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Was verbirgt sich hinter dem Projektnamen HySynGas?

Power-to-Gas-Hub mit 50-Megawatt-Elektrolyse

Stephan Frense, neuer CEO der ARGE Netz, über das Ziel, am größten Industriestandort Schleswig-Holsteins den Grundstein für einen Power-to-Gas-Hub zu legen.

Nicole Weinhold

Stephan Frense, Geschäftsführer von ARGE Netz, erlebt Tatendrang und Aufbruchstimmung beim Thema Energiewende.

Sie sind seit 1. April 2019 CEO der Erneuerbaren-Unternehmensgruppe ARGE Netz. Was haben Sie dort bisher gelernt?

Stephan Frense: Der erneuerbare Mittelstand ist der Innovationsmotor für die Energiewende. Die mehr als 360 Gesellschafter, für die wir uns als Dienstleister einsetzen, sind voller Tatendrang: Sie wollen jetzt Verantwortung für das Energiesystem der Zukunft übernehmen. Sie wollen zeigen, dass sie es können! Es ist für mich faszinierend, diese Aufbruchstimmung zu erleben.

Zuvor waren Sie beim TÜV Rheinland und bei E.ON in Führungspositionen. Welche Erfahrungen bringen Sie von dort mit?

Stephan Frense: Ich komme aus der Beratung und war bis Ende 2016 Vorsitzender der Geschäftsführung beim TÜV Rheinland Industrie Service. Davor war ich in gleicher Funktion bei E.ON Anlagenservice tätig. Der Service-Gedanke ist auch für meine neue Aufgabe von überragender Bedeutung: Was brauchen unsere Kunden? Welche Geschäftsmodelle versprechen den größten Erfolg? Wo liegt künftig die Wertschöpfung für den Mittelstand der Energiebranche? Diese Fragen werden mein Team und ich im engen Austausch mit unseren Gesellschaftern zügig beantworten.

ARGE Netz steht für eine ganzheitliche Denke der Energiewende. Was verbirgt sich hinter dem Projektnamen HySynGas?

Stephan Frense: HySynGas ist das weltweit erste großindustrielle Power-to-Gas-Projekt im Industriepark Brunsbüttel, das ARGE Netz gemeinsam mit MAN Energy Solutions und Vattenfall umsetzen will. Die 50-Megawatt-Elektrolyse wird mit regionalem Strom aus erneuerbaren Energien grünen Wasserstoff und nachgelagert auch synthetisches Gas herstellen, um damit zum Beispiel Busse, Lkw und Schiffe anzutreiben sowie beim Einsatz in Gaskraftwerken und in der Industrie klimaschädliche CO2-Emissionen zu verringern. Unser gemeinsames Ziel ist es, am größten Industriestandort Schleswig-Holsteins den Grundstein für einen norddeutschen Power-to-Gas-Hub für sektorenübergreifende Dekarbonisierung zu legen.

Warum wurden in Deutschland bisher sowohl die Wärme- als auch die Verkehrswende verschlafen?

Stephan Frense: Bei der Wärme- und Verkehrswende wachen Deutschland und Europa gerade erst aus einem langen Winterschlaf auf. Im Stromsektor haben wir inzwischen fast 40 Prozent Erneuerbare geschafft. Der Wärmesektor liegt bei nur 14 Prozent und der Verkehrssektor sogar bei nur rund 6 Prozent Erneuerbare. Der schleppende Netzausbau führt aber noch immer dazu, dass wir den Strom nicht abtransportieren können. Daher gilt es, den Strom vor Ort zu nutzen, das hilft der Akzeptanz und befördert Innovationen für Klimaschutz bei Industrie, Wärme und Verkehr. Die künstlich verteuerten Strompreise verhindern bisher einen breiten Einsatz der Sektorenkopplung.

Warum haben Sie sich bei HySynGas für den Standort Brunsbüttel entschieden?

Stephan Frense: Hier sitzen die großen Industrie­unternehmen, die mit hohem Potenzial die CO2-Emissionen durch regenerativ erzeugten Wasserstoff, Sauerstoff und synthetisches Gas einsparen können. Zudem wollen wir in Schleswig-Holstein die technologische Führungsposition im Bereich Power-to-Gas absichern und weiter ausbauen. Erneuerbare Energien sind schon heute in der Region in großen Mengen verfügbar. Ziel ist es deshalb auch, die P2G-Anlage systemdienlich zu fahren. Damit erreichen wir auch einen positiven Effekt auf die Stabilität der Stromnetze und können mehr Erneuerbare nutzen.

Sie bewerben sich mit Ihren Partnern MAN Energy Solutions und Vattenfall auf ein Reallabor. Was kann es bewirken?

Stephan Frense: Das Reallabor soll aufzeigen, wie Sektorenkopplung im großindustriellen Maßstab erfolgreich umsetzbar ist. Dabei sollen die Projekte vor allem auch die notwendigen regulatorischen Änderungen aufzeigen, die hierfür nötig sind. Denn die Technik ist einsatzreif, und die Unternehmen wollen in die grüne Energiezukunft investieren. Nur die aktuellen gesetzgeberischen Rahmenbedingungen erlauben derzeit jedoch keinen wirtschaftlichen Betrieb. Das Reallabor muss nun die Möglichkeit schaffen, grüne Gase wirtschaftlich vor Ort und deutschlandweit ohne Belastungen auf dem Strompreis nutzen zu dürfen.

Wie kommt NEW 4.0 voran?

Stephan Frense: NEW 4.0 zeigt, wie Lösungen für die Energiewende funktionieren: Industrie und Erneuerbare arbeiten dabei Hand in Hand. ARGE Netz ist selbst Teil der Steuerungsgruppe von NEW 4.0 und liefert mit dem Erneuerbare-Energien-Kraftwerk die digitale Betriebsplattform für die künftige Echtzeitwirtschaft. Es ist großartig zu sehen, dass in unglaublich vielen Einzelprojekten seit Projekt­beginn an mehreren Demonstratoren und Use Cases am Erfolg der Energiewende gearbeitet wird.

Ziel ist hier ja auch die Erarbeitung von Systemlösungen für ein zukunftsfähiges Energiesystem auf Basis Erneuerbarer. Gibt es hier schon erste Erkenntnisse?

Stephan Frense: Zahlreiche Demonstratoren konnten inzwischen ihre Projekte umsetzen. Die Konzepte sind vorhanden und teilweise bereits erprobt, jetzt fehlt noch der ganzheitliche Rahmen, durch den sich diese Projekte erfolgreich skalieren lassen. Dasselbe gilt für andere bereits erfolgreich errichtete und in Betrieb genommene Demonstratoren wie die Power-to-Gas-Anlage in Brunsbüttel, das Speicherregelkraftwerk in Curslack oder den Multimegawatt-Batteriespeicher in Jardelund.

Was würden Sie sich von der Politik für die ganzheitliche Energiewende wünschen, wie ARGE Netz sie verfolgt?

Stephan Frense: Eine ganzheitliche Reform der Steuern, Abgaben und Umlagen aller Energieträger auf Grundlage ihrer Treibhausgas-Emissionen. Diese Reform kann aufkommensneutral gestaltet werden und würde viele Probleme der Sektorkopplung und der Energiewende lösen. Für eine Lenkungswirkung muss der Preis für CO2 mit Bedacht, aber kontinuierlich angehoben werden. So entsteht Investitionssicherheit und jeder weiß, wo die Reise hingeht.

Das Interview ist Teil der Sonderpublikation von ERNEUERBARE ENERGIEN zum Windbranchentag Schleswig-Holstein.
Termin: Der BWE-Windbranchentag Schleswig-Holstein findet am 23. Mai in Husum unter dem Motto „Schleswig-Holstein: Wind. Kraft. Europa.“ statt. Anmeldung und Infos hier.

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