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Windgutachten

Beim Windgutachten lieber nachmessen statt glauben

Anemos-Jacob-Chef Herbert Schwartz über Windgutachten. Deren Ergebnisse waren in der Vergangenheit manchmal ziemlich realitätsfern.

Nicole Weinhold

Herbert Schwartz ist Geschäftsführer des Gutachterbüros Anemos-Jacob. Er erklärt, was sich in jüngerer Zeit bei Wind- und Ertragsgutachten verändert hat.

Die Ergebnisse von Windgutachten waren in der Vergangenheit manchmal nicht nahe genug an der Realität. Ist man weiter bei der Qualität der Mess- und Berechnungsmethoden?

Herbert Schwartz: Wir haben als Gutachter über die vergangenen 20 Jahre so gut wie keinen wissenschaftlichen Input bekommen. Und ich persönlich glaube auch, dass die Modellentwicklung erst am Anfang steht. So sind wir von dem, was wir in den Händen haben, nicht viel besser als vor 20 Jahren. Wir haben uns aber in der Praxis durch die zunehmende Erfahrung und den gegenseitigen Austausch angetrieben, besser zu werden. Wir haben auch ganz klar über die TR 6 die Möglichkeit gegeben, die unsinnigsten Herangehensweisen abzulehnen. Mit der Revision 9 haben wir uns Regeln gegeben, bis zu welchen Grenzen keine Windgutachten mehr erstellt werden dürfen. Daran halten sich alle Kollegen. Wir haben den Markt gezwungen, die riskantesten Windgutachten nicht mehr in Auftrag zu geben.

Was heißt riskant? Wurden da Äpfel mit Birnen verglichen?

Herbert Schwartz: Ja, genau. Eine kleine Windkraftanlage mit 500 Kilowatt Leistung in 20 Kilometer Entfernung in hügeligem Gelände wurde als Vergleich herangezogen. Die Windgutachter selbst wollten das auch nicht. Aber erst als sie sagen konnten, die TR 6 verbietet uns das, war es durchzusetzen, dass so etwas nicht mehr passiert. Wir konnten auch über die TR 6 durchsetzen, dass jetzt viel mehr Windmessungen durchgeführt werden als früher. Mittlerweile ist es Standard, dass man da, wo man nicht genug über die Windverhältnisse weiß, eine Windmessung macht.

Wie wirken sich die Ausschreibungen aus?

Herbert Schwartz: Sie führen zu einer starken Schwankung der Auslastung, die es vorher nicht gab. Das liegt an den Ausschreibungsterminen und daran, dass unterschiedliche Akteure zu unterschiedlichen Zeiten am Markt bedacht werden. 2017 hatten wir viele Kunden, die gesagt haben: Unter den Bedingungen planen wir nicht mehr. Dann sind die Preise gestiegen, jetzt planen sie doch noch etwas. Auch die Reaktion der Kunden auf die Ergebnisse bringt erstmal eine gewisse Verzögerung. Dann wird wieder eine neue Strategie gesucht und es kommen Aufträge oder es kommen keine. Abhängig von diesen schwankenden Ergebnissen und den unterschiedlichen regionalen Ausprägungen kommen meine Kunden zum Zuge oder nicht. Hinzu kommt der Preisdruck.

Haben Sie auch durch den Preisdruck eine starke Konkurrenzsituation unter den Windgutachtern?

Herbert Schwartz: Natürlich gibt es viele Gutachterbüros in Deutschland, gerade wenn auch das Marktvolumen sinkt. Ich muss aber sagen, dass diese Konkurrenzsituation so im täglichen Leben nicht spürbar ist. Wenn Gutachter sich treffen, dann pflegen wir ein kollegiales fachliches Miteinander, um uns voranzubringen. Jeder Windgutachter hat nicht die Kapazität, um einen fachlichen Fortschritt in größerem Umfang zu erreichen. Trotz der Konkurrenzsituation gibt es doch eine weitgehende Kollegialität.

Ziel ist es, der Realität möglichst nahe zu kommen. Wie gelingt das?

Herbert Schwartz: Es gelingt dadurch, dass man immer wieder versucht, aus der Vergangenheit zu lernen. Wenn wir ein Windgutachten nicht auf Basis einer Windmessung, sondern auf Basis von Ertragsdaten machen, dann können wir aus den Daten sehr viel lernen. Es hängt aber auch sehr viel davon ab, wie intensiv ich die vorliegenden Daten betrachte. Unsere Strömungsmodelle sind lange nicht so gut, dass sie die Windverhältnisse in Deutschland realistisch wiedergeben, aber wir können durch die vielen errichteten Windkraftanlagen lernen, was die Modelle können und was nicht. Dann können wir das entsprechend korrigieren.

Wir machen Windberechnungen auf Basis von Wetterstationsdaten. Dadurch werden die Windverteilungen vor allem in der Höhe schlecht wiedergegeben werden. Eigentlich sogar ziemlich falsch. Mit anderen Datensätzen – sei es aus Windmessungen, sei es aus den Betriebsdaten von Windkraftanlagen – kann man die Verteilung realistischer modellieren.

Wo stoßen Gutachter noch heute an ihre Grenzen? Beim Höhenwind?

Herbert Schwartz: Jedes Berechnungsmodell liefert mir ein Ergebnis, auch wenn ich 300 Meter Nabenhöhe eingebe. Die Frage ist: Akzeptiere ich das als Gutachter und schreibe es in mein Gutachten oder hinterfrage ich es? Wie versuche ich, das zu unterfüttern? Nach unserer Erfahrung wird die Steigerung des Windpotenzials in der Höhe von den Modellen deutschlandweit nur selten realistisch wiedergegeben. Insofern können wir uns damit befassen. Dann haben wir mehr Mühe, aber es gibt auch Lösungsmöglichkeiten, indem wir zum Beispiel die Ertragssteigerung aus bestehenden Anlagen ableiten und versuchen, das nach oben fortzusetzen. Oder im Zweifelsfall muss man eine Windmessung durchführen. Sobald ich eine Windmessung habe, die hoch genug reicht, habe ich überhaupt kein Problem mehr.

Messmasten gibt es nicht in 300 Meter Höhe.

Herbert Schwartz: Nein. Aber Sodar- und Lidargeräte sind ja inzwischen in Deutschland weit verbreitet. Da können wir locker bis 200 Meter Höhe messen. Diese Geräte haben uns einen massiven Erkenntnisgewinn verschafft. Ich erinnere mich noch an unsere ersten Messungen, die für uns so überraschend waren, weil das Windangebot in der Höhe so anders ausgesehen hat als erwartet.

Inwiefern?

Herbert Schwartz: Die Häufigkeitsverteilung der Windgeschwindigkeit sah anders aus – viel weniger Stunden bei Starkwind als erwartet, auch viel weniger Stunden bei Schwachwind, sondern eine sehr deutliche Konzentration auf die Mitte. Wenn wir Verluste realistisch betrachten wollen, müssen wir von der einfachen Betrachtung des Monatsertrags wegkommen. Wir müssen auch die Verteilung über den Tag hinweg betrachten. Wie das wirklich aussieht, wissen wir nur, wenn wir Messungen aus der Region haben. Ich finde es schade, dass die Windbranche das viel zu wenig beachtet. Denn wenn wir in die Zukunft schauen, dann können wir uns nicht mehr hinstellen und sagen: Den Strom nehmt ihr bitte für soundsoviel Cent pro Kilowattstunde. Wir müssen uns überlegen, wie das, was wir liefern, am besten in die Gesellschaft passt. Wenn wir darüber nachdenken, müssten wir Windgutachter auch vom Jahresertrag wegkommen und stattdessen sagen, wann wie viel Energie geliefert wird. Dann müssten unsere Planer uns sagen, welcher Anlagentyp und welche Nabenhöhe an dieser Stelle optimal ist, um das, was wir liefern, optimal in den Markt einzupassen. Wenn wir das in der Vergangenheit beachtet hätten, hätten wir jetzt nicht so hohe Nabenhöhen, denn die sorgen verstärkt für eine nächtliche Stromproduktion. Und das ist gesellschaftlich nicht so gut.

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