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Aufbruch in Blockadezeiten

Nicole Weinhold

Norddeutschland treibt den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft spürbar voran – mit neuen Leitungen, Projekten und Investoreninteresse. Gleichzeitig bremsen unklare Rahmenbedingungen, hohe Kosten und zögerliche Entscheidungen aus Berlin den Hochlauf. Die 3. Norddeutsche Wasserstoffkonferenz, diesmal in Rostock, zeigte eindrucksvoll, wie nah Hoffnung und Frustration derzeit beieinanderliegen.

„Politik & Umsetzung – Was braucht es jetzt?“ lautete das Motto einer Paneldiskussion mit der Autorin dieses Textes als Moderatorin, Landespolitikern, Wissenschaftlern und Unternehmern. Ines Jesse, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit, Mecklenburg-Vorpommern, beschrieb als Vertreterin des Gastgeberlandes zunächst die jüngsten Fortschritte in ihrem Bundesland. In Mecklenburg-Vorpommern werde nicht nur geredet, sondern es passiere vor allem etwas, betonte sie und verwies auf den Bau einer Wasserstoffpipeline zwischen Rostock und Lubmin sowie die Umwidmung einer bestehenden Gasleitung Richtung Süden. Bereits im Dezember ist Wasserstoff durch die Rohre geflossen. Die Wasserstoff-Hubs, die entstehen, und die wachsende Zahl an Investorenanfragen zeigen laut Jesse, dass das Land die richtigen Akzente setze.

Joschka Knuth, Staatssekretär im Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur, Schleswig-Holstein, beschrieb die Situation in Schleswig-Holstein differenziert: „Man hat natürlich ein lachendes und ein weinendes Auge.“ Positiv seien die vielen realen Projekte in der Umsetzung und die Genehmigungsverfahren, die voranschreiten. Gleichzeitig kritisierte er die Bundespolitik scharf: „In Berlin fehlt aktuell die Bereitschaft, klare und verlässliche Instrumente für den Hochlauf zu gestalten. Mit diesem Zögern riskiert die Bundesregierung, dass wir bei der nächsten Schlüsseltechnologie den Anschluss verlieren, statt als Vorreiter wirtschaftliche Chancen zu eröffnen. Da kann man eigentlich nur den Kopf schütteln.“

Kritik an der Bundespolitik

Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, übte ebenfalls Kritik an der Bundespolitik. Er äußerte massive Bedenken bezüglich des Zehn-Punkte-Plans des Bundeswirtschaftsministeriums: „Wir sehen ein massives Ausbremsen der Energiewende.“ Wenn Offshore- und Flächenziele für den Windausbau infrage gestellt würden, gefährde das die Grundlage für günstigen Wasserstoff. Meyer kritisierte insbesondere die hohen Stromkosten: „60 Prozent sind Steuern, Abgaben und Netzentgelte.“ Er forderte, dass Elektrolyseure, die Überschussstrom nutzen, von Netzentgelten befreit werden müssten. „Wir verschwenden Strom, anstatt ihn in Wasserstoff zu speichern.“

Felix Matthes, Forschungskoordinator des Öko-Instituts und kommissarischer Leiter des Nationalen Wasserstoffrats, ordnete die Debatte ein: „Ohne Wasserstoff gibt es keine Klimaneutralität – das ist die Öko-Seite“, stellte er klar. „Und ohne Wasserstoff werden wir große Teile der Industrie nicht halten können.“ Er warnte davor, sich von der Grundstoffindustrie zu verabschieden, und plädierte dafür, die industriepolitische Diskussion ernsthaft zu führen. Die Debatte um CCS an Gaskraftwerken bezeichnete er als „Fata Morgana“ – einen ökonomischen Albtraum, der politisches Kapital binde, während die wirklichen Fragen unbeantwortet blieben.

60 Prozent sind Steuern, Abgaben und Netzentgelte.

Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, kritisiert die hohen Strompreise.

