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EU-Klimaziel 2030

Deutschland droht Desaster beim 2030-Klimaziel

Eine neue BDEW-Analyse zeigt, dass Wind und Solar massiv ausgebaut werden müssen. BEE sieht noch mehr Bedarf wegen Verkehr und Wärme.

Inhaltsverzeichnis

Nicole Weinhold

Um sicherzustellen, dass die Klima- und Energieziele der EU für 2030 erreicht werden, hat die Europäische Kommission in dieser Woche Empfehlungen zu den Berichten der Mitgliedstaaten ausgesprochen. Hermann Ott, Präsidiumsmitglied des Deutschen Naturschutzring (DNR), kommentiert die Empfehlungen für Deutschland mit deutlichen Worten: „Nun ist es amtlich bestätigt aus Brüssel: Deutschland tut bei weitem nicht genug für den Klimaschutz." Die Maßnahmen in praktisch allen Sektoren, namentlich Energie, Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft, reichten für einen angemessenen Beitrag Deutschlands zum EU-Ziel eindeutig nicht aus.

BDEW-Analyse zu 2030-Zielen

Eine Analyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zeigt, dass für das 2030-Ziel der großen Koalition von 65 Prozent Erneuerbaren im Strombereich 215 bis 237 Gigawatt (GW) Erneuerbaren-Leistung notwendig sind. Dafür seien die derzeitigen Ausbaukorridore unzureichend; 2018 waren insgesamt 120 GW Erneuerbare-Energien-Anlagen installiert. Lediglich 54 Prozent würden so bis 2030 erreicht.

Der BDEW hat zwei Szenarien berechnet, wie die Lücke von elf Prozent geschlossen werden könnte. „Die derzeit bestehenden Flächenbegrenzungen für verschiedene EE-Technologien behindern ausreichende Zubauraten und das Ausschöpfen bestehender Potenziale in den jeweiligen Segmenten“, so Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Es gehe dabei um den 52-GW-Deckel für PV-Anlagen außerhalb des Ausschreibungsregimes, aber auch um die Zehn-MW-Größenbeschränkung für Solarparks und den 15-GW-Deckel für Wind auf See bis 2030. Der BDEW fordert wie auch der BSW Solar eine Aufhebung des Solardeckels, verbunden mit weiteren Maßnahmen zur besseren Markt- und Systemintegration von Strom aus PV-Anlagen.

Offshore-Ziel auf mindestens 17 GW anheben

Der BDEW schlägt zudem vor, den Flächenbedarf an Land zu reduzieren, indem das Offshore-Ziel auf mindestens 17 GW angehoben wird. Die Szenarien-Berechnungen zeigten laut Verband, dass eine Aufstockung der Windenergie auf See den zusätzlichen Bedarf an Windenergie an Land oder Photovoltaik überproportional mindert, da Windenergie auf See die vergleichsweise höchste Auslastung erreicht. Höhere Ausbauziele für Windenergieanlagen auf See und Photovoltaik seien sinnvoll, um Zeit für die Lösung der Akzeptanzprobleme von Windenergie an Land zu gewinnen. Allerdings sei auch bei forciertem Ausbau von Wind Offshore und Photovoltaik ein erheblicher Zuwachs von Wind an Land erforderlich, um das 65-Prozent-Ziel zu erreichen.

Mehr Flächen für Erneuerbare erforderlich

Während Szenario A verstärkt auf besonders kostengünstige Technologien und damit auf Wind an Land setzt, spielt in Szenario B genau umgekehrt Wind an Land eine untergeordnete Rolle. Der BDEW betont, dass mit höherem Anteil an Windenergie Onshore und Offshore insgesamt ein geringerer Zubau erforderlich, weil die Technologie am effizientesten ist, weil also mehr Strom aus installierter Leistung erzeugt wird als bei PV. Insgesamt werden aber laut BDEW alle infrage kommenden Regenerativtechnologien in viel größerem Maß benötigt, als bisher vorgesehen. Voraussetzung hierfür sei eine größere Flächenverfügbarkeit.

Die Flächenverfügbarkeit dürfe deshalb keinesfalls weiter massiv eingeschränkt werden. „Das gilt insbesondere im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen um Mindestabstände zur Wohnbebauung oder Höhenbeschränkungen für Windenergieanlagen an Land", so Kapferer. Diese würden das 65-Prozent-Ziel massiv gefährden.

BEE geht von einem größeren Bedarf an Erneuerbaren aus als BDEW

„Die vorliegende Analyse zeigt deutlich, dass wir mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien derzeit nicht schnell genug vorankommen und auf ein deutliches Ausbaudelta zusteuern", kommentiert Simone Peter, Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie. Hinsichtlich des künftigen Strombedarfs lege der BDEW derweil eine unrealistisch konservative Schätzung an. "Der tatsächliche Zubaubedarf erneuerbarer Energien könnte angesichts der großen Nachfrage nach CO2-freiem Strom aus der deutschen Industrie sowie perspektivisch aus den Sektoren Verkehr und Wärme noch deutlich stärker steigen. Das haben wir in unserem BEE-Szenario 2030 verständlich dargelegt." Peter betont auch die Rolle der Bioenergie in dem Zusammenhang: "Bei der Bioenergie ist ein Stabilisierungspfad erforderlich, um den Rückbau von Biogasanlagen abzubremsen. Nur mit allen Energieträgern gemeinsam bleiben 65 Prozent Erneuerbare bis 2030 möglich."

Stärkung des gewerblichen Eigenverbrauchs

Zubaudeckel seien nicht mehr zeitgemäß, betont auch Simone Peter. "Die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat gerade gestern davon gesprochen, dass beim Klimaschutz 'einiges liegen geblieben' sei und die Regierungskoalition nun 'über den Sommer nachsitzen' müsse." Die ersten Pflichtaufgaben bestünden nach ihrer Ansicht in der Anhebung des 15-GW-Deckels für Wind auf See auf 20 GW bis 2030 sowie in der Abschaffung des Solar-Deckels. Zudem müsse eine Stärkung des gewerblichen solaren Eigenverbrauchs angereizt werden, damit die Energiewende auch in den Städten Fortschritte machen könne.

Finanzierungsmodell für das nächste EEG

Der BDEW hat ein „3-Säulen-Modell“ für einen neuen Finanzierungsrahmen für Erneuerbare entwickelt. Der Verband sieht es als Vorschlag der Energiewirtschaft für eine zukunftsweisende EEG-Reform an. Säule 1 sieht die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Energien im Rahmen des Strommarktes vor. Der Markt und dessen Preissignale sollen die Basis für die Investitionsentscheidung darstellen. Säule 2 dient der Flankierung des Erneuerbare-Energien-Zubaus und stellt das Erreichen der Ausbauziele für erneuerbare Energien sicher. Säule 3 soll dazu beitragen, Prosumer-Lösungen effizient voranzubringen und auf sinnvolle Weise in das Energieversorgungssystem zu integrieren.

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