Husum Wind und EE.SH

Neue Geschäftsmodelle für die Erneuerbaren

Auch auf der Husum Wind: Netzwerkagentur Erneuerbare Energien Schleswig-Holstein EE.SH informiert und vernetzt Unternehmen und Projektpartner.

Jetzt startet die Leitmesse Husum Wind. Wichtige Player in Schleswig-Holstein sind auch die Wirtschaftsförderer. Aber wie sieht ihre Arbeit eigentlich aus? Die Wertschöpfung aus erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein voranbringen, für den Ausbau von Arbeitsplätzen in der Branche sorgen und die Energiewende umsetzen – das sind die wichtigsten Ziele der Netzwerkagentur Erneuerbare Energien Schleswig-Holstein (EE.SH). „Das schaffen wir nur mit Innovationen“, betont EE.SH-Projekt­leiter Axel Wiese und nennt als Beispiel die Nutzung von „grünem“ Wasserstoff aus der Elektrolyse mit Windstrom. Vor wenigen Monaten haben EE.SH und der Kreis Nordfriesland eine Studie über die Potenziale einer solchen Wasserstoffnutzung in Schleswig-­Holstein in Auftrag gegeben. „Wasserstoff als Treibstoff oder als Beimischung ins Erdgasnetz kann die Energiewende im Verkehrs- und Wärmesektor voranbringen, wo bisher nur 6 beziehungsweise 14 Prozent der Energieträger erneuerbar sind“, erklärt Axel Wiese.

Das Projekt EE.SH, getragen von der Wirtschaftsförderung Nordfriesland in Husum, wird vom Land Schleswig-Holstein und der EU gefördert, um einen der wichtigsten Wirtschaftszweige im sonst eher strukturschwachen Norden zu unterstützen: Rund 18.000 Menschen in Schleswig-Holstein arbeiten in der Erneuerbare-Energien-Branche. „Vor allem die Windenergie hat sehr von der garantierten Einspeisevergütung profitiert. Von 1990 bis 2018 stieg die installierte Leistung in Schleswig-Holstein von 35 auf 6.500 Megawatt“, berichtet Axel Wiese. „Besonders in Nordfriesland gründeten sich Hunderte Bürgerwindparks. Kleine Gemeinden profitieren bis heute von den Gewerbesteuern der Betreiber- und Servicefirmen.“ Doch wegen juristischer Unklarheiten um die neuen Windenergie-Regionalpläne in Schleswig-Holstein verhängte das Land vor drei Jahren ein Ausbau-Moratorium und genehmigt neue Anlagen nur noch in Ausnahmefällen. Dazu kam das EEG von 2017 mit seinen verpflichtenden Ausschreibungen und dem Ausbaudeckel besonders für die sogenannten Netzausbauregionen, zu denen Schleswig-Holstein gehört. Das führte dazu, dass im laufenden Jahr nur 18 Anlagen neu genehmigt wurden. Zu Spitzenzeiten im Jahr 2014 waren es noch über 400 Genehmigungen.

„Wir unterstützen die Firmen dabei, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“, erklärt Axel Wiese. Zusammen mit dem Co-Geschäftsführer der Netzwerkagentur EE.SH, Carsten Delfs von der Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WT.SH), setzt er vor allem auf die Vernetzung der Branchen, zum Beispiel der Energie- mit der Digitalwirtschaft. „Die Digitalisierung erleichtert nicht nur Betriebsabläufe, sondern ermöglicht auch neue Geschäftsmodelle“, erklärt Axel Wiese und nennt als Beispiel die Firma NORTH-TEC Maschinenbau GmbH, die nicht nur Biogasanlagen baut, sondern auch praxisnahe digitale Anwendungen zur Anlagenüberwachung und zur Stromvermarktung entwickelt.

Datencenter für mehr Rechenkapazität

Eine weitere Folge der Digitalisierung ist die zunehmende Nachfrage nach Rechenleistung. Dies sieht das EE.SH-Team als Chance für Schleswig-Holstein: „Auf vielen ehemaligen Bundeswehrstandorten, die naturgemäß gut gesichert und mit Hallen, Bunkern und Zufahrtsstraßen ausgestattet sind, ließen sich Datencenter für den steigenden Bedarf an Rechen­kapazität bauen und mit erneuerbarer Energie betreiben“, erklärt Axel Wiese. Ein junges Unternehmen mit dem bezeichnenden Namen WindCloud hat sich genau zu diesem Zweck gegründet und baut zurzeit auf dem GreenTEC Campus in Enge-Sande, einem Gründerzentrum für Betriebe der Erneuerbaren-Branche auf einem ehemaligen Bundeswehrdepot, ein Rechenzentrum, das im doppelten Sinne grün ist: Es soll einerseits mit Wind- und Solarstrom betrieben werden; andererseits wird die Abwärme aus der Kühlung der Server zur Algenzucht genutzt. Die Algen werden als Kosmetik und Nahrungsergänzungsmittel vermarktet und gelten als Hoffnungsträger für eine energieeffiziente Kreislaufwirtschaft.