Auswirkungen der Unsicherheit

Robert Vogt, Projektleiter Erneuerbare Energien bei der Enertrag AG, schilderte die dramatischen Folgen der politischen Unsicherheit für Unternehmen in der Wasserstoffbranche: „Die Verunsicherung, die das widerspiegelt und verstärkt, ist Gift für den Markt.“ Er verwies auf Insolvenzen und Rückzüge aus dem Wasserstoffsektor sowie die jüngste Gewinnwarnung von Thyssen-Krupp. Das Abwandern von Technologie-Know-how drohe in dramatischer Art und Weise. „Unsere Industriepartner brauchen einen verlässlichen Rahmen. Das sind Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe – die werden nur umgesetzt, wenn der Rahmen nicht nur da ist, sondern auch verlässlich.“

Adrian Herberger, Head of Hydrogen & SAF bei MB Energy, stellte die Aktivitäten von MB Energy vor: das Engagement bei einer der größten Ammoniak-Produktionsstätten in Texas und den geplanten Ammoniak-Importterminal in Hamburg. Er bestätigte die schwierige Situation für Unternehmen und sprach sich in dem Zusammenhang lösungs­orientiert für das niederländische Swim-Modell aus: „Wenn verschiedene Wirtschaftsteile zusammenarbeiten – Wasserstoff-Fahrzeuge und eine Tankstelle – können beide Seiten eine Förderung erhalten.“ Dieser einfache Mechanismus helfe, kleine Ökosysteme aufzubauen und Schritt für Schritt Inseln der Wasserstoffwirtschaft zu etablieren. Ein Best-Practice-Beispiel also, das wirtschaftliche Chancen eröffnet; angesichts erster H2-Tankstellen-Schließungen in Deutschland ein wichtiger Gedanke.

Europäische Regulierung

Nicht zu unterschätzen in der aktuellen Wasserstoffdiskussion ist auch die Rolle Brüssels für Deutschland. Joschka Knuth bewertete in dem Zusammenhang den EU Delegated Act differenziert: „Der Grundgedanke ist gut – wir brauchen Klarheit für den Wasserstoffhochlauf.“ Er plädierte für mehrere Stromgebotszonen in Deutschland, der Norden würde so schnell die 90-Prozent-Schwelle für grünen Strom erreichen. „Das würde kurzfristig sehr deutliche Investitionen auslösen“, zeigte er sich überzeugt. Nachweis und Zertifizierung von „Renewable Fuels of Non-Biological Origin“, also erneuerbaren Kraftstoffen nichtbiologischen Ursprungs, kurz RFNBO, sieht Knuth kritisch – in der praktischen Ausführung gebe es noch viele Hürden. Die im Zuge von RED III festgelegten strengen Kriterien schaffen zwar einen klaren Rechtsrahmen und fördern den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft, erhöhen aber auch die Produktionskosten und bremsen damit die Wettbewerbsfähigkeit.

Niedersachsens Umweltminister sieht die EU in der Pflicht. Im Rahmen der Paneldiskussion forderte er von der EU grüne Leitmärkte: „Wenn ich für Windräder grünen Stahl vorschreibe, der mit Wasserstoff erzeugt wurde, dann hilft das der Branche.“ Die Mehrkosten seien nach seiner Einschätzung minimal – bei Autos etwa ein Prozent. Die EU müsse die Nachfrage honorieren, statt Produzenten von klimafreundlichen Produkten im Wettbewerb zu benachteiligen.

Infrastrukturausbau und Synchronisierung

Ein wesentliches Thema in der aktuellen deutschen Wasserstoffdiskussion ist die Infrastruktur, das Wasserstoff-Kernnetz. Ines Jesse betonte die Notwendigkeit einer integrativen Netzplanung: Es fehle ein echter Plan – wo kommt was hin? Sie forderte mehr Solidarität zwischen den Bundesländern und eine systemdienliche Planung. „Wenn alle alles bekommen, könne das kein Mensch finanzieren, warnte sie. Mecklenburg-Vorpommern arbeite an einer Querverbindung Richtung Hamburg und habe die Unterstützung der anderen norddeutschen Länder.

Joschka Knuth berichtete von konkreten Fortschritten in Schleswig-Holstein: Die Leitung von Dänemark Richtung Hamburg werde umgebaut, das Land steige in die Wasserstoffleitung von Großenaspe nach Brunsbüttel ein. „Der Netzentwicklungsplan sieht vor, dass 2037 bei uns zehn Gigawatt Wasserstoff-Elektrolyse verfügbar sind.“ Das einzige Problem sei das fehlende marktliche Allokationssignal für Elektrolyseure.

Der Grundgedanke ist gut – wir brauchen Klarheit für den Wasserstoffhochlauf.

Joschka Knuth, Staatssekretär im Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur, Schleswig-Holstein, über den EU Delegated Act

Die Frage nach blauem Wasserstoff

Ein anderes wichtiges Thema in der Wasserstoffdebatte ist die Frage, ob fossil erzeugter, blauer Wasserstoff in einer Übergangszeit als Ergänzung zu grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien akzeptabel ist. Adrian Herberger plädierte für einen pragmatischen Ansatz: „Wir sollten weg von der Farbenlehre, zumindest in den Anfängen, hin zur CO2-Intensität eines Produktes.“ Wenn es darum gehe, nicht mehr CO2 zu emittieren als vorher und gleichzeitig die Wirtschaft anzutreiben, könne auch blauer Wasserstoff eine Rolle spielen.

Robert Vogt vertrat die Gegenposition: „Wir sehen nicht den Bedarf für blauen Wasserstoff.“ Enertrag habe ausreichend grünen Wasserstoff verfügbar, sowohl aus laufenden Projekten als auch aus solchen in der Genehmigungs- und Bauphase. Investitionen in blauen Wasserstoff erzeugten Pfadabhängigkeiten.

Wasserstoff im Transportsektor

Neben Wasserstoff wird aktuell auch über verwandte Produkte diskutiert, die sich zum Beispiel besser transportieren lassen als Wasserstoff, wie etwa Ammoniak. Adrian Herberger berichtete, dass MB Energy eine Pilot-Bunkerung mit E-Methanol für ein Tui-Kreuzfahrtschiff in Hamburg plane. Für die großen Containerschiffe werde Ammoniak als Treibstoff zunehmend relevant.

Einig waren sich die Gäste und die Paneldiskutanten darüber, dass Wasserstoff nicht für Pkw, aber im Schwerlastverkehr relevant wird. Ines Jesse verwies auf das nach drei Jahren intensiver Projekt­arbeit gerade abgeschlossene Hytruck-Projekt: ein länderübergreifendes Netz aus Wasserstoff-Tankstellen für schwere Lkw, das von Berlin über Posen bis Helsinki reichen soll. Das transnationale räumliche Konzept für Wasserstoff-Tankstellen im Ostseeraum identifiziert bestehende und künftig zu erwartende Lücken im Wasserstoff-Tankstellennetz.

Regionale Wertschöpfung

Für Christian Meyer war es zum Abschluss wichtig, die Bedeutung einer Bürgerbeteiligung zu betonen: „Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, man kann die Bürger an der Wertschöpfung vor Ort beteiligen – das ist ein Gamechanger.“ In Niedersachsen habe dies zu minimalen Klagen gegen Windenergieanlagen geführt und zu enormer Zustimmung in den Kreistagen. Allein im Landkreis Emsland bedeute der Windausbau bis 2040 rund neun Milliarden Euro Wertschöpfung. Das erhöht bei weiterem Windausbau die Akzeptanz vor Ort und bereitet somit auch den Boden für den Ausbau einer eigenen Wasserstoffproduktion in Deutschland.

Meyer unterstrich die wirtschaftliche Dynamik im Norden: „Der Norden hat ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum als der Süden. Das liegt an den Investitionen in die Energiewende.“ Wasserstoff und erneuerbare Energien seien „das neue Gold des Nordens“. Für 2026 wünschte er sich abschließend: „Mehr marktklare Regeln für erneuerbare Energien und Wasserstoff. Nächstes Jahr wird erster grüner Stahl mit Wasserstoff bei Salzgitter produziert. Wir wollen zeigen, dass das gelingt.“ Joschka Knuth äußerte sich ähnlich, was seine Hoffnungen für 2026 anbelangt: „Verlässliche Rahmenbedingungen für Absatzmärkte und steuernde Netzregularien. Und eine ergebnisoffene, unvoreingenommene Debatte über den Strommarkt in Deutschland.“ Ines Jesse ergänzte, sie wolle, dass die erneuerbaren Energien, die in ihrem Land produziert werden, auch in Mecklenburg-Vorpommern veredelt werden. Wertschöpfung vor Ort, statt Durchleitung.

Adrian Herberger legte besondere Betonung auf die Klarheit bei der Regulierung. „Weniger dogmatisch, mehr wirtschaftlich gedacht. Eine klare Förderlandschaft mit klaren Mitteln, damit wir loslegen können. Wir wollen durchstarten.“