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Das Rückbau-Dilemma

Nicole Weinhold

Alpha Ventus, der erste deutsche Offshore-Windpark, soll zurückgebaut werden. Das wirft viele Fragen auf. Irina Lucke, Geschäftsführerin von Omexom Offshore, hat sich dazu einige Gedanken gemacht.

Der Rückbau von Offshore-Windparks rückt näher. Wo liegt die Problematik?

Irina Lucke: Die entscheidende Frage ist: Stellen wir den ursprünglichen Zustand des Meeresbodens wieder her – oder akzeptieren wir, dass sich rund um die Anlagen längst neue Ökosysteme entwickelt haben? Genau daran entzündet sich die aktuelle Debatte.

Denn Rückbau heißt nicht nur, Stahl oder Beton zu entfernen. Es geht auch um Strukturen, die über Jahrzehnte Teil der Nordsee geworden sind. Ein gutes Beispiel sind die Kolkschutzsteine. Diese wurden häufig aus Norwegen importiert und um die Fundamente gelegt, damit der Meeresboden nicht ausgespült wird. Heute sind sie bewachsen, besiedelt und funktional Teil eines neuen Lebensraums.

Formal gelten sie aber als „fremd“. Das bedeutet: Sie müssten vollständig geborgen werden. Man müsste sie an Land bringen, reinigen, damit keine Organismen verschleppt werden – und steht dann vor der Frage, was mit diesen praktisch unzerstörbaren Steinen passieren soll. Dafür gibt es bislang keine schlüssige Antwort.

Ökologisch ist das nur ein Detail, oder?

Irina Lucke: Im Gegenteil. Diese Steine sind ein Schlüssel zum Verständnis dessen, was Offshore-Windparks im Meer tatsächlich bewirken. Zusammen mit den Fundamenten bilden sie Strukturen, die wie künstliche Riffe funktionieren. Und genau da hat sich die Perspektive stark verändert. Früher hieß es: massiver Eingriff in die Natur. Heute zeigen Untersuchungen – etwa aus dem Umfeld von Alpha Ventus –, dass sich dort neue Lebensräume bilden. Auf den Steinen und an den Strukturen siedeln sich Organismen an, es entstehen komplexe Habitate.

Vor allem wirken die Windparks als Schutzräume. Innerhalb der Sicherheitszonen wird nicht gefischt. Das nutzen die Fische gezielt. Sie ziehen in die Windparks, weil sie dort Ruhe haben. Auch Seehunde jagen dort. Es entstehen Rückzugsgebiete in einer ansonsten intensiv genutzten Nordsee.

Heute zeigen Untersuchungen – etwa aus dem Umfeld von Alpha Ventus –, dass sich dort neue Lebensräume bilden.

Das heißt, Windparks wirken wie künstliche Riffe mit Schutzfunktion?

Irina Lucke: Genau. Die Kombination aus harter Struktur – also Fundamenten und Steinen – und dem Ausschluss der Fischerei führt dazu, dass sich dort Lebensgemeinschaften etablieren, die man so im umliegenden Sandboden nicht findet.

Man kann das im Spätsommer sehr eindrücklich sehen: große Makrelenschwärme, dicht gebündelt, die sich um die Anlagen bewegen. Das sind dann wirklich riesige, schimmernde Schwärme. Solche Beobachtungen zeigen, dass diese Gebiete aktiv genutzt werden.

Und beim Rückbau würde man diese Riffe wieder entfernen.

Irina Lucke: Genau. Ein vollständiger Rückbau würde diese Strukturen und damit die entstandenen Habitate beseitigen. Deshalb wird zunehmend diskutiert, ob das ökologisch sinnvoll ist.

Die spannende Frage ist: Was wiegt schwerer – der ursprüngliche Zustand oder das, was sich neu entwickelt hat? Historisch betrachtet gab es in der Nordsee übrigens deutlich mehr strukturreiche Lebensräume, etwa Austernbänke oder Riffe, die durch menschliche Nutzung zerstört wurden.

Vor diesem Hintergrund könnte man argumentieren, dass Offshore-Windparks zumindest teilweise solche Strukturen zurückbringen – wenn auch künstlich.

Welche wissenschaftlichen Fragen ergeben sich daraus?

Irina Lucke: Eine ganze Reihe, die bisher nur teilweise beantwortet sind: Wie stark profitieren Fischbestände tatsächlich von diesen Schutzräumen? Verändern sich Populationen messbar? Welche Rolle spielen die Kolkschutzsteine als Habitat im Vergleich zu den Fundamenten? Und was passiert, wenn man diese Strukturen wieder entfernt?

Auch langfristige Effekte sind unklar. Wir haben Beobachtungen und einzelne Studien, aber kein vollständiges Bild. Gerade die Kombination aus künstlichem Riff und Fischereiverbot ist wissenschaftlich hochinteressant.

Welche praktischen Fragen sind offen?

Irina Lucke: Auch technisch gibt es viele Unsicherheiten. Beim Entfernen großer Fundamente stellt sich etwa die Frage, wie sich der Meeresboden verhält. Wenn Monopiles herausgezogen werden, könnte sich das Sediment verändern – möglicherweise entstehen Krater oder instabile Bereiche.

Und selbst wenn man Fundamente einfach kappt, bleiben die Steinfelder. Auch hier stellt sich wieder die Frage: Entfernen oder belassen? Beides hat Konsequenzen. Hinzu kommt: Kabel sollen in der Regel geborgen werden, auch wegen der enthaltenen Materialien. Das zeigt, wie unterschiedlich die Anforderungen an die einzelnen Komponenten sind.

Gibt es Argumente, Strukturen im Meer zu lassen?

Irina Lucke: Ja, vor allem aus ökologischer Sicht. Die bestehenden Strukturen schaffen Lebensräume und Rückzugsgebiete. Gleichzeitig gibt es aber Nutzungskonflikte – etwa mit künftigen Projekten oder anderen maritimen Nutzungen. Deshalb läuft die Diskussion derzeit sehr offen. Es geht nicht mehr nur um Verträge, sondern um eine Abwägung: Welchen Zustand der Nordsee wollen wir langfristig?

Ist der Rückbau nur eine Umweltfrage?

Irina Lucke: Er ist zumindest genauso eine Umwelt- wie eine Technikfrage. Offshore-Windparks sind nicht nur Energieanlagen, sie verändern Ökosysteme – und schaffen gleichzeitig neue. Der Rückbau zwingt uns, diese Effekte ernsthaft zu bewerten. Wollen wir alles wieder entfernen, auch wenn sich dort funktionierende Lebensräume entwickelt haben? Oder finden wir Wege, diese Strukturen teilweise zu erhalten? Das ist keine einfache Entscheidung. Aber klar ist: Ohne bessere Daten zu den ökologischen Effekten – gerade auch mit Blick auf Fische und andere Arten – wird sie sich kaum fundiert treffen lassen.

Irina Lucke,
Geschäftsführerin Omexom Offshore

Foto: Omexom

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