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Flickenteppich der Wärmewende

Nicole Weinhold

Während in Baden-Württemberg bereits mehr als ein Viertel der Kommunen, genau 26 Prozent, ihre kommunalen Wärmepläne vorgelegt haben, liegt Nordrhein-Westfalen mit zwölf Prozent sowie Rheinland-Pfalz mit sieben Prozent deutlich dahinter. Der Bundesdurchschnitt beträgt gerade einmal sieben Prozent. Einige Länder stecken sogar noch in den Startlöchern: In Hessen und Sachsen sind je nur zwei Prozent der Kommunen fertig, in Thüringen sogar nur ein Prozent. Dabei ist das Land 2024 als erstes mit einem eigenen Wärmeplanungsgesetz (WPG) dem Bund vorangegangen – ein Hinweis darauf, dass politische Beschlüsse nicht automatisch eine schnelle Umsetzung garantieren. Das Wärmeplanungsgesetz des Bundes verpflichtet seit 2024 alle Länder, eigene Regelungen zu erlassen. Städte mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern müssen bis Mitte 2026 einen Wärmeplan vorlegen, kleinere Kommunen bis spätestens Mitte 2028. Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern dürfen ein vereinfachtes Verfahren anwenden.

Viele Kommunen zeigen dabei mehr Ehrgeiz, als das Gesetz verlangt. Während der Bund 2045 als Zieljahr für Treibhausgasneutralität vorgibt, streben rund drei Viertel der Städte und Gemeinden laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung bereits 2040 an. Sieben Prozent wollen schon bis 2035 klimaneutral werden.

Ein zentraler Hebel zum Erreichen dieser Ziele liegt in der Senkung des Wärmeverbrauchs. Die meisten Wärmepläne kalkulieren Einsparungen zwischen 20 und 30 Prozent ein, vor allem durch Sanierungen von Gebäuden. Für Wohngebäude liegt die geplante Sanierungsquote zwischen 0,7 und 4,8 Prozent pro Jahr – im Mittel bei rund zwei Prozent. Damit könnte der Gebäudebestand über die Jahre deutlich effizienter werden.

Zwei Säulen der neuen Wärmeversorgung

Die kommunale Wärmeplanung zeigt: Wärmenetze und Wärmepumpen werden die tragenden Säulen der künftigen Wärmeversorgung. Der Anteil von Wärmenetzen am gesamten Wärmebedarf liegt derzeit im Durchschnitt bei nur neun Prozent, soll aber auf 37 Prozent steigen – das wäre mehr als eine Vervierfachung. Dabei übernehmen Abfälle als Energiequelle mit etwa 47 Prozent in den Plänen die wichtigste Rolle. Danach folgen Wärmepumpen, Geothermie, Biomasse, Abwärme, Wasserstoff und Solarthermie.

Auch bei den Heizsystemen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. So dominieren in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen weiter Gasheizungen, während im Süden – insbesondere in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – Lösungen wie Wärmepumpen, Holzpellet- bzw. allgemein Biomasseheizungen häufiger zum Einsatz kommen. Bayern führt mit 23,5 Prozent den Anteil der Wärme aus Biomasse an, während Baden-Württemberg mit frühen gesetzlichen Vorgaben und einem hohen Anteil an Holzpelletheizungen ebenfalls stark aufgestellt ist.

Rheinland-­Pfalz liegt bei der Zahl der Wärmepumpen im Verhältnis zur Bevölkerung deutschlandweit vorne.

Rheinland-Pfalz liegt bei der Zahl der Wärmepumpen im Verhältnis zur Bevölkerung deutschlandweit vorne. Die Untersuchungen zeigen dabei, dass gerade kleinere und mittlere Kommunen mit dezentralen Technologien punkten können. Großstädte dagegen setzen stark auf den Ausbau von Fernwärmenetzen, wie etwa Berlin mit dem größten Wärmenetz Westeuropas.

Die unterschiedlichen geografischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen prägen das Bild. Länder mit landwirtschaftlichem Fokus und viel Wald verfügen über gute Bedingungen für Biomasse, während Küstenländer wie Schleswig-Holstein mit Windstrom und Geothermie auf strombasierte Wärmepumpenlösungen setzen.

Wegweiser und Wissensdrehscheibe

Wo viele Kommunen noch Orientierung suchen, unterstützt das Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende (KWW). Das bei der Deutschen Energie-Agentur (Dena) angesiedelte Projekt begleitet Städte und Gemeinden bundesweit im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz.

Das KWW bündelt Wissen, Beratung und Netzwerke, um die kommunale Wärmeplanung zu beschleunigen. Über seine Plattform kww-halle.de bietet es Informationen zu rechtlichen Grundlagen, Prozessgestaltung und Technologieeinsatz. Zudem gibt es mit dem KWW-Kompass und vielen Praxisbeispielen Hilfe für Kommunen, die am Anfang stehen oder schon fortgeschritten sind. Weiterbildungen und Austausch gehören ebenfalls zum Angebot.

Ein besonderes Werkzeug ist der KWW-Technikkatalog Wärmeplanung, der im Dezember 2025 aktualisiert wurde. Er listet alle relevanten Technologien auf, bietet technische Parameter, Beispiele und Hinweise zur Wirtschaftlichkeit. Kommunen können ihn nutzen, um Szenarien durchzurechnen, wenn lokale Daten fehlen oder Wirtschaftlichkeitsvergleiche erforderlich sind. Er dient damit als praxisnahes Planungsinstrument, das die technologische Vielfalt und Machbarkeit regionaler Lösungen abbildet.

Während der Bund 2045 als Zieljahr für Treibhausgasneutralität vorgibt, streben rund drei Viertel der Städte und Gemeinden laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung bereits 2040 an.

Daneben erläutert der KWW-Leitfaden zur kommunalen Wärmeplanung die einzelnen Prozess­phasen von der Datenaufnahme über die Potenzialanalyse bis zur Erstellung und Umsetzung des Wärmeplans. Er enthält Handlungsempfehlungen, beschreibt institutionelle Abläufe und zeigt auf, wie Akteursbeteiligung und Kommunikation in der Kommune gelingen. Der Leitfaden betont zudem, dass eine bedarfsgerechte Planung nur mit breiter Bürgerbeteiligung und der Einbindung lokaler Unternehmen erfolgreich ist.

Damit hat das Kompetenzzentrum ein praxis­orientiertes Fundament gelegt, auf dem Kommunen ihre Strategien aufbauen können – von der ersten Bestandsaufnahme bis zur konkreten Umsetzung.

Was Kommunen jetzt tun können

Die Wärmewende ist längst kein Zukunftsthema mehr, sondern konkrete Gegenwart in Rathäusern und Stadtwerken. Der gesetzliche Rahmen gibt eine klare Richtung vor, doch der Weg dorthin hängt von Engagement, lokaler Zusammenarbeit und Fachwissen ab.

Kommunen sollten frühzeitig den Dialog mit Energieversorgern, Wohnungswirtschaft, Industrie sowie Bürgerinnen und Bürgern suchen, um Synergien zu nutzen. Zentrale Erfolgsfaktoren sind: eine genaue Datengrundlage über Wärmebedarf und -verbrauch, ein klares Zielbild für 2040 oder früher – und eine Strategie, die erneuerbare Wärmeerzeugung, Sanierung und Netzplanung integriert statt isoliert betrachtet.

Die Arbeit an der kommunalen Wärmeplanung ist komplex, doch Unterstützung ist vorhanden. Neben Förderprogrammen des Bundes bieten Plattformen wie die des KWW Wissen, Austausch und Werkzeuge zur strukturierten Umsetzung. Jede entschlossene Kommune trägt dazu bei, dass die Wärmewende in Deutschland kein Flickenteppich bleibt, sondern zu einem landesweiten Erfolgsmodell wird.

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