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Europäischer Solarthermiemarkt im Wandel

Solare Fernwärme löst Absatz von Kleinanlagen ab

Der Bau von großen solarthermischen Anlagen zur Nah- und Fernwärmeversorgung nimmt langsam Fahrt auf. Doch kann das Segment den sinkenden Absatz von Kleinanlagen für Eigenheime noch nicht ausgleichen. Dazu muss die Branche aktiver auf Kommunen und Energieversorger zugehen.

Solarthermie Grossanlage Fernwärme
 - Die derzeit größte solarthermische Anlage steht in der Lausitz. Ritter XL Solar hat die Anlage für die Stadtwerke Senftenberg ihne Speicher geplant und realisiert.
Die derzeit größte solarthermische Anlage steht in der Lausitz. Ritter XL Solar hat die Anlage für die Stadtwerke Senftenberg ihne Speicher geplant und realisiert.
Stadtwerke Senftenberg

Die Solarthermie in Europa ist seit Jahres auf Schrumpfkurs. Auch im vergangenen Jahr sank die neu installierte Leistung in den 28 Staaten der Europäischen Union und in der Schweiz im Vergleich zu 2014 weiter. Das geht aus der jetzt veröffentlichten Marktübersicht für die Solarthermie der European Solar Thermal Industry Federation (Estif) hervor. Die Analysten haben in mühevoller Kleinarbeit die gesamten Installationsdaten aller Mitglieder der Europäischen Union und der Schweiz zusammengetragen und mit den Werten des Vorjahres verglichen. Das Ergebnis: Der gesamteuropäische Markt ist um weitere 6,6 Prozent zurückgegangen.

Dänemark und Polen sind die wachsenden Märkte

Der Rückgang des Absatzes von solarthermischen Anlagen in Europa resultiert aus vielen schrumpfenden Einzelmärkten – mit zwei signifikanten Ausnahmen. Ausgerechnet im kühlen Dänemark stieg die Nachfrage um satte 47,6 Prozent. Auch in Polen steht die Solarthermie weiter hoch im Kurs Nahezu unverändert blieben die Märkte in Kroatien sowie Griechenland und auch in Schweden ist der Rückgang um 1,5 Prozent weit unter dem Durchschnitt. Allerdings können diese Märkte nicht die schrumpfende Nachfrage in Deutschland – dem immer noch größte europäischen Solarthermiemarkt – ausgleichen. Hier ging der Absatz um überdurchschnittlich hohe 10,4 Prozent zurück. Im Jahr 2015 wurden in Deutschland nur noch 806.000 Quadratmeter neue Kollektorfläche aufgebaut. Im Jahr zuvor waren es noch 900.000 Quadratmeter.

Dänemark erreicht eine Million Quadratmeter Kollektorfläche

Trotzdem bleibt Deutschland der größte Markt für solarthermische Systeme. Bezogen auf den Ausbau der Solarthermie pro Einwohner und damit deren Anteil an der gesamten Energieversorgung büßt Deutschland aber an Boden ein. Hier ist Österreich viel weiter und auch Dänemark hat Deutschland überholt. Inzwischen hat das kleine und nicht gerade von der Sonnenenergie verwöhnte skandinavische Land die Grenze von über einer Million Quadratmetern Kollektorfläche geknackt.

Der Aufstieg Dänemarks als ein Schlüsselmarkt für die Solarthermie ist vor allem auf den immer weiter forcierten Ausbau von großen Anlagen, der auch im Jahr 2016 weiterging. So baut Arcon Sunmark derzeit in Silkeborg, mitten in Jütland, die bisher größte solarthermische Anlage. Mit einer Leistung von zehn Megawatt werden die Kollektoren mit einer Gesamtfläche von 156.694 Quadratmetern pro Jahr 80.000 Megawattstunden Wärme ins vorhandene Fernwärmenetz einspeisen. Damit wird sie etwa 20 Prozent des Jahresbedarfs des Fernwärmewerks der Stadt an das immerhin 90.000 Einwohner von Silkeborg und der Region angeschlossen sind. Einen Speicher sparen sich die Dänen, da der Wärmebedarf so groß ist, dass die solarthermisch erzeugte Energie sofort einen Abnehmer findet.

Immer ein Abnehmer vorhanden

Ähnlich wird auch die gerade neu in Betrieb genommene Großanlage in Senftenberg in der Lausitz sein. Auf einem einstigen Deponiegelände haben die Experten von Ritter XL Solar im Auftrag der Stadtwerke ein Feld aus Vakuumröhrenkollektoren geplant und errichtet. Mit einer Gesamtkollektorfläche ist es nach Angaben des Unternehmens die derzeit größte solarthermische Anlage in Deutschland. Die Kollektoren werden jedes Jahr 4.000 Megawattstunden mit einer Temperatur von 85 Grad Celsius direkt in das Fernwärmenetz der Stadtwerke Senftenberg einspeisen. Das Netz ist so ausgelegt, dass es selbst als Wärmespeicher genutzt werden kann, wenn die Wärme einmal nicht gleich benötigt wird.

