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Wind Europe

So hat Cov19 die europäischen Windturbineninstallationen gebremst

Der Windparkausbau in Europa wird 2020 durch Einflüsse der Coronapandemie um 20 Prozent kleiner ausfallen als erwartet, kalkuliert Wind Europe.

Inhaltsverzeichnis

Tilman Weber

Infolge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronapandemie dürfte der europäische Windparkzubau in diesem Jahr um rund ein Fünftel hinter die bisherigen Erwartungen zurückfallen, teilte der europäische Windkraftbranchenverband am Freitag mit. Noch im Oktober vorigen Jahres hatte Wind Europe in seinem Ausblick auf die kommenden fünf Jahre den Installationsteams in Europa 17,7 Gigawatt zugetraut. Nun passt der Windenergieverband allerdings die Prognose der langen Dauer der Coronapandemie an und analyisert die Folgen in einer jetzt vorgelegten Studie, die den Titel "The impact of COVID-19 on Europe´s wind sector" trägt.

Um den zunehmenden Einfluss der Coronapandemie auf die Windkraftkonjunktur gerade in Europa zu verdeutlichen, erinnert Wind Europe an eine Prognose des Marktanalyse-Unternehmen Bloomberg New Energy Finance (BNEF) vom 31. März. Nach den ersten drei Monaten seit dem bisher bekannten Ausbruch der Pandemie in China hatte BNEF einen ersten deutlichen Einbruch des Ausbaus der Windkraft prognostiziert. Dabei bezogen sich die BNEF-Kalkulationen zwar nicht nur auf europa- sondern auf die weltweiten Windparkneuerrichtungen. Sie zeigten aber bereits deutlich den Trend auch für Europa an: Die binnen zwölf Monaten neu installierte Kapazität, so die BNEF-Einschätzung von Ende März, werde Ende 2020 mit 66,4 Gigawatt (GW) um 12 Prozent geringer ausfallen als die ein Vierteljahr davor eigens prognostizierten 75,5 GW. Dafür werde 2021 ein Nachholeffekt zu 73 GW Kapazitätszubau der Windkraft weltweit führen – 17 Prozent über dem bisher geschätzten Prognosewert von 62,3 GW.

Unterbrechung der Lieferketten, Behinderung der Installation

Wind Europe zeichnet nun auf, warum die Krisenwirkung der Coronapandemie auf das Installationsgeschäft gerade in Europa sich noch länger und schwerer auswirkt, als bisher vorhersehbar. So macht die Analyse unterschiedliche zeitlich versetzte Schübe und mehrere mittelfristige Rückwirkungen daraus sichbar: Corona bedeutete für das europäische Windenergiegeschäft anfangs eine Unterbrechung von Lieferketten durch den Wegfall asiatischer Zulieferer sowie bald darauf auch einiger Komponentenhersteller und Turbinenmontagewerke in Europa. Darauf verweist die Analyse ebenso wie auf die zunehmende Behinderung der Installationsarbeiten durch staatliche Beschränkungen für Körperkontakte und durch geschlossene Landesgrenzen.

Fabrikschließungen und verlangsamte Fertigung in China und Indien

So hätten Fabrikschließungen in China schon im Januar und Februar bewirkt, dass bisher importierte „Schlüsselkomponenten“ nicht mehr zu den großen Windturbinenherstellern nach Europa gelangten. In Indien als der weltgrößten Werkbank für Windkraftgetriebe habe der Lockdown einige Getriebebauer gezwungen, ihre Produktionen einzustellen. Anfang April seien dann 19 wichtige Produktionsstätten der Windturbinenindustrie auch in Europa ausgefallen, erinnert Wind Europe, während weitere Werke wegen des sogenannten Social Distancing ihre Belegschaften in den Montagehalle reduzieren und daher ihre Produktionsaktivitäten verlangsamen mussten. Natürlich habe die Einschränkung der Bewegungsfreiheit auch die Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten im Betrieb von Windparks beeinflusst.

Höhere Finanzierungskosten bremsen kleinere Windparkprojekte

Ohne dies näher zu belegen, verweist die Studie auch auf steigende Finanzierungskosten für Investitionskredite. Hier steigende Preise, also Zinsen für das sogenannte Fremdkapital, bringt Wind Europe in einen Zusammenhang mit rückläufigen Abschlüssen bei den Finanzierungsverträgen für neue Windparks an Land. Während Offshore-Windprojekte im ersten Halbjahr 2020 mit Investitionsvereinbarungen von elf Milliarden Euro die europäischen Windparkneufinanzierungen des ersten Halbjahres insgesamt zwar auf den Rekordwert 14,3 Milliarden Euro trieben, brachen die Finanzierungsabschlüsse bei Windparks an Land auf 3,3 Milliarden Euro „signifikant“ ein. Vor allem kleinere Windparks hätten bei den Finanzierungen den Kürzeren gezogen, analysieren die Branchenvertreter – wohl aufgrund der Verunsicherungen über die weiteren wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie.

Faktor Preisverfall im Stromhandel

Dabei verweist die Studie auf eingebrochene Stromhandelspreise, die dem Nachfragetief beim Stromverbrauch infolge coronabedingt rückläufiger Volkswirtschaften entsprechen. Besonders Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien seien betroffen, suggerieren die Autoren, mit einer Tiefphase der Strommarktpreise von Mitte März bis Mitte Mai auf einem um 20 bis 25 Prozent niedrigeren Niveau im Vergleich zum Vorjahr. Erst danach zogen die Preise auf den Märkten wieder auf einen Wert von noch 5 bis 10 Prozent unterhalb der Vorjahreswerte an.

Wind Europe sieht eine Besserung der Strommarktpreise in Sicht. Allerdings soll diese nur „mittelfristig“ erfolgen: wenn die in vielen EU-Ländern geplante weitere Elektrifizierung des Energieverbrauchs im Verkehr und im Wärmemarkt sowie der Ausstieg aus klimaschädlicher Energienutzung greifen.

Ausfall von Zulieferungen aus Ecuador, Türkei, Spanien und Deutschland

Wie tief die Coronakrise in die Abläufe der Fertigung und Errichtung neuer Windparks in Europa eingriff, stellt die Europe-Wind-Studie ebenfalls dar: So bremsten nicht nur die zwischenzeitlichen 19 Werkschließungen, die sich allesamt noch auf Fabrikstandorte in Spanien und Italien konzentrierten. Weitere Lockdown-Maßnahmen in Spanien, aber auch in Deