Foto: WAB e.V.

WAB-Windforce

Bitte klare langfristige Perspektiven statt Ausbaudeckel!

Die angehende Interimgeschäftsführerin des Branchen-Netzwerkes WAB, Heike Winkler, über die neue Forderung der Offshore-Windkraftindustrie und der Landespolitik

Tilman Weber

Das Windenergienetzwerk WAB und die Erneuerbare-Energien-Arbeitsgemeinschaft LEE haben einen offenen Brief an den Energieminister Peter Altmaier für schnelleren Offshore-Windenergie-Ausbau initiiert. Die Fraktionen im Landesparlament von Bremen haben ihn unterzeichnet. Sie fordern mit dem Aufruf das Ziel eines Ausbaus der Offshore-Windkraft bis 2035 auf eine Erzeugungskapazität von 35 Gigawatt (GW). Außerdem solle der gesetzliche Ausbaudeckel sofort entfernt werden.

Heike Winkler tritt am 1. Juni das Amt als Interimgeschäftsführerin der WAB an. Die 42 Jahre alte gelernte Journalistin bringt elf Jahre Branchenerfahrung als Dienstleisterin für Public Affairs und Kommunikation für mehrere bekannte Branchenunternehmen mit und ist ausgewiesene Offshore-Windkraft-Expertin.

Hier nimmt sie Stellung. Das Gespräch mit ERNEUERBARE ENERGIEN fand während der Offshore-Windenergiekonferenz Windforce statt, die am Dienstag und Mittwoch in Bremerhaven tagte:

WAB und die Fraktionen des Bundeslandes Bremen überreichten gestern ihre Forderung, bis 2035 ein Ziel von 35 Gigawatt Offshore-Windkraft in Deutschland errichtet zu haben. Das ist noch lange hin. Wollten Sie der Bundesregierung durch eine fernliegende Zielsetzung entgegenkommen, weil die nicht über die nahe liegenden verpassten Klimaziele 2020, aber gerne über ferne Ziele für 2030 und 2050 spricht?
Heike Winkler: Nein, das ist nicht unser Plan, der Regierung entgegen zu kommen. Unsere Idee zielt darauf, für die Branche eine langfristige Planung und verlässliche Rahmenbedingungen zu ermöglichen. Wichtig ist uns insbesondere, dass die Bundesregierung schnell einen Sonderbeitrag von 1,5 Gigawatt neuer Offshore-Windparkprojektierungen noch in diesem Jahr und schnell von insgesamt 3 GW ermöglicht. Wir fordern dabei keine Sonderausschreibung, sondern einen Sonderbeitrag.

Sie haben allerdings auch als Sofortmaßnahme die unverzügliche Beseitigung des Ausbaudeckels in Deutschland gefordert. Wie geht das?
Heike Winkler: Sofort aufheben bedeutet, dass es einen langfristigeren Zeithorizont braucht und die geplanten 15 GW bis 2030 in 35 GW bis 2035 erhöht werden. Die Branche hat die Kapazitäten und kann das auch abbilden. Politische Richtwerte wird es beim Ziel eines Anteils von 65 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromversorgung bis 2030 voraussichtlich geben. Es geht aber darum klar zu machen, dass der Offshore-Ausbau-Deckel von 15 GW bis 2030 nicht dem viel höheren Leistungsvermögen der Branche entspricht. Wir können mehr und wollen mehr tun. Nur so können wir die Wertschöpfungskette entsprechend auslasten, Arbeitsplätze erhalten und ein weiteres Brachenwachstum ermöglichen. Ein starker Heimatmarkt ist eine wesentliche Grundlage für Exporterfolge.

Besonderer Knackpunkt könnte auch der Netzausbau sein, der auf das jetzt festgezurrte Ausbautempo der Offshore-Windkraft synchronisiert ist. Werden wir bei einer Aufhebung der Deckel nicht wieder wegen verspäteten Netzanschlüssen stillstehende Nordseewindparks sehen?
Heike Winkler: Wir rechnen mit der Entwicklung großer Anschlusskapazitäten. Lösungen wie das flexible Wechseln zwischen Netzeinspeisung und Umwandlung des Meereswindstroms in den vielseitig verwendbaren Energieträger Wasserstoff werden aktuell schon viel diskutiert. Auch der Ausbau weiterer Speichermöglichkeiten könnte die Abhängigkeit vom Netzausbau reduzieren.. Wir können als WAB nur immer wieder auf einen beschleunigten Netzausbau drängen. Fest steht: Wir brauchen die Netze. Derweil müssen wir auch darüber nachdenken, wie sich große Unternehmen mit hohem Stromverbrauch in den Küstenregionen ansiedeln können, weil sie CO2-frei erzeugten Strom dort direkt verbrauchen können. Und umgekehrt müssen wir uns klar sein, dass wir den Netzausbau auch unabhängig vom Ausmaß der Offshore-Windkraft in Nord- und Ostsee brauchen.

Die Europawahl steht am Sonntag an. Kann ihr Ausgang eine Wirkung auf den Offshore-Ausbau in Europa und speziell in Deutschland haben?
Heike Winkler: Die Wahl wird zwar keinen sofortigen Einfluss auf die Entwicklung der On- oder Offshore-Windkraft in Europa haben, dennoch ist der Ausgang der Wahl auch für uns wichtig. Die Energieversorgung wird ein zunehmend europäisches Thema und immer weniger national diskutiert. Der Netzausbau etwa muss europaweit gedacht werden, der Klimawandel lässt sich nicht nur vor der eigenen Haustüre lösen.

Können Sie sich in Deutschland überhaupt eine politische Konstellation vorstellen, die eine Aufhebung des Ausbaudeckels denkbar werden ließe?
Heike Winkler: Jede parteipolitische Konstellation sollte sich eine solche Maßnahme zutrauen. Denn schließlich ist das 65-Prozent-Ausbauziel gesetzt. Um die eigenen Klimaziele zu erreichen, müssen die Ausbauziele mit sofortiger Wirkung an dieses Ausbauziel angepasst werden – und das ist eine fraktionsübergreifende Aufgabe.

Am 1. Juni übernehmen Sie die Geschäftsführung der WAB. Gratulation. Welche Entwicklung kann das Windenergie-Netzwerk nehmen, wenn der Ausbaudeckel für die Meereswindkraft in Deutschland tatsächlich deutlich angehoben werden wird?
Heike Winkler: Die Offshore-Industrie wie auch die Onshore-Windenergie würden von einer solchen Entwicklung stark profitieren und ihr volles Potential endlich ausschöpfen. Dann können wir als WAB natürlich auch auf ein schnelleres Mitgliederwachstum hoffen. Wachstum der Branche bedeutet mehr und schnellere Innovationen, eine stabile Wertschöpfungskette und sichere Arbeitsplätze. Das Fundament der WAB sind ihre Mitglieder. Wir nutzen alle Chancen und stellen uns den Herausforderungen im Sinne der WAB-Mitglieder und nutzen die laufende Windforce-Konferenz in Bremerhaven als Austauschplattform und Sprachrohr der Offshore-Windfamilie.

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