Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch

Wann ist genug genug ?

Katharina Wolf

Zehn Jahre ist es her, da beschloss die Staatengemeinschaft in Paris das Ziel, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass dies wohl unmöglich wird. Ein zentrales Problem: Fortschritte werden häufig durch höheren Verbrauch wieder zunichtegemacht. „Bislang setzt die Gesellschaft für das Erreichen der Klimaziele vor allem auf Effizienz und Konsistenz“, sagt Frauke Wiese, Juniorprofessorin für die Transformation der Energiesysteme an der Uni Flensburg. Also darauf, mit möglichst wenig eingesetzten Ressourcen einen möglichst hohen Ertrag zu erzielen und Technologien im Einklang mit der Natur zu nutzen. Effiziente Motoren oder die Nutzung erneuerbarer Energien zur Strom- und Wärmeerzeugung sind dafür Beispiele. Doch das allein reicht offenbar nicht. „Die Benefits dieser technischen Lösungen brauchen wir weitgehend durch Wachstum wieder auf“, erklärt Johannes Thema, Senior Researcher am Wuppertal Institut. So sei beispielsweise zwar der Wärmeverbrauch in Deutschland für Wohnraum zwischen 1990 und 2020 von 244 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter (kWh und Jahr) auf 176 kWh und Jahr gesunken. Weil aber zeitgleich die Wohnfläche pro Kopf von 35 m² auf 47 m² stieg, blieb eine Zahl praktisch unverändert: Pro Person werden rund 8,5 Megawattstunden pro Jahr verbraucht. In anderen Sektoren sieht das kaum anders aus: Dem Wachstum der erneuerbaren Energien steht ein stetig steigender Strombedarf gegenüber. Die Zahl der Elektroautos nimmt zwar zu, doch die Fahrzeugflotte insgesamt wächst noch schneller.

Wir definieren Suffizienz als eine Strategie zur Reduktion des Konsum- und Produktionsniveaus, die auf Ver­änderungen sozialer Praktiken basiert.

Johannes Thema, Senior Researcher am Wuppertal Institut

Helfen kann nach Analysen der beiden Wissenschaftler eine dritte Strategie: die Suffizienz. „Wir definieren sie als eine Strategie zur Reduktion des Konsum- und Produktionsniveaus, die auf Ver­änderungen sozialer Praktiken basiert. So können wir ökologische Nachhaltigkeit sicherstellen und allen Menschen ein soziales Fundament gewährleisten“, sagt Thema. Es geht also darum, einerseits Überkonsum abzubauen und andererseits für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen. Im Forschungsprojekt Ensu haben Wiese und Thema mit weiteren Forschenden die Rolle, die Energiesuffizienz in ­Energiewende und Gesellschaft spielen kann, untersucht, Maßnahmen erfasst und Vorschläge für eine Suffi­zienzstrategie für Deutschland entwickelt.

Nachhaltigkeit attraktiv machen

Wichtig dabei: Für die Ensu-Forschenden stehen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Fokus, weniger der individuelle Verzicht. „Ziel ist es, nachhaltiges Verhalten durch entsprechende Maßnahmen attraktiver zu machen als Überkonsum“, betont Wiese. Dabei sollen sogenannte Pull-Faktoren, die Menschen in die gewünschte Richtung ziehen, der erste Schritt sein. Push-Maßnahmen, wie Vorschriften und Verbote, erst der zweite. „Wir müssen beispielsweise erst einen attraktiven öffentlichen Nahverkehr anbieten, bevor die Innenstädte den Autoverkehr einschränken“, nennt Thema ein Beispiel. „Wenn man gleichzeitig die wohnortnahe Infrastruktur so organisiert, dass Menschen gar nicht mehr so weite Wege zurücklegen müssen, spart Suffizienz nicht nur Ressourcen, sondern ist eine spürbare Verbesserung für das tägliche Leben.“

Damit wir unseren Wohlstand erhalten können, ist es entscheidend, uns unabhängig von wirtschaftlichem Wachstum zu machen.

Frauke Wiese, Juniorprofessorin, Transformation der Energiesysteme, Uni Flensburg

Die Wissenschaftler sehen dabei auch klare Vorteile für den Klimaschutz: „Suffizienz erleichtert die Zielerreichung beim Ausbau der erneuerbaren Energien, einfach weil der Endenergieverbrauch sinkt“, sagt Wiese. Das solle allerdings nicht missverstanden werden als Signal, das Tempo beim Ausbau zu drosseln. „Es geht vielmehr darum, den Umbau auf eine klimaneutrale Gesellschaft ressourcenschonender und schneller zu gestalten.“ Mit dieser Überzeugung sind sie nicht allein: Auch internationale Organisationen wie das International Panel on Climate Change oder die Internationale Energieagentur betonen mittlerweile die Bedeutung von Suffizienz als entscheidendem Hebel für den Klimaschutz.

Dabei kann Suffizienz auf jeder politischen Ebene wirken, vom bundesweiten Tempolimit bis zu modernen Wohnkonzepten in Städten und Gemeinden. Längst haben sich Staaten, Länder und Kommunen mit Suffizienzmaßnahmen auf den Weg gemacht – auch wenn sie nicht immer so heißen. Frankreich verbietet Inlandsflüge auf Strecken, für die es eine schnelle Zugverbindung gibt. In der Schweiz werden große Genossenschaftswohnungen obligatorisch gegen kleinere getauscht, wenn es mehr Zimmer gibt als Personen plus eins. In der Gaskrise haben viele die Heizungen gedrosselt, um den Ausfall der russischen Erdgaslieferungen auszugleichen.

„Der Vorteil der Suffizienzstrategie ist, dass sie für gleich mehrere Krisen, die uns derzeit beschäftigen, eine Lösung bietet“, sagt Thema. „Es gibt Synergien mit anderen Zielen: Durch einen geringeren Druck auf die Ressourcen kann sich die Biodiversität erholen. Wir reduzieren den Flächenverbrauch. Nicht zuletzt machen wir uns unabhängiger von Energieimporten und sorgen für eine bessere Lebensqualität.“

Aber wie passt die Strategie in ein System, das auf Wachstum und Konsum ausgelegt ist? „Wirtschaftliches Wachstum ist ein Gradmesser, aber für sich kein Ziel“, erklärt Wiese. Gesundheitsvorsorge, Verteilungsgerechtigkeit, Klimaschutz – diese echten Ziele ließen sich mit Suffizienzmaßnahmen besser erreichen als durch permanentes Wachstum. Gefährdet das nicht den Wohlstand? Im Gegenteil, so Wiese: „Damit wir unseren Wohlstand erhalten können, ist es entscheidend, uns unabhängig von wirtschaftlichem Wachstum zu machen.“

Bonn: Suffizienz durch Standards für klima­freundlichen Neubau

„Wenn ich in Veranstaltungen Zahlen zum Pro-Kopf-Energieverbrauch im Wohnraum präsentiere, geht immer ein Raunen durch den Saal“, sagt Gesine Schütt vom Bereich Klimavorsorge im Amt für Umwelt und Stadtgrün der Stadt Bonn. Die Stadt am Rhein will 2035 klimaneutral sein. „Dabei allein auf Effizienz zu setzen, ist nicht mehr State of the Art“, betont die Architektin. Im Februar 2025 beschloss der Stadtrat daher neue Bonner Standards für klimafreundlichen Neubau.

Statt also ausschließlich immer strengere Energieeffizienzstandards vorzuschreiben, werden neue Energietechniken sowie Erkenntnisse zu nachhaltigen Bauweisen, Low-Tech-Ansätzen und Flächenverbrauch in die neuen Vorgaben einbezogen. So werden CO2-Emissionen per Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes berechnet. Neben der Energieeffizienz werden auch Bauweise, Energieversorgung und – damit ist Bonn wohl die erste Stadt in Deutsch­land – der positive Effekt eines reduzierten Pro-​Kopf-­Flächenverbrauchs einbezogen.

Folge: Wer mit der Stadt ein optimiertes Flächenkonzept abstimmt, um suffiziente Wohnungen für möglichst viele unterschiedliche Mietende nutzbar zu machen, muss lediglich den Energieeffizienzstandard 55 (EH/EG-55) einhalten statt des strengeren EH/EG-40. „Wer auf weniger Quadratmetern lebt, verbraucht allein dadurch schon viel weniger Betriebs- und graue Energie und produziert so weniger CO2-Emissionen, ganz ohne aufwendigere und teurere Techniken oder Bauweisen“, begründet Schütt. So könne jedes Bauprojekt passende Ansätze verfolgen.

„Wir halten uns dabei an europäische Zielsetzungen und orientieren uns an den Bedingungen der Bundes- und Landesförderung. So bleibt der bürokratische Aufwand handhabbar“, erklärt die Architektin. Ein Argument, das bei der Diskussion um die Standards viele Sorgen ausräumen konnte. Zudem gelten die Standards nur für Neubauvorhaben, bei denen die Stadt Einflussmöglichkeiten hat, etwa über die Aufstellung von Bebauungsplänen und die Vergabe städtischer Grundstücke. „Wir wollen so einerseits Druck aus dem Wohnungsmarkt nehmen und andererseits die Flächenversiegelung minimieren“, erklärt Schütt. Noch sei kein Projekt nach den erst vor einem Jahr beschlossenen Standards errichtet worden, doch sie ist zuversichtlich: „Die Projekte haben lange Vorlaufzeiten. Für uns ist wichtig, dass die Bauvorhaben schon in ganz frühen Phasen die entscheidenden Aspekte des klima­freundlichen Bauens bedenken und dadurch ohne ein späteres Nachsteuern und hohe Mehrkosten nachhaltig werden können.“

Jetzt weiterlesen und profitieren.

+ ERE E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
+ Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
+ Fokus ERE: Sonderhefte (PDF)
+ Webinare und Veranstaltungen mit Rabatten
uvm.

Premium Mitgliedschaft

2 Monate kostenlos testen