Ein großer Vorteil der solaren Nah- und Fernwärme ist allerdings, dass solche Speicherzeiten in der Regel selten sind. Während die Bewohner von Ein- und Zweifamilienhäusern immer wieder Probleme haben, die produzierte Wärme auch abzunehmen, wenn sie sich keine riesigen Speicher installieren wollen, hat ein Fernwärme- oder ein Stadtwerk immer einen Abnehmer für die Solarwärme.

Chemnitz versorgt Stadtteil mit Solarwärme

Trotzdem sind auch Solarthermieanlagen mit großen Wärmespeichern rentabel, wie es gerade im sächsischen Chemnitz fertiggestellt wurde. Dort heizen zwei Kollektorfelder mit einer Gesamtfläche von 2.100 Quadratmetern das Wasser auf mehr als 70 Grad Celsius auf. Abhängig vom Bedarf wird die Wärme in einem 1.000 Kubikmeter großen Speicher zwischengelagert oder direkt ins Wärmenetz eingeleitet. Das Rohrnetz wiederum arbeitet mit niedrigen Temperaturen, wie es für ein solar versorgtes Nahwärmenetz üblich ist. Denn die Temperaturen jenseits der 100 Grad Celsius, die aus den fossil betriebenen Heizkraftwerken strömten, sind überhaupt nicht notwendig, um die Wärme für die Versorgung von angeschlossenen Haushalten bereitzustellen. Einen riesigen solaren Deckungsgrad von etwa 50 Prozent der gesamten Fernwärmeversorgung kann mit einem Saisonspeicher erreicht werden.

Großanlagen sind wettbewerbsfähig

Die Branche verfolgt schon seit Jahren das Ziel, den Markt weg vom Ein- und Zweifamilienhaus hin zu großen Systemen zu drehen. Der Grund: In der Nah- und Fernwärmeversorgung ist die Solarthermie mit Preisen zwischen drei bis fünf Cent pro Kilowattstunde durchaus komnkurrenzfähig, wie Thomas Pauschinger vom Steinbeis Forschungsinstitut für Solare und Nachhaltige Wärmeenergiesysteme betont. Dabei seien die Preise abhängig von der Größe der Anlage, erklärt Pauschinger auf der diesjährigen Solar District Heating Conferenz im dänischen Billund. Ein Grund dafür ist der Speicher. Die Kosten für die Kilowattstunde gespeicherter Solarwärme sinken mit steigender Größe des Speichers, der wiederum von einer entsprechend großen Solarthermieanlage befüllt werden muss, ergänzt Henrik Lund von der Universität Aalborg.

Politik blickt zu sehr auf den Stromsektor

Die in den vergangenen beiden Jahren realisierten Projekte – nicht nur in Deutschland und Dänemark, sondern zunehmend auch in Österreich und in Schweden – zeigen, dass der Umschwung langsam gelingt, auch wenn das Segment den Rückgang der Nachfrage nach kleinen Systemen längst noch nicht ausgleichen kann. Hier stößt die Solarthermie auf zwei entscheidende Hürden, die noch zu nehmen sind. So konzentriert sich die politische Aufmerksamkeit vor allem auf den Stromsektor gerichtet ist, kommentiert Paul Voss von Euroheat and Power, dem internationalen Netzwerk der Nahwärmeversorger in Europa mit Sitz in Brüssel. Zudem ist immer noch die Ansicht weit verbreitet, die Wärmeanforderungen für Nullenergiegebäude, wie sie von der EU in absehbarer Zeit verlangt werden, können durch immer dickere Dämmung an den Hauswänden erreicht werden, womit der Wärmebedarf selbst sinken würde. Doch diesem Glauben erteilt Voss eine Absage. Denn er betont, dass der Wärme- und Kältebedarf weiterhin den größten Anteil am Energieverbrauch haben wird.

Kommunen und Regionen ansprechen

Deshalb werden solche solaren Nah- und Fernwärmeanlagen immer wichtiger, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Politik muss darauf entsprechend reagieren und die entsprechend günstigen Rahmenbedingungen für solche Soalrwärmesysteme schaffen, fordert Thomas Pauschinger. Das kann durch Regulierung geschehen, aber auch durch Vorgaben für die Wärme- und Stadtplanung. Hier müsse die Branche das schon sehr starke Interesse der regionalen und kommunalen Politik an erneuerbaren Energien nutzen und so die Lücke zwischen Politik und Macht überbrücken und die Marktakteure zu unterstützen, betont Pauschinger. Das könne durch Information und Kapazitätsbildung geschehen, wobei die Energieversorger und die Kommunen hier die ersten Ansprechpartner sein sollten. (Sven Ullrich)