Wie Hauptlager und Getriebe beim Weiterbetrieb über 20 Jahre bis zum Anlagenende durchhalten.
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Zahnflankenabdruck nachher
Viele Windenergieanlagen erreichen inzwischen ein Alter von 20 Jahren und mehr. Für Betreiber verändert sich damit die Instandhaltungsstrategie. Bei einer jüngeren Anlage kann der Austausch eines Getriebes oder Hauptlagers wirtschaftlich sinnvoll sein. Soll eine ältere Anlage dagegen nur noch drei, fünf oder sieben Jahre laufen, sieht die Rechnung anders aus.
Ein neues Getriebe oder Hauptlager verursacht hohe Kosten. Hinzu kommen Kran, Montage und Stillstand. Gleichzeitig bleibt offen, ob die übrigen Großkomponenten die gleiche Restlaufzeit erreichen. Für ältere Anlagen lautet die entscheidende Frage deshalb nicht mehr: Wie lässt sich eine Komponente für möglichst viele weitere Jahre ertüchtigen? Sondern: Wie lässt sich die vorhandene Komponente sicher bis zum geplanten Betriebsende nutzen?
Der Zustand ist wichtiger als das Alter
Eine Anlage ist nach 20 Jahren nicht automatisch technisch verbraucht. Standort, Belastung, Betriebsstunden und Wartung beeinflussen ihren Zustand. Getriebe und Hauptlager sollten deshalb einzeln bewertet werden.
Die Grundlage bildet eine möglichst vollständige technische Historie. Bei Getrieben liefern Schwingungsmessungen, Ölproben, Filterrückstände, Temperaturen und Sichtprüfungen der Verzahnung wichtige Hinweise. Mögliche Schadensbilder sind Mikropitting, Verschleiß, Fressen und Schäden durch elektrische Einflüsse. Bei Hauptlagern kommen der Fettzustand, Geräusche sowie Temperatur- und Schwingungsverläufe hinzu. Entscheidend ist nicht allein ein Messwert, sondern seine Entwicklung unter vergleichbaren Betriebsbedingungen.
Nicht jeder Schaden erfordert Austausch
Oberflächenschäden bedeuten nicht zwangsläufig, dass eine Komponente sofort ersetzt werden muss. Solange keine kritischen strukturellen Schäden vorliegen, kann es sinnvoll sein, Reibflächen zu stabilisieren und ihren Zustand eng zu überwachen.
Ein Ansatz sind sogenannte Reparaturschmierstoffe. Dabei werden dem Getriebeöl oder Lagerfett siliziumbasierte Wirkstoffe zugesetzt, die im belasteten Reibkontakt wirken sollen. Ziel sind glattere Kontaktflächen sowie weniger Reibung und weiterer Oberflächenverschleiß. Für Getriebe wird beispielsweise Dura Gear W100 eingesetzt, für fettgeschmierte Lager das Reparaturfett GR400. Solche Mittel ersetzen weder zerstörte Bauteile noch eine regelmäßige Zustandskontrolle.
Eine Anlage ist nach 20 Jahren nicht automatisch technisch verbraucht.
Prüfstand: geringere Reibung und Rauheit
Untersuchungen des Kompetenzzentrums Tribologie der Hochschule Mannheim verdeutlichen den Einfluss der Oberflächenbeschaffenheit. Getestet wurde mit dem Windgetriebeöl Mobil SHC Gear 320 WT bei einer Kontaktpressung von etwa einem Gigapascal. Nach acht Stunden ohne Zusatz wurde ein tribologisch wirksames Konzentrat mit einer Dosierung von 0,2 Volumenprozent zugegeben. Im weiteren Versuchsverlauf sank die Reibkraft um rund 24 Prozent, die am Prüfstand gemessene Temperatur von etwa 51 auf 42 Grad Celsius. Anschließende Messungen zeigten zudem eine geringere Oberflächenrauheit.
Aus diesen Prüfstandsergebnissen lässt sich keine zusätzliche Betriebsdauer ableiten. Sie zeigen jedoch, dass sich Reibung und Oberflächenrauheit unter den untersuchten Bedingungen verringern ließen.
Praxisfall: Getriebe weiter nutzen
Ein Beispiel aus einem deutschen Windpark betrifft zwei Nordex N90 mit Eickhoff-Getrieben. An den Zahnflanken der schnellen Welle wurden unter anderem Verschleiß, Pittings und Durchläuferschäden festgestellt. Die Getriebe wurden im März 2026 behandelt und rund drei Monate später an denselben Stellen erneut untersucht. Laut Dokumentation waren Durchläuferschäden anschließend vermindert, Pittings teilweise nicht mehr sichtbar und mehrere untersuchte Oberflächen glatter. Auch die Kontaktzone der Zahnflanken erschien gleichmäßiger. Die Aufnahmen dokumentieren Veränderungen an den untersuchten Stellen; ob der Zustand dauerhaft stabil bleibt, müssen weitere Kontrollen zeigen. Ölzustand, Schwingungen und Verzahnung sollten deshalb weiterhin überwacht werden.
Hauptlager frühzeitig einbeziehen
Auch beim Hauptlager ist frühes Handeln wichtig. Beginnender Oberflächenverschleiß sollte möglichst erkannt werden, bevor ein fortgeschrittener Lagerschaden entsteht. Stabile Schmierbedingungen und die Beschaffenheit der Kontaktflächen spielen gerade bei hohen Lasten und kleinen Relativbewegungen eine Rolle. Risse, starke Materialausbrüche und weit fortgeschrittene mechanische Schäden lassen sich jedoch nicht mit Fett oder einer Oberflächenbehandlung beheben.
Die Restlaufzeit planen
Für Anlagen jenseits von 20 Jahren empfiehlt sich deshalb ein eigener Restbetriebsplan für die Großkomponenten. Für Getriebe und Hauptlager sollten Betreiber fünf Fragen beantworten:
In welchem Zustand befindet sich die Komponente heute?
Wie hat sich der Zustand in den vergangenen Jahren verändert?
Welche Maßnahmen können weiteren Verschleiß begrenzen?
Welche Messwerte und Befunde werden künftig kontrolliert?
Wie lange soll die Komponente noch betrieben werden?
Damit ändert sich auch die wirtschaftliche Betrachtung. Es geht nicht darum, jede ältere Komponente in einen neuwertigen Zustand zu versetzen. Ziel ist ein technisch vertretbarer und planbarer Betrieb bis zum vorgesehenen Ende der Anlage.
Die letzten Betriebsjahre aktiv planen
Ein Weiterbetrieb über 20 Jahre verlangt deshalb eher mehr als weniger Zustandsüberwachung. Gleichzeitig sollten Betreiber hinterfragen, ob jeder festgestellte Oberflächenschaden zwangsläufig einen Großkomponententausch erfordert.
Wer frühzeitig Verschleiß erkennt, Oberflächen schützt und die weitere Entwicklung dokumentiert, erweitert seinen Handlungsspielraum. Das kann besonders dann entscheidend sein, wenn sich ein neues Getriebe oder Hauptlager über die verbleibenden Betriebsjahre nicht mehr rechnet.
Die zentrale Frage für ältere Windenergieanlagen lautet daher nicht, ob Getriebe und Hauptlager unbegrenzt weiterlaufen können. Entscheidend ist, ob ihr Zustand so stabilisiert und überwacht werden kann, dass sie die geplante Restlaufzeit der gesamten Anlage sicher erreichen.
Autor:
Stefan Bill, Managing Director, Rewitec GmbH
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