CCS: Investitionen werden fehlgeleitet, die in Elektrolyseure fließen müssten!
Der Wasserstoffhochlauf ist mühsam. Der Hype ist vorbei, die Ernüchterung da. Das ist der Moment, die Debatte auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und sachlich zu führen. Damit der Hochlauf gelingt, braucht es ein klares und realistisches Zielbild: ausreichend grüner und nachhaltig erzeugter Wasserstoff für Anwendungen, für die es keine Alternativen gibt.
Aus diesem Zielbild lässt sich ableiten, welche Infrastruktur Teil der Wasserstoffzukunft sein wird – und welche nicht. Voraussetzung für eine grüne Wasserstoffwirtschaft sind ausreichend Erneuerbare-Energie-Anlagen, Elektrolyseure und eine schlanke Transportinfrastruktur. Außerdem muss die Industrie investieren, um ihre Produktion auf grünen Wasserstoff umzustellen. Transformationspläne müssen energieintensive Unternehmen ohnehin entwickeln. Das schreibt die europäische Industrieemissionsrichtlinie vor.
Aufgabe der Bundesregierung ist es, diese Richtlinie in deutsches Recht zu übersetzen. Zudem muss sie Unternehmen ermutigen, die Investitionen zu wagen, die es für die grüne Wasserstoffzukunft braucht. Dafür stehen ihr verschiedene Anreiz- und Förderinstrumente zur Verfügung. Diese laufen jedoch ins Leere, wenn das Zielbild schwammig bleibt und potenziellen Bereitstellern und Abnehmern von grünem Wasserstoff keine Sicherheit bietet. Hier sendet die Bundesregierung widersprüchliche Signale und lässt die Nebelkerzen derer brennen, die in fossilem Wasserstoff und der Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff (CCS) eine Chance sehen, gestrige fossile Energieträger in neue Geschäftsmodelle zu verpacken.
Im Koalitionsvertrag erklären CDU und SPD die Umstellung auf „klimaneutralen“ Wasserstoff zum langfristigen Ziel und lassen damit Raum für Interpretation. Für den Hochlauf haben sich die Parteien darauf geeinigt, „alle Farben“ zu nutzen, und diese Einigung direkt mit Plänen für ein CCS-Gesetzespaket verknüpft. Über die Klimaschutzverträge fördert die Bundesregierung nicht nur grünen, sondern auch fossilen Wasserstoff.
Klar ist: Für den Hochlauf von grünem Wasserstoff ein CCS-Gesetzespaket anzukündigen oder Carbon-Management zu fordern, ist ungefähr so sinnvoll wie ein Ölwechselprogramm für Elektroautos. Denn wer im Zusammenhang mit Wasserstoff von Carbon-Management und CCS spricht, meint Wasserstoff aus fossilem Gas. Zudem würde eine großflächige Transport- und Speicherinfrastruktur für das Abfallprodukt Kohlenstoffdioxid in einer grünen Wasserstoffzukunft zur Investitionsruine werden.
Mit Blick auf Investitionsstrategien ist es also kontraproduktiv, die CCS-Debatte mit dem Hochlauf von grünem Wasserstoff zu verquicken. Hier werden Investitionen fehlgeleitet, die in Elektrolyseure und die Umrüstung von Industrieanlagen fließen müssten.
Carbon-Management ist kein Hindernis – es ist eine notwendige Ergänzung
Carbon-Management, also die industrielle Speicherung und Nutzung von CO2 (CCU/S), verhindert die Entwicklung einer grünen Wasserstoffwirtschaft nicht. Vielmehr ist CCU/S Wegbereiter, um eine grüne Wasserstoffwirtschaft in Deutschland zu realisieren.
CCU/S ist eine Klimaschutztechnologie – keine Verschiebetaktik. Sie verhindert, dass unvermeidbare Emissionen in die Atmosphäre gelangen, und ermöglicht damit reale CO₂-Minderungen gerade dort, wo andere Technologien an Grenzen stoßen. Carbon-Management ist kein Freifahrtschein für Emissionen, sondern zentraler Baustein einer glaubwürdigen Klimastrategie.
Für viele Industriezweige ist CCU/S sogar unverzichtbar. In der Zement-, Kalk- oder Stahlproduktion entstehen Emissionen prozessbedingt – selbst mit erneuerbaren Energien oder Wasserstoff lassen sie sich nicht vollständig vermeiden. Carbon-Management ist hier also nicht nur eine Option – die Abscheidung und Speicherung von CO₂ ist der einzige realistische Dekarbonisierungspfad. Er ermöglicht den Unternehmen zudem, weiterhin in Deutschland zu produzieren und darüber hinaus klimaneutral zu werden.
Gleichzeitig ist der Zeitdruck enorm. Deutschland hat sich ambitionierte Klimaziele gesetzt, die wir ohne CCU/S nicht erreichen werden. Die Technologie kann Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr in der Atmosphäre verhindern – ein Potenzial, das wir nicht ungenutzt lassen dürfen, wenn wir Klimaneutralität ernst nehmen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass andere Wege weniger wichtig sind. Der Ausbau der erneuerbaren Energien bleibt zentrale Voraussetzung für die Energiewende, ebenso wie der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Carbon-Management ergänzt diese beiden Säulen: Es schließt dort Lücken, wo Elektrifizierung oder grüner Wasserstoff kurzfristig nicht ausreichen. Nur im Zusammenspiel aller Technologien kann Deutschland die Klimaziele erreichen.
Zudem unterstützt Carbon-Management unmittelbar den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Durch CCS lässt sich sogenannter blauer Wasserstoff herstellen – Wasserstoff aus Erdgas. Das dabei frei werdende CO₂ wird abgeschieden und gespeichert. Grüner Wasserstoff bleibt das Ziel. Doch solange Elektrolysekapazitäten und erneuerbare Energien nicht im ausreichenden Umfang verfügbar sind, kann blauer Wasserstoff helfen, Märkte aufzubauen, Nachfrage zu stabilisieren und Infrastruktur frühzeitig zu entwickeln. Das erhöht die Investitionssicherheit – auch für Projekte mit grünem Wasserstoff.
Darüber hinaus trägt Carbon-Management auch zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit bei. Es schützt industrielle Kerne, schafft Planungssicherheit und verhindert, dass Produktion in Länder mit geringeren Klimastandards abwandert. Ohne Carbon-Management droht nicht weniger Klimaschutz, sondern mehr Deindustrialisierung.
Also, nein: Carbon-Management verhindert nicht die Entwicklung einer grünen Wasserstoffwirtschaft. Es beschleunigt sie – und macht sie überhaupt erst vollständig. Beide Technologien sind komplementär und gemeinsam entscheidend für einen klimaneutralen, zukunftsfähigen Industriestandort Deutschland.