Das Thema Wasserstoff erhielt Aufwind, als die Bundesregierung Ende 2018 recht kurzfristig entschied, Lkw mit alternativen Antrieben von der Maut zu befreien. „Da kam die Logistikbranche auf uns zu und wollte wissen, welche alternativen Antriebe es denn gibt. Also haben wir innerhalb weniger Wochen eine Informationsveranstaltung zum Thema Wasserstoff und LNG organisiert“, berichtet Carsten Delfs. Zu dem Workshop kamen nicht nur Vertreter von Speditionen und der Gaswirtschaft, sondern auch Windmüller, die mit Windstrom Elektrolyse-Anlagen zur Herstellung von Wasserstoff betreiben wollen.

Zum Beispiel stellt die nordfriesische Firma GP Joule, die sich von einem landwirtschaftlichen Betrieb zu einem Energieunternehmen mit 200 Mitarbeitern entwickelt hat, ein Wasserstoff-ÖPNV-­Projekt auf die Beine. Für das Verbundvorhaben „eFarm“ haben sich regionale Unternehmen, da­runter Bürgerwind- und Solarparks, zusammengeschlossen, um zwei Tankstellen zu bauen, die 100 .Prozent „grünen“ Wasserstoff für zwei Brennstoffzellen-Busse für den öffentlichen Nahverkehr im Kreisgebiet liefern.

„Grüner“ Wasserstoff für

eine Erdölraffinerie?

Südlich von Nordfriesland, im Kreis Dithmarschen, interessiert sich sogar eine Erdölraffinerie für das Thema „grüner“ Wasserstoff. Die Raffinerie Heide bewirbt sich mit der örtlichen Fachhochschule und weiteren Projektpartnern um Fördermillionen aus dem Bundeswirtschaftsministerium, um eine CO2-neutrale Infrastruktur aufzubauen, die Tankstellen, Wohnquartiere und die chemische Indus­trie mit grünem Wasserstoff versorgt. Im Industriepark Brunsbüttel wollen die Energieunternehmen ARGE Netz, MAN Energy Solutions und Vattenfall mit „HySynGas“ das weltweit erste industrielle Großprojekt zur Herstellung von synthetischem Methan mit regionalem Strom aus erneuerbaren Energien aufbauen.

In Ellhöft an der dänischen Grenze soll am dortigen Bürgerwindpark eine Wasserstoff-Tankstelle entstehen. Reinhard Christiansen, Geschäftsführer des Bürgerwindparks Ellhöft und Windmüller der ersten Stunde, hat außerdem mit 80 regionalen Erzeugern erneuerbarer Energie die Energie des Nordens GmbH & Co. KG gegründet und einen Stromliefervertrag mit Greenpeace Energy geschlossen, um in Haurup bei Flensburg einen zweiten größeren Elektrolyseur zu betreiben und das dort erzeugte Gas ins Erdgasnetz einzuspeisen.

Da Stromlieferverträge oder Power Purchase Agreements (PPAs) vor allem für die Betreiber von älteren Windenergieanlagen gute Geschäftsmöglichkeiten bieten, informiert EE.SH im Rahmen des HUSUM Wind Kongresses am Donnerstag, 12. September 2019, ab 10.30 Uhr im Seminarraum 1 über diese Vermarktungsstrategie für grünen Strom. Reinhard Christiansen ist einer der Referenten. Außerdem spricht Prof. Dr. Martin Maslaton über rechtliche Aspekte der PPA-Verträge. Vertreter der Firmen wpd onshore und Deutsche WindGuard berichten aus der Praxis. EE.SH organisiert die Veranstaltung zusammen mit dem Branchencluster Erneuerbare Energien Hamburg.

Während der HUSUM Wind ist das Team von EE.SH am Schleswig-Holstein-Stand in Halle 1, Stand E 41 zu finden und sorgt dort für Informationen und neue Kontakte. 

Dieser Beitrag ist in der Sonderbeilage Wind Innovation von ERNEUERBARE ENERGIEN Ausgabe 6/2019 zur Husum Wind erschienen. Besuchen Sie auch unsere Sonderseiten zur Husum Wind.

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