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Forschung

„Kann Windkraftforschung nach der Krise so weitermachen?“

Andreas Reuter und Peter Schaumann über Forschung in Coronazeiten. Ein in der heftigsten Coronakrisenphase geführtes Expertengespräch.

Inhaltsverzeichnis

Nicole Weinhold und Tilman Weber

Kurz nach dem Lockdown, den durch den Bundestag erwirkten Konktaktverboten zum Schutz vor der Corona-Pandemie, führten wir dieses Live-Web-Fachgespräch mit den beiden bekannten Windenergieforschern (siehe Fotos und weitere Informationen am Textende) zur Frage: Verändert Corona die Forschung?

Das Expertengespräch

Wie geht es Ihnen? Ist die Forschung durch die Corona-Pandemie beeinträchtigt?

Andreas Reuter: Immerhin können wir weitermachen, wenn es um die Prüfstände geht. Schwierig wird es durch untersagte Auslandsreisen. Wir machen relativ viel international. Das führt zum Beispiel dazu, dass Messkampagnen in der schottischen Nordsee nun nicht stattfinden können. Andererseits können unsere Industriekunden teils ihre Verpflichtungen nicht zeitgerecht einhalten, weil sie nicht reisen können oder es da Krankheitsfälle gegeben hat. Aber diese Beeinträchtigungen halten sich noch in Grenzen.

Herr Schaumann, Sie forschen an Störungen beim Aushärten des Zements zur Verankerung von Offshore-Windmühlen im Seeboden und am Monitoring der Korrosion. Hierbei sind Teststände zentral. Können Sie das irgendwie fortführen?

Peter Schaumann: Der Betrieb an der Uni ist weitestgehend eingestellt. Wir haben theoretisch Zugang zu den Gebäuden, aber es sind die Abstandsregelungen einzuhalten. Faktisch liegt der Laborbetrieb an den Großprüfeinrichtungen bei mir seit 14 Tagen brach. Wir überlegen, wie wir das Ganze unter Wahrung der Schutzmaßnahmen wieder aufleben lassen können. Die Planungen, theoretische und numerische Arbeiten, gehen aus dem Homeoffice weiter. Wir haben gute Verbindungen zu den Rechnern der Universität. Ich habe regelmäßig Mitarbeiter-Besprechungen mit digitalen Videokonferenzen. Eigentlich wollte ich schon seit einer Woche im Urlaub sein, aber der ist geplatzt. Die Umstellung auf digitale Lehre braucht sehr viel Zeit.

Digitale Forschung ersetzt Teststandarbeit also wenigstens teilweise. Kann sie nicht auch Reisen erübrigen, Herr Reuter?

Andreas Reuter: Wir haben eine komplexe Institutsstruktur mit acht Gebäuden, verteilt auf fünf Standorte, sodass digitale Kommunikation schon vor Corona ein großes Thema war. Wir hatten schon Co-Working-Spaces in Bremen, wo Leute an Themen arbeiteten, die fachlich zum Beispiel in Bremerhaven angesiedelt waren. Für viele von uns ist digitale Forschung daher kein komplettes Neuland. Aber der Umfang und die Intensität haben massiv zugenommen. Es gibt viele neue Tools, in die wir uns reinfummeln. Aber viele Leute merken, dass die Effizienz erstaunlich hoch ist.

Wir fragen uns auch, warum wir uns in die Bahn oder ins Auto gesetzt haben, um uns zusammenzusetzen. Es geht oft ohne direkte Treffen. Aber wir merken, dass es nicht immer geht: Viele Meetings sind deutlich anstrengender, ein Meeting mit 20 Leuten per Teams hat so ein paar Momente ... Es ist eben etwas anderes, als sich in einem Raum gegenüber zu sein, zu sehen, dass der in der Ecke vielleicht gerade einen säuerlichen Gesichtsausdruck hat und daher noch einmal gefragt werden sollte. Digital muss man genauer zuhören und disziplinierter reden, weil nicht alle gleichzeitig in den Raum reinquaken können. Wir waren relativ gut vorbereitet ­ und gewöhnen uns daran.

Inwiefern behindert die Pandemie den Fortschritt der Forschungsprojekte?

Peter Schaumann: In den von Ihnen genannten Projekten sind wir derzeit sowieso noch in der Versuchsplanung. Diese Vorbereitungen können natürlich stattfinden und auch die entsprechenden Abstimmungsgespräche. In anderen Bereichen, zum Beispiel beim Thema Bolzenverbindungen, müssen wir mit der Laborproblematik umgehen: Einerseits wollen wir hygienische Abstände zwischen Mitarbeitern einhalten, andererseits sollte sich aus Arbeitsschutz-Aspekten niemand alleine in den Laboren aufhalten. Da lernen wir noch, was möglich ist. Dass es Verzögerungen im Ablauf gibt, ist gar keine Frage.

Was wäre denn politisch Ihre Forderung, damit die Forschung nach der Krise möglichst schnell wieder in Schwung kommt?

Andreas Reuter: Forderung klingt im Augenblick etwas unangemessen, denn sie haben in Berlin in dieser Zeit eher andere Probleme zu bereden. Lieber rede ich von Wünschen. Ich weiß, dass in den Ministerien überlegt wird, wie mit verpassten Forschungsterminen umzugehen ist, was mit der Förderung eines verspäteten Projekts passiert, wie die Leute weiterbezahlt werden. Projekte, die nächstes Jahr auslaufen, könnten nun um ein paar Monate verlängert werden, mittels zusätzlichen Geldes. Grundsätzlich ist zu fragen, was für ein großes Manöver nach der Coronakrise für das Wiederanfahren der Wirtschaft gebraucht wird: Wenn wir tatsächlich einen großen Scherbenhaufen aufzukehren haben, wird es meiner Meinung nach noch einmal spannend, welche Rolle dann das Thema Klimaschutz wieder erhält. Wird entsprechend auch die Energieforschung die gleiche große Rolle haben, die sie vorher hatte? Oder geht es Politik und Gesellschaft erstmal darum, die Millionen Arbeitslose zu versorgen?

Inwiefern werden die Energieunternehmen nach einem wirtschaftlichen Einbruch von der Forschung noch Hilfe benötigen? Kann Forschung auch kurzfristig reagieren?

Peter Schaumann: Forschung und kurzfristig sind zwei Begriffe, die nur bedingt zueinander gehören. Wir haben eine fantastische Forschungsinfrastruktur für bestimmte Aufgaben in Hannover. Das hat die Bundesregierung vor einigen Jahren finanziert und dafür sind wir sehr dankbar. Diese Infrastruktur kann für bestimmte Fragestellungen auch kurzfristig genutzt werden – denken Sie hier zum Beispiel an neue Verbindungsmittel, wenn es um Ermüdungsfestigkeit geht. Das kommt regelmäßig vor. Was aber die großen Forschungsprojekte angeht, haben wir zeitlich einen relativ großen Vorlauf mit einer langen Antragsstraße und einem Genehmigungsprozess.

Und weil Sie nach Forderungen unsererseits an die Politik fragten: Das Ministerium hat in den letzten Wochen einige neue Vorhaben genehmigt, bei denen wir nun mit den Forschungsarbeiten anfangen wollten. Daher habe ich persönlich in meinem Institut nicht das Verlangen, neue Forderungen zu stellen. Dass sich durch die Bewegungsbeschränkungen zeitliche Engpässe in den Forschungsprojekten auftun, wird hingegen zu gegebener Zeit ein Thema sein müssen. Es ist kein Problem, was aktuell brennt.

Sind Sie nicht besorgt, dass einzelne Aufträge nach einer durch Corona ausgelösten Windkraftkonjunkturkrise wegbrechen?

Peter Schaumann: Die Forschungsprojekte, die insbesondere mit dem Bundeswirtschaftsministerium zusammenlaufen, bedürfen immer des industriellen Interesses und auch einer nachgewiesenen Verwendungsoption. Wenn es da Engpässe gibt in der Industrie oder finanzielle Schwierigkeiten, dann wird sich das auch auf die Forschung auswirken.

Andreas Reuter: Windenergie ist die günstigste Form der erneuerbaren Energien geworden. Letztendlich haben wir, was Kostensenkung angeht, alle Ziele erreicht. Trotzdem explodiert der Markt nicht. Es gibt also andere Begrenzungen, die mit der Kostenstruktur nichts zu tun haben – zum Beispiel in Deutschland so etwas wie Akzeptanz und Verfügbarkeit von Flächen. Auch weltweit stagniert der Windkraftausbau bei jährlich 50 bis 60 Gigawatt. Das hat weiterhin mit der unterentwickelten Integration der Windenergie in die Energiemärkte zu tun. Wir laufen Gefahr, die Klimaziele nicht zu erreichen, wenn wir die Stromnetze zum Transport des Windstroms hin zu den großen Stromverbrauchszentren nicht schnell genug ausgebaut kriegen. Und deshalb bleibt beispielsweise hier der Forschungsbedarf erhalten. Wasserstoff könnte als Energieträger eine Alternative sein, um Energie von A nach B zu bringen oder in den Verkehrs- oder den Wärmeversorgungs-Sektor, die bisher noch zu wenig zum Erreichen von Klimazielen beitragen.

Sie sind mit circa 50 laufenden Forschungsprojekten ziemlich breit aufgestellt. Wird das so breit weiter gehen können, oder wird beschleunigt durch die Krise auch eine Konzentration der Forschung stattfinden?

Andreas Reuter: Auch unsere Möglichkeiten sind bei 250 Mitarbeitern im Iwes begrenzt. Daher ist Konzentration in unserem eigenen Interesse, zumal die Themen immer komplexer werden. Da Windenergie schon eine sehr reife Technologie geworden ist, muss man mit extrem viel Aufwand und Ressourcen an ein spezielles Thema ran, um das dann zu lösen. Für die Verbesserung der Betriebsfestigkeit von Composite Strukturen ist es eben nicht mehr damit getan, dass ich zehn Coupons kaputt mache und Kreuze in ein Diagramm einzeichne. Ich brauche Modelle, die erklären, wann welche Fasern kaputt gehen, warum, in welchem Kontext, bei welchem Fertigungsverfahren. Wo ich früher zehn Leute im Composite-Bereich hatte, brauche ich plötzlich 100, um die ganze Bandbreite abzuarbeiten. So entsteht automatisch eine Konzentration auf weniger Themen. Die tiefhängenden Früchte haben wir gepflückt. Jetzt kommen komplexere Themen. Aus diesem Kontext ergibt sich, dass ich mir überlegen muss, an welchem Problem ich meine Ressourcen arbeiten lasse. Also muss man Prioritäten setzen.

Was wäre Ihr Wunsch, wie sollte die Windenergieforschung 2025 aufgestellt sein?

Peter Schaumann: Wir brauchen interessierte junge Leute, die sich dafür engagieren wollen. Da stelle ich mir vor, dass es im Zusammenhang mit dem Klimawandel und dem Ausbau der Erneuerbaren gelingt, das Interesse bei der Jugend zu stärken. Die Universität leistet neben den Forschungsergebnissen einen erheblichen Beitrag in der Qualifikation der Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten. Ich wünsche mir, dass die Kontinuität gewährleistet wird. Das ist dann aber nicht nur eine Frage, ob das Bundesministerium genügend Forschungsgelder zur Verfügung stellt. Es ist auch eine Frage gesellschaftlicher Entwicklung und ob Politik die Rahmenbedingungen für die Entwicklung stabilisiert.

Erkennen denn Politik oder Gesellschaft, dass die Erneuerbaren die Zukunft der Jobs in Deutschland bedeuten?

Andreas Reuter: Die Situation in der Windbranche schreckt viele junge Leute ab, weil überall entlassen wird. Es ist im Moment schwierig, in der Industrie unterzukommen. Die Gefahr ist, dass die jungen Leute kurzfristig in ihren Entscheidungen zur Berufswahl sind. Wenn wir in drei, vier Jahren keine Absolventen haben mit der entsprechenden Ausbildung, wird uns das ziemlich treffen.

Peter Schaumann: Für was sich unsere Studierende entscheiden, ist für mich ein wesentlicher Faktor für Entwicklung. Nehmen Sie die Autoindustrie: Hier bestimmte erst der Dieselskandal die Branche, dann die Frage, ob sich das Elektro- oder das Brennstoffzellenauto durchsetzen wird. Das führte zum Rückgang der Nachfrage nach bestimmten Studiengängen. Es ist ein sensibler Indikator. Ähnlich war Windenergie jahrelang visionärer Träger von Zukunftsbotschaften. Wir nahmen das in der Werbung wahr. Es gab Untersuchungen, wonach Windenergie als Zukunftstechnologie ganz hohen Reiz auf junge Menschen ausübte. Wenn hier jetzt nicht stabile Rahmenbedingungen sichergestellt werden, kann man das nicht kompensieren, indem man sagt: Wir holen grünen Wasserstoff aus Nordafrika, damit haben wir alle Probleme gelöst.

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