Ein Solarpark am VW-Werk Września senkt die Energiekosten dort.
Wie die VW-Werke in den polnischen Städten Posen und Września zeigen, was Erneuerbare und Effizienz für die Industrie leisten können.
Nicole Weinhold
Von außen wirken sie wie typische Industrieanlagen: große Hallen, breite Straßen, Logistikflächen. Doch hinter den Werkstoren zweier Volkswagen-Standorte und nahe Posen – dem Fahrzeugwerk in Września und der Gießerei im Stadtgebiet von Posen, oder wie es auf Polnisch heißt: Poznań – läuft ein tiefgreifender Umbau. Er erzählt eine Geschichte darüber, welchen konkreten Vorteil erneuerbare Energien für die Industrie haben können. Und darüber, warum gerade energieintensive Bereiche wie eine Gießerei zu Vorreitern bei Effizienz und Dekarbonisierung werden.
Im Volkswagen-Werk Września, rund 50 Kilometer östlich von Posen, werden unter anderem Transporter der Typen MAN TGE und baugleiche VW-Crafter gebaut. Wer heute über das Gelände fährt, blickt auf eine der größten Photovoltaik-Installationen, die je direkt auf einem europäischen Industriegelände errichtet wurden. Mehr als 31.000 Module, verteilt auf Flächen von der Größe von fast 38 Fußballfeldern, liefern eine Leistung von 18,3 Megawatt (MW).
Für den Energiemanager des Standorts,Przemysław Kuczyński, ist diese Anlage weit mehr als ein Symbolprojekt. „Der größte Vorteil ist neben dem Umweltaspekt auch der Preis der erneuerbaren Energie – das motiviert uns in zweierlei Hinsicht“, sagt er. „Erneuerbare Energie stabilisiert unser Budget langfristig und schafft Planungssicherheit. Für ein Werk dieser Größenordnung ist das ein entscheidender Faktor.“
An sonnigen Tagen kann sich das Werk nach Angaben des Managers vollständig selbst mit Strom versorgen, im Jahresdurchschnitt deckt die Anlage bis zu einem Viertel des Energiebedarfs. Der restliche Strom stammt aus zertifizierten erneuerbaren Quellen.
Industrieller Vorteil erneuerbarer Energien
Aus Sicht von Przemysław Kuczyński liegt genau hier der zentrale Vorteil für die Industrie. „Wir können Anlagen direkt neben den Werken bauen. Dadurch entlasten wir das öffentliche Netz, weil die Energie nicht über lange Strecken transportiert werden muss“, erklärt er. „Das ist effizienter, günstiger und sicherer.“
Polen habe sich in den vergangenen fünf Jahren rasant entwickelt. „Heute liegt der Anteil erneuerbarer Energien bei über 30 Prozent, mit klarem Ziel von 50 Prozent bis 2028“, sagt er. Die frühere starke Abhängigkeit von Kohle verliere an Bedeutung. „Viele Kraftwerke, die früher mit Steinkohle betrieben wurden, sind heute auf Erdgas umgestellt. Und parallel wächst der grüne Energiemarkt sehr stark.“ So hat jüngst der chinesische Wechselrichter- und Speicherhersteller Sungrow in der polnischen Woiwodschaft Dolnośląskie (Niederschlesien) den Bau seiner ersten Produktionsstätte in Europa begonnen.
Energie ist für eine Gießerei extrem teuer. Effizienz bedeutet für uns Überlebensfähigkeit.
Für internationale Industriekonzerne wie Volkswagen ist das ein Standortfaktor. „Wir sehen keine Beschränkungen für den Ausbau von Photovoltaik, sondern Unterstützung“, so der Energiemanager. Gerade große Flächen wie in Września böten Möglichkeiten, die in dichter besiedelten Regionen kaum vorhanden sind. Tatsächlich sollen noch zwei bis drei Windturbinen neben dem Werk entstehen.
Energie als strategische Frage
Doch es geht nicht nur um Strom. „Ab 2026 werden wir auch Wärme aus externen Kraftwerken beziehen – Biowärme, erzeugt aus Biomasse“, erklärt Przemysław Kuczyński. „Das Volkswagen Nutzfahrzeuge Werk Hannover wird dann sowohl mit grünem Strom als auch mit grüner Wärme versorgt, und in Polen gehen wir in eine ähnliche Richtung.“
Die Motivation dahinter ist klar: steigende Kosten durch Emissionshandel und CO₂-Bepreisung. „Für die Verbrennung von Gas haben wir im ETS2 zusätzliche Verpflichtungen. Diese Kosten werden weiter steigen“, sagt der Energiemanager. „Deshalb versuchen wir, unsere Energie so günstig wie möglich selbst zu erzeugen.“
Er betont, dass erneuerbare Projekte deshalb nicht nur ökologische, sondern handfeste ökonomische Effekte haben. „Die Biogasanlage hier ist nicht nur ein Projekt für grünes Gas – sie ist auch ein Instrument zur Kostenreduktion.“
Wissen, das über das Werk hinausstrahlt
Ein weiterer Effekt zeigt sich in der Nachbarschaft. Logistikunternehmen und Zulieferer in der Region verfolgen ähnliche Klimaziele. „Unser Nachbar Vida XL wird Biomethan von unserer Anlage kaufen. Das war Teil des Geschäfts“, berichtet Przemysław Kuczyński. „Die großen Logistik- und Kommissionierungsfirmen haben ebenfalls eigene Dekarbonisierungsziele. Von dem Wissen hier können viele profitieren.“
Dass Volkswagen die Anlagen nicht selbst betreibt, ist Teil der Strategie. „Wir bauen keine eigenen Kompetenzen für Photovoltaik oder Biogasanlagen auf. Das ist nicht unser Kerngeschäft“, sagt er. „Externe Investoren und Betreiber übernehmen das. Wir konzentrieren uns auf das Auto.“
„Wir können Erneuerbare-Energie-Anlagen direkt neben den Werken bauen. Dadurch entlasten wir das öffentliche Netz.“
Die Gießerei im Herzen der Stadt
Ganz anders ist die Situation wenige Kilometer weiter westlich, mitten im Stadtgebiet von Poznań. Im Stadtteil Wilda liegt die Volkswagen-Gießerei, offiziell Werk 3 von Volkswagen Poznań. Hier entstehen Zylinderköpfe, Getriebe- und Lenkgehäuse – Komponenten, die in nahezu allen Marken des Konzerns verbaut werden.
„Fast jedes Elektrofahrzeug aus dem Konzern hat Teile von unserer Gießerei“, sagt Marcin Matuszak, Experte für Werktechnik. „ID.3, ID.4, ID.7, Audi, Škoda – statistisch gesehen hat jeder zweite Wagen weltweit ein Teil von uns.“
Rund 1.000 Beschäftigte fertigen hier jährlich etwa fünf Millionen Komponenten aus Aluminium. Der Energiebedarf ist enorm. „Wir nutzen mehr als 30.000 Tonnen Aluminium pro Jahr“, erklärt Matuszak. „Wärme für die Schmelzprozesse kommt zu 100 Prozent aus Gas.“
Anreiz zur Effizienz: Kosten
Warum wurde gerade hier so konsequent in Energieeffizienz investiert? Für Matuszak liegt die Antwort auf der Hand. „Rückgewinnung von Wärme ist technisch nicht das große Problem. Die Frage ist: Wohin mit dieser Wärme?“, sagt er. In Poznań liegt die Antwort buchstäblich vor der Tür. „Zehn Meter von unserer Grenze entfernt ist die Wärmezentrale der Stadt.“
2017 ging das erste Projekt zur Abwärmenutzung in Betrieb. Heute werden bis zu vier Megawatt Wärme aus der Produktion in das städtische Netz eingespeist. „Das reicht, um etwa 6.500 Wohnungen zu beheizen“, sagt Matuszak. Gleichzeitig sinken die CO₂-Emissionen um rund 3.500 Tonnen pro Jahr. Der entscheidende Anreiz war dabei nicht nur Klimaschutz. „Energie ist für eine Gießerei extrem teuer. Effizienz bedeutet für uns Überlebensfähigkeit“, sagt Matuszak. Das bestätigt sich für Werksbesucher, wenn sie sehen, dass flüssiges Aluminium in riesigen Thermoskugeln antransportiert wird. Tatsächlich sei es effizienter, das flüssige, heiße Material zu transportieren, als es für den vierstündigen Transport abkühlen zu lassen, um es dann vor Ort wieder aufzukochen. Anders als Werke auf der grünen Wiese könne man hier nicht einfach ausweichen. „Wir sind mitten in der Stadt. Unsere Nachbarn wohnen hier. Das verpflichtet.“
Schritt für Schritt zur maximalen Nutzung
Das Projekt Wärmerückgewinnung wurde bewusst überdimensioniert. „Wir haben die Rohrleitungen etwa vierfach größer ausgelegt“, erklärt Matuszak. „Wir wussten: Später wollen wir mehr machen.“
Heute gibt es mehrere Stufen der Wärmerückgewinnung: aus Kompressoren, aus der Abluft der Schmelzöfen und zunehmend für die interne Nutzung. „Der dritte Schritt ist, dass wir unsere eigenen Hallen und Waschanlagen zu 100 Prozent mit rückgewonnener Wärme versorgen“, sagt Matuszak. „Das haben wir gerade erst in Betrieb genommen.“
Auch die Produktion selbst wurde optimiert. „Wir haben Schmelzöfen, bei denen die Leistung flexibel zwischen 60 und 100 Prozent gesteuert werden kann“, erklärt er. „Wenn ich weniger Aluminium schmelze, verbrauche ich auch weniger Gas. Früher ging das nicht.“
Programme und Ziele als Treiber
Ein zusätzlicher Anreiz kam aus dem Konzern selbst. In Umweltentlastungsprogrammen wurden klare Reduktionsziele festgelegt. „Am Anfang dachte jeder, dass 25 Prozent weniger Energie pro Tonne nicht möglich sind“, erinnert sich ein weiterer Werksvertreter. „Aber es ist so gut gelaufen, dass wir neue Ziele bekommen haben: 45 Prozent weniger für Komponentenwerke, 50 Prozent für Fahrzeugwerke.“ Die Ergebnisse: „In diesem Jahr haben wir 148 Prozent unseres Ziels erreicht“, sagt er.
Zwei Werke, ein gemeinsames Prinzip
Ob Photovoltaik auf der grünen Wiese von Września oder Abwärmenutzung im dicht bebauten Poznań: Beide VW-Werke folgen demselben Prinzip. Erneuerbare Energien und Effizienz sind kein Selbstzweck, sondern ein industrieller Vorteil. Oder, wie Przemysław Kuczyński es formuliert: „Jeder, der mehr Möglichkeiten hat, muss mehr beitragen. Nicht aus Idealismus – sondern weil es wirtschaftlich sinnvoll ist.“
Foto: VW
Transporter im VW-Werk
Illu: VW
So funktioniert die Abwärmenutzung in der Aluminiumgießerei von VW in Posen.
Foto: VW
In der Produktion fällt reichlich Abwärme an, etwa in der Reinigung von Bauteilen.
Zahlen & Fakten VW-Werke bei Poznań
Photovoltaik Września
• Leistung: 18,3 MW • Module: über 31.000 • Fläche: entspricht ca. 38 Fußballfeldern • Anteil am Strombedarf: bis zu 25 % • Ausbau in Stufen seit 2022 • Tragstruktur: über 430 Tonnen • Verkabelung: ca. 150 km
Erneuerbare Energie & Markt
• Anteil erneuerbarer Energien in Polen: >30 % • Politisches Ziel: 50 % bis 2028 • Geplante zusätzliche PV-Leistung (Dach & Carports): 14 MW • Geplante Windkraftanlagen am Standort Września
Gießerei Volkswagen Poznań
• Beschäftigte: ca. 1.000 • Produktionsstart: 1996 • Jahresproduktion: ca. 5 Mio. Komponenten • Gesamtproduktion bisher: >100 Mio. Komponenten • Aluminiumverbrauch: >30.000 Tonnen/Jahr • Eine der drei größten Aluminium-Gießereien Europas
Wärmerückgewinnung Gießerei
• Inbetriebnahme: 2017 • Leistung: bis zu 4 MW • Versorgte Wohnungen: ca. 2.000 • CO₂-Einsparung: ca. 3.500 t/Jahr • Rohrleitungslänge: ca. 2 km • Wassertemperatur: 85–90 °C
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