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Smart Renewables Kongress

Verjüngungskur für Dinosaurier der Energiewirtschaft

Diskussion über Energiegesetze, Startups und die Zukunft der großen Energiekonzerne auf der BDEW-Veranstaltung Smart Renewables in Berlin.

 - Diskussionsrunde zu Startups und dem Modernisierungspotenzial großer Versorger.
Diskussionsrunde zu Startups und dem Modernisierungspotenzial großer Versorger.
Foto: Nicole Weinhold

Die Energielandschaft in Deutschland verändert sich. Der wachsende Anteil erneuerbarer Energien verlangt nach Digitalisierung und Dezentralisierung. Die traditionelle Energiebranche muss sich darauf einstellen und für Start-ups ergeben sich neue Geschäftsmodelle. Sind sie aber Problemlöser der Energiewende oder überschätzter Hype? So die übergeordnete Fragestellung bei einer Podiumsdiskussion auf der Smart Renewables in Berlin. Moderation Maren Petersen, Geschäftsbereichsleiterin Erzeugung und Systemintegration sowie Leiterin der Stabsstelle für erneuerbare Energien des BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, befragte dazu Kai Morgenstern, Fachbereich Gründung und Innovation, RKW Kompetenzzentrum. Der musste zunächst erklären, was eine Fuck-up Night ist. "Da stehen dann einigen auf und erzählen, warum sie gescheitert sind." Scheitern als Erfolgsstory. "Wir können aus der Start-up-Welt bestimmte Tools nutzbar machen als Stadtwerk", so Morgenstern. Wie kriegt man das Thema Scheitern ins Unternehmen? Darum geht es. "Die Energiewirtschaft war früher Infrastrukturwirtschaft. Jetzt wandelt sie sich langsam zu einer Konsumwirtschaft", so Morgenstern, das verlange nach neuen Unternehmensstrategien.

Dirk Bessau, Leiter Büro Berlin, KIC InnoEnergy Germany GmbH, gab zunächst seine Definition von einem Start-up: "Start-ups bringen komplett neues Geschäftsmodell an den Start und sind nicht älter als fünf Jahre." Sein Unternehmen finanziere Start-ups.

Thorsten Marquardt, Managing Director der Eon-Tochter Agile Accelerator GmbH, verwies, Start-ups bauten neue Geschäftsmodelle auf. Er fügte an, Fuck-ups habe sein Unternehmen auch genug im Haus. "Wir lassen auch das Management darüber berichten." Die Moderatorin wollte wissen, warum bei der neuen E amp;Y-Erhebung von 100 Start-ups nur eines aus dem Energiebereich kommt (auf Platz 36). Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Energie-Agentur GmbH (Dena): "Wir sind in einer festgefahrenen Situation: wie passen auf ein altes System neue Strukturen drauf in sich verändernden Energielandschaft? Start-ups bringen Unternehmertum mit sich." Viele Leute machten sich die verändernde Energiewelt zunutzen. "Was sind die Visionen? Die treibende Kraft von diesen Unternehmen bei der Energiewende ist mir wichtig."

Marquardt sollte dann sagen, ob klassische große Versorgungsunternehmen aussterben werden. "Eon? Ich gebe keine Prognose ab. Ich glaube, die Impulse sind wichtig. Wer kann man schnellsten die neuen digitalen Geschäftsmodell besetzen? Das können wir lernen. Die Politik muss den Markt erleichtern. Batteriehandling. Da kann die Politik helfen. Viele Start-ups stoßen da an ihre Grenzen. Viele scheitern am Regulartor."

 - GE-Mann Cavin Pietzsch über den Wandel seines Unternehmens vom Maschinenbauer zum IT-Konzern.
GE-Mann Cavin Pietzsch über den Wandel seines Unternehmens vom Maschinenbauer zum IT-Konzern.
Foto: Nicole Weinhold

Smart Energy braucht eine smarte Unternehmenskultur: Wie der Wandel in den Energieunternehmen gelingen kann, erklärte Cavin Pietzsch, Geschäftsführer, GE Energy Power Conversion GmbH, Berlin.

Pietzsch berichtete, GE-Chef Jeff Immelt habe vor einigen Jahren gesagt: 'Entweder wir sind 2020 die größte IT-Company oder uns wird es nicht mehr geben.' Er sei durch Silicon Valley gereist (wie u.a. Ex-Bild-Chef Kai Diekmann) und habe gesehen, was das mit GE zu tun hat. Werte für die Kunden, so eine Erkenntnis, liegen im Service. "Vorher herrschten Blaumann-Leute bei GE vor. Die fragten, wie so der Wandel funktionieren? Wir sind keine IT-ler, wir sind Schrauber." D.h. Google etc. würden GE-Wettbewerber sein. 'Wie sollen wir da gewinnen?' Immelt sei überzeugt gewesen, dass es ein Vorteil ist, sich mit Maschinen auszukennen. 'Wir sind eher in der Lage zu lernen, wie man Einsen und Nullen programmiert, als dass die andere Seite sich mit Maschinen auskennt', so seine Devise.

Daten seien dann das neue Geschäftsmodell geworden. Die Produktivität wurde gesteigert, in Cloud-Technik investiert und Sicherheit wurde wichtiges Thema. Gleichzeitig fand ein Wandel weg von stark hierarchischen Strukturen statt. "Ich habe in 12 Monaten 4 Umorganisationen erlebt", so Pietzsch stolz, das sein möglich, weil die Mitarbeiter nicht mehr an Stellenbeschreibungen kleben und weil man innen so arbeitet wie nach außen. Außerdem habe GE die Organisation digital organisiert. Wie digitalisieren wir unsere Produkte? Wie optimierst Du Deine Prozesse durch Digitalisierung? Das waren die entsprechenden Fragen zur Umgestaltung. Immelt habe gesagt: Kultur schlägt Strategie. Statt erst ins Labor gehe man jetzt direkt zum Kunden, um mit diesem Projektsteps zu definieren. "Es gibt kein Leadershiptreffen, wo nicht jemand mit Turnschuhen und T-Shirt vor Ihnen steht, der 20 Mio. auf dem Konto hat, weil er schon ein paar Start-ups aufgebaut und verkauft hat. Wenn der dann zu den alten Managern sagt: Ihr seid zu langsam, ihr müsst aufpassen, dass ihr nicht aussterbt", habe das Wirkung, so Pietzsch.

Nach seinem Vortrag ging es weiter mit einer Frage zur energiepolitischen Ausrichtung. Braucht die Erneuerbare-Energien-Branche noch eine Förderung durch das EEG? Das wollte Moderation Ursula Weidenfeld von Markus Brogsitter, Geschäftsführer, VSB Neue Energien Deutschland GmbH, Dresden, und Matthias Kunath, kaufmännische Geschäftsführung, envia THERM GmbH, Halle (Saale), wissen. Brogsitter sagte, man werden sicher weiter einen organisatorischen Rahmen und finanzielle Unterstützung gebrauchen, solange der Börsenstrompreis am Boden liegt und der Zertifikatehandel weiter nicht läuft. Kunath erklärte, der Marktwert von Onshore-Wind sei 25 Euro pro MWh. "Für 25 Euro kann ich Wind nicht so produzieren, dass ich Investoren finde. Wir wollen die Regenerativen nicht tot machen."

Die Moderatorin frage noch, was sei, wenn weder Sonne noch Wind verfügbar seien. Braucht man ein Gesetz für konventionelle Energie? Kapazitätsmarkt, das wurde mehrfach politisch betont, werde es nicht geben. Kunath verwies auf die letzten Tage des Monats Januar, als 83.000 MW Last am Netz waren, die Regenerativen aber nur 2.000 MW ans Netz brachten. "Entweder wir warten, bis Chaos entstehe, oder... Am Ende wird es so sein, dass wir Kapazitätsmärkte schaffen." Power-to-gas und Biogas könnten hier Ausgleich schaffen, sind aber derzeit nicht gewollt, zumal reichlich fossile Energien die Netze ohnehin verstopfen. Das Henne-Ei-Phänomen. (Nicole Weinhold)