Das neue H2 -ready-Fuel-Switch-Kraftwerk der EnBW in Stuttgart-Münster ist in Betrieb.
Flexible H2-Kraftwerke sollen künftig für stetig verfügbaren Strom sorgen. Doch auf die Ausschreibung wartet man schon lange.
Eva Augsten
Deutschland braucht schnell verfügbare Kraftwerksleistung. Die Dringlichkeit der Lage war lange Zeit alles, auf das sich nahezu alle Beteiligten einigen konnten. Wie viel Kraftwerksleistung braucht man? Wie sorgt man für einen wirtschaftlichen Betrieb, sodass sich auch Investoren finden? Und natürlich: Wann und wie sollen die Kraftwerke klimaneutral mit Wasserstoff betrieben werden? Nun geht es endlich wieder voran, wenn auch in Trippelschritten.
Warum überhaupt Kraftwerksstrategie?
In einem freien Strommarkt sind flexible Kraftwerke seit Jahrzehnten ein ungeliebtes Geschäftsmodell. Denn immer dann, wenn Wind- und Solarstrom reichlich produziert werden, sind sie auch billig und drängen die – meist mit Erdgas betriebenen – Spitzenlastkraftwerke aus dem Markt. Ein sogenannter Kapazitätsmarkt, der schon das Zurverfügungstellen von abrufbarer Leistung belohnt, wird seit Jahren diskutiert. Ein Referentenentwurf aus dem Ministerium von Robert Habeck sollte insgesamt 12,5 Gigawatt (GW) Kapazität sicherstellen, die perspektivisch mit Wasserstoff zu betreiben wären. Katherina Reiche änderte den Plan zunächst auf 20 GW und setzte explizit auf Gaskraftwerke. Doch die EU-Kommission, die Beihilfen in den Mitgliedsländern genehmigen muss, stellte sich quer. Sie bestand auf mehr Technologieoffenheit und zumindest perspektivischer Klimaneutralität. Mitte Januar 2026 einigten sich das deutsche Wirtschaftsministerium und die EU-Kommission auf einige Eckpunkte. Noch in diesem Jahr sollen 12 GW an Leistung ausgeschrieben werden. Die Technologie soll offen sein, allerdings müssen Gaskraftwerke auf Wasserstoff umrüstbar sein. Das hätte man schneller haben können. Gebaut sein werden diese Kraftwerke allerdings nicht vor 2031. Doch einige Energieversorger warten nicht so lange.
12 Gigawatt Kraftwerksleistung sollen 2026 nach dem Beschluss der Kraftwerksstrategie ausgeschrieben werden.
Erste H2-ready-Kraftwerke von EnBW
Im Oktober 2025 nahm EnBW in Stuttgart-Münster eines der ersten wasserstofffähigen Gasturbinenkraftwerke in Deutschland in den kommerziellen Betrieb. Dabei geht es nicht um einen Neubau, sondern um ein Müllheizkraftwerk, das bisher durch drei Kohlekessel ergänzt wird. Durch diesen „Fuel Switch“ soll der CO2-Ausstoß um 60 Prozent sinken.Die neue Anlage soll 124 Megawatt (MW) elektrische und 370 MW thermische Leistung liefern.
Doch erst einmal läuft die Anlage mit Erdgas. Den realen Wasserstoffbetrieb visiert EnBW erst für die zweite Hälfte der 2030er-Jahre an. Dafür wären Änderungen an der Brennstoffversorgung der Gasturbine sowie natürlich eine komplette Wasserstofflogistik nötig. Dass EnBW vor anderen in das Wasserstoffkraftwerk investierte, hat nichts mit der Kraftwerksstrategie zu tun. Vielmehr brachte das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz dem Unternehmen einen soliden Zuschuss. Das gilt nicht nur für Stuttgart-Münster, sondern auch für das Ersetzen der Kohlekraftwerke Altbach/Deizisau und Heilbronn. In Altbach/Deizisau baut man seit November 2023, die Fertigstellung ist derzeit für das 1. Quartal 2027 terminiert. In Heilbronn begann der Bau im Februar 2024, die Inbetriebnahme ist für die zweite Jahreshälfte 2027 vorgesehen. Alle drei zusammen sollen eine Erzeugungsleistung von rund 1,5 GW haben.
Hamburg: Betriebsstart 2026
Auch in Hamburg ist das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz maßgeblich für die Förderung. Dort ist man zudem kräftig unter Zeitdruck. Ein neues wasserstofffähiges Kraftwerk soll das marode Heizkraftwerk Wedel ersetzen, das nur noch mit Ausnahmegenehmigungen läuft. Da es aber für die Fernwärmeversorgung im Westen der Stadt essenziell ist, muss es durchhalten, bis der Ersatz fertig ist – einschließlich einer neuen Leitung unter der Elbe hindurch, um die Wärme aus dem Hafen in die Stadt zu bringen.
290 Megawatt Wärme liefert das Kraftwerk in Hamburg nach Fertigstellung.
Die Hamburger Energiewerke sind nun dabei, die neue Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD) im Hafengebiet zu bauen. Bis zu 30 Prozent Wasserstoff soll diese verbrennen können. Wenn es einmal mehr werden soll, sollen die Anpassungen im Rahmen der normalen „Produktpflege“ bei den routinemäßigen Revisionen machbar sein.
Ob und welche Bedeutung ein Kapazitätsmarkt haben wird, ist noch unklar, denn das Kraftwerk soll wärmegeführt betrieben werden und möglichst kurze Laufzeiten haben, um erneuerbaren Wärmequellen den Vorrang zu lassen – so zumindest lautet der bisherige Plan. Das schlägt sich auch in den Leistungsdaten nieder: Die elektrische Leistung liegt lediglich bei 180 MW, während die Anlage bis zu 290 MW Wärme liefern kann. Darin ist allerdings auch eine Power-to-Heat-Anlage eingerechnet, die bei reichlichem Stromangebot im Markt Wärme aus Strom gewinnt. Weil Strom und Wärmeerzeugung nicht immer gleichzeitig gefragt sind, ist auch ein Wärmespeicher vorgesehen, der 50.000 Kubikmeter Wasser fassen soll.
Laut den Hamburger Energiewerken ist nun das GuD-Kraftwerk zu 85 Prozent fertiggestellt, auch wenn sich die Installation mancher Rohrleitungen als aufwendiger erweist als gedacht. Damit es Ende 2026 nun wirklich klappt, sind 100 zusätzliche Monteure im Einsatz, lässt der städtische Energieversorger wissen. Ob und wann große Kraftwerke wirklich mit Wasserstoff laufen, wird aber nicht nur von der Kraftwerkstechnik abhängen – sondern auch von der Verfügbarkeit von Wasserstoff.
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