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Privathaushalte

Energie-Flatrate für Mieter

Sven Ullrich

Wer träumt nicht davon: Strom verbrauchen, so viel man will, und auch die Wohnung heizen, ohne eine Nachzahlung zu riskieren. Eine Energieflatrate – das ist es, was die Cottbuser Wohnungsbaugenossenschaft eG Wohnen in der Lausitzmetropole anbieten wird. Die Bewohner von zwei Mehrfamilienhäusern, die gerade im Stadtteil Sandow entstehen, werden nur eine Pauschalmiete bezahlen – keine zusätzlichen Abschläge an den Strom- oder den Wärmeversorger. Beides ist zunächst in unbegrenzter Menge in der Mietzahlung enthalten. Nur die Vorauszahlungen für die kalten Betriebskosten kommen noch dazu.

Das heißt, für die 10,50 Euro pro Quadratmeter, die die Wohnungsgenossenschaft als Einstiegsmiete veranschlagt hat, können die Mieter nicht nur wohnen, sondern auch so viel Strom und Wärme verbrauchen, wie sie wollen. „Wir wollten eine Wohnalternative in einem Gebiet mit einem angespannten Markt anbieten“, beschreibt Uwe Emmerling, Vorstandsvorsitzender der eG Wohnen, den Ansatz. „Im Mietermarkt gilt es, innovative Angebote zu machen. Dazu kommt der hohe Wohnkomfort in den Gebäuden.“

Komplett mit Solartechnik eingedeckt

Schon deshalb lässt sich der Mietpreis, mit dem die Wohnungsgenossenschaft in das Geschäftsmodell der Pauschalmiete einsteigt, nur schwer vergleichen. Der steigt in Cottbus in Neubauten in der Regel nicht über 9,30 Euro pro Quadratmeter. Für Neubauten in Sandow gibt der Mietspiegel einen Quadratmeterpreis von 7,10 Euro an. Das sind aber Kaltmieten. Die Bewohner der neuen Häuser werden aber besser dastehen, wenn am Ende die gesamten Wohnkosten auf dem Tisch liegen.

Die zentrale Frage ist: Wie rechnet sich das für die Beteiligten? Dazu muss man einerseits das Geschäftsmodell näher beleuchten, andererseits auch einen genauen Blick auf die Gebäudehülle und die Haustechnik werfen. So wird schon auf den ersten Blick klar: Das hier ist kein normaler Neubau, wie er allenthalben in Deutschland gebaut wird. Denn das nach Süden ausgerichtete Dach ist komplett mit Solartechnik eingedeckt. Es ist mit 50 Grad bewusst sehr steil konstruiert, damit die Anlagen auch bei tief stehender Wintersonne noch üppig Ertrag liefern.

Das ist vor allem für die Wärmeversorgung wichtig, die in der kalten Jahreszeit natürlich höher ist als im Sommer. Schließlich sollen die 100 Quadratmeter solarthermische Kollektoren pro Gebäude mehr als die Hälfte der gesamten Wärmeversorgung übernehmen. „Auf der Wärmeseite schaff en wir sogar einen solaren Deckungsgrad von 55 beziehungsweise 65 Prozent“, erklärt Timo Leukefeld. „Da vor einem Haus ein Baum steht, der für Verschattung sorgt, sind dort die solaren Erträge natürlich geringer als die des anderen Gebäudes.“

Auf geringstmöglichen Verbrauch getrimmt

Der Solarprofessor von der TU Bergakademie Freiberg hat das gesamte Konzept entwickelt. Das zielt nicht nur auf eine möglichst hohe Autarkie bei der Wärmeversorgung ab. Vielmehr nimmt es gleich auch die Stromversorgung mit ins Visier. Deshalb ist die obere Hälfte des Dachs mit 48 Solarmodulen eingedeckt. Dazu kommen noch 18 Photovoltaikpaneele an den Ausläufern des Dachs, die die Balkone des oberen Stockwerks einrahmen. Aber auch der obere Teil der Südfassade ist mit Solarmodulen ausgestattet. Dort haben die Installateure noch einmal 36 Module als Abschluss der Gebäudehülle montiert.

Auf diese Weise erreicht Leukefeld eine Solarstromleistung von 29,58 Kilowatt. „Diese reicht aus, um 70 beziehungsweise 77 Prozent des Strombedarfs der Gebäude abzudecken“, sagt der Freiberger Solarprofessor. Das geht auch, weil in jedem der beiden Gebäude ein Stromspeicher mit einer Kapazität von 54 Kilowattstunden montiert ist.

Die gesamten Gebäude sind auf den geringstmöglichen Verbrauch getrimmt. „Wir haben eine sehr massive Gebäudehülle gebaut, die der eines Passivhauses sehr nah kommt“, sagt der Experte. „Die dicken Ziegelwände speichern die Energie und halten die Wärme gut im Haus. Eine dicke Außendämmung wird dadurch überfl üssig. Dazu kommt noch, dass wir für die Beleuchtung ausschließlich LED-Lampen nutzen.“

Üppige solare Deckungsraten

Das verspricht den geringsten Stromverbrauch. Dazu kommt noch, dass Geschirrspüler und Waschmaschinen ans Warmwasser angeschlossen werden, das direkt aus dem riesigen Langzeitwärmespeicher im Treppenhaus kommt und ohnehin vorhanden ist. Der wird wiederum mit der Solarwärme gefüttert, die die thermischen Kollektoren auf dem Dach produzieren. Das spart viel Strom, weil dann die Geräte nicht mehr mühevoll mit Strom kaltes Wasser aufheizen müssen.

Damit hat das Gebäude Energiekosten für Wärme und Strom, die 50 Prozent unter denen eines typischen Passivhauses liegen. Mit diesen üppigen solaren Deckungsgraden bleibt nur wenig Energiebedarf übrig, der aus den Netzen gedeckt werden muss. Den restlichen Strom kauft die eG Wohnen direkt beim regionalen Ökostromversorger und liefert ihn an die Bewohner. Auch dieser ist in der Pauschalmiete enthalten.

Die noch fehlende Wärme liefert ein Gasbrennwertkessel. Hier wäre zwar ein Pelletkessel eine erneuerbare Alternative. Aber diesen lehnt die Wohnungswirtschaft aufgrund des hohen Wartungsaufwands für die Technik und den zusätzlichen Platzbedarf für das Pelletlager ab, wie Leukefeld weiß. „Aber die Erfahrungen aus dem autarken Einfamilienhaus zeigen, dass der Spitzenlastkessel sowieso nur zwischen Ende November und Ende Januar mit einspringen muss“, sagt er. „In den anderen Monaten kann die Solaranlage die Wärmeversorgung weitgehend allein abdecken.“ Eine Aufstellung der Einkaufspreise inklusive Abgaben und Steuern hat ergeben, dass der Vermieter pro Gebäude für etwa 1.200 Euro Strom und 800 Euro Erdgas einkaufen muss, um die Mieter komplett zu versorgen.

Energiekontingente üppig bemessen

Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen. Die eG Wohnen hat die Pauschalmiete erst einmal für fünf Jahre festgelegt. Danach wird sie einen Kassensturz machen und die Miete entweder nach oben oder nach unten anpassen. Zwar ist die Energiemenge, die jeder Mieter verbrauchen kann, üppig bemessen. Doch haben die Planer trotzdem zusätzliche Sicherungen eingebaut, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen. „Dazu muss aber jemand mit drei alten Kühltruhen einziehen“, sagt Leukefeld.

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