleichbarkeit verbessern, warnen Praktiker vor übermäßiger Dynamik. „Bei Richtlinien plädiere ich grundsätzlich für mehr Ruhe“, sagt Schwartz. Häufige Anpassungen führten dazu, dass bestehende Gutachten nachträglich überarbeitet werden müssten – mit entsprechendem Aufwand für alle Beteiligten.

Gleichzeitig ist der Dokumentations- und Prüfaufwand bei der TR6 schon jetzt gegenüber internationalen Standards höher. Die Revision 12 der TR 6 „Bestimmung von Windpotenzial und Energieerträgen“ wurde vom Fachausschuss Windpotenzial (FAWP) der FGW im November 2023 verabschiedet - mit einer Korrektur im Mai 2024. Lasse Blanke hebt hervor: „Die neueren deutschen Standards für Windgutachten sind grundsätzlich praxistauglich und erhöhen vor allem Transparenz und Vergleichbarkeit.“ Gleichzeitig sei der Dokumentationsaufwand höher als in vielen internationalen Märkten. Der zusätzliche Erkenntnisgewinn wird derweil vor allem bei komplexen Standorten oder großen Projekten sichtbar.

„International werden dem gegenüber häufig flexiblere Modellansätze eingesetzt, etwa bei Wake-Modellen oder Klimaanalysen“, erklärt Lasse Blanke. Aber auch im internationalen Kontext zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen Harmonisierung und Flexibilität. Die internationale Perspektive gewinnt ohnehin an Bedeutung. Leif Rehfeldt, Managing Director, Deutsche Windguard GmbH, sieht die IEC-Normenreihe 61400 als zentrale Grundlage: „Die IEC-Normen 61400-50-1 ff. beschreiben die Anforderungen an Windmessungen.“ Gleichzeitig befinde sich mit der IEC 61400-15 eine wichtige Norm zur Standortbewertung und Energieertragsberechnung in Entwicklung. Die TR6 habe sich dennoch international etabliert und werde auch in vielen Märkten außerhalb Deutschlands gezielt eingesetzt, um Bankfähigkeit zu signalisieren.

Bereits eine Abweichung von plus-minus zwei Prozent im Langfrist-Windindex kann Projektbewertungen und Vermarktungserlöse spürbar verändern.

Lasse Blanke, Anemos

Abschattungseffekte und Blockage

Neben normativen Fragen rücken physikalische Effekte stärker in den Fokus – insbesondere Abschattung und Blockage. Während klassische Wake-Modelle seit Jahren etabliert sind, zeigen aktuelle Untersuchungen neue Herausforderungen. Schwartz stellt fest: „Abschattungseffekte spielen beim Zubau sowie bei der derzeit oft relativ dichten Parkaufstellung eine große Rolle.“ In den meisten Onshore-Fällen lieferten die Modelle realistische Ergebnisse, doch in komplexem Gelände oder einzelnen atypischen Konstellationen stoßen sie an ihre Grenzen.

Zusätzlich gewinnt der Blockage-Effekt an Bedeutung. Rehfeldt beschreibt diesen als Vorstaueffekt großer Windparks: „Wind wird bereits vor dem Park abgelenkt.“ Die daraus resultierenden Geschwindigkeitsverluste von ein bis zwei Prozent können erhebliche Auswirkungen auf den Energieertrag haben. Während dieser Effekt offshore bereits berücksichtigt wird, gewinnt er auch onshore zunehmend an Relevanz – insbesondere in Regionen mit hoher Anlagendichte.

Ein weiterer struktureller Einflussfaktor ist der Klimawandel. Lange Zeit spielte er in der Praxis nur eine untergeordnete Rolle, doch das ändert sich zunehmend. Adler betont: „Fragestellungen, die die maßgebliche Richtlinie noch nicht beinhalten, wie der Einfluss des Klimawandels auf den Energieertrag, sollten nicht länger vernachlässigt werden.“ Veränderungen in Windgeschwindigkeit, Windrichtung und Luftdichte seien standortspezifisch und könnten langfristige Ertragsprognosen beeinflussen. Pauschale Aussagen seien jedoch nicht möglich – zu stark seien die regionalen Unterschiede und die Abhängigkeit von globalen Emissionspfaden. Als Entwickler oder Käufer eines Windparks sollten Sie deshalb eine entsprechende Untersuchung durchführen lassen.

Mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien steigen zudem die Anforderungen an die zeitliche Auflösung von Prognosen. Blanke weist darauf hin, dass bereits geringe Abweichungen im Langfrist-Windindex wirtschaftlich relevant werden: „Bereits eine Abweichung von plus-minus zwei Prozent im Langfrist-Windindex kann Projektbewertungen und Vermarktungserlöse spürbar verändern.“ Hochaufgelöste Windatlanten und Zeitreihen ermöglichten heute eine deutlich präzisere Abbildung von Erträgen und deren Variabilität – eine wichtige Grundlage für Direktvermarktung, Speicherintegration und Systemanalysen.

Zeitreihen und Lastgänge

Damit verändert sich auch die Rolle des Ertragsgutachtens selbst. Es entwickelt sich vom statischen Bericht hin zu einem dynamischen Analyseinstrument. Zeitreihenbasierte Ansätze erlauben es, nicht nur Jahreserträge, sondern auch Lastgänge, Preisrisiken und Netzrestriktionen zu bewerten. Diese Entwicklung wird durch neue Projektkonzepte zusätzlich verstärkt.

Ein Beispiel sind Hybridkraftwerke. Benjamin Ahrens, Geschäftsführung Deutsche Windguard Consulting GmbH, beschreibt den Trend zur Kombination von Wind, Solar und Speicher: „Herausfordernd ist dabei die Simulation kombinierter Einspeiseprofile.“ Bei allen Veränderungen auf dem Gebiet der Wind- und Ertragsgutachten stellt sich gleichwohl abschließend die Frage, ob die Gutachten in den vergangenen zehn Jahren genauer geworden sind. „Ich glaube schon“, sagt Al-Pro-Chef Carsten Albrecht. „Allerdings ist es für einzelne Gutachter schwer, das vollständig zu beurteilen.“ Am ehesten sähen große Banken oder Investoren solche Entwicklungen, weil sie viele Projekte vergleichen könnten. „Wir wissen aber aus Rückmeldungen im Windgutachterbeirat des BWE, dass insbesondere größere Revisionen der TR6 spürbare Verbesserungen gebracht haben.“ Gleichzeitig sei die Aufgabe komplexer geworden, weil heute mehr Faktoren berücksichtigt werden müssten – etwa Marktmechanismen, Abschaltungen oder Klimawandel, gibt er zu bedenken.

Wir wissen aus Rückmeldungen im Windgutachterbeirat des BWE, dass größere Revisionen der TR6 spürbare Verbesserungen gebracht haben.

Carsten Albrecht, Al-Pro

Wirtschaftlichkeit und neue Regulatorik

Neben technischen Fragestellungen rücken wirtschaftliche Optimierungen und regulatorische Rahmenbedingungen in den Vordergrund. In internationalen Märkten seien Speicherlösungen teilweise bereits verpflichtend – eine Entwicklung, die auch in Europa erwartet wird.

Wachsende Komplexität

Insgesamt zeigt sich: Das Ertragsgutachten der Zukunft ist deutlich mehr als eine reine Energieprognose. Es integriert klimatologische Entwicklungen, physikalische Effekte wie Blockage, komplexe Betriebsstrategien und systemische Anforderungen. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung bestehen, diese wachsende Komplexität in bankfähige, nachvollziehbare Kennzahlen zu übersetzen. Die Balance zwischen Standardisierung und Flexibilität wird dabei entscheidend sein. Während Normen wie die TR6 und die IEC-Reihe Orientierung bieten, bleibt die Qualität der Gutachten maßgeblich von der fachlichen Interpretation und der projektspezifischen Anwendung abhängig. Und was kommt dann? In Zukunft führt kein Weg vorbei an KI und maschinellem Lernen, etwa im Zusammenhang mit Klimawandel oder Nutzersimulationen.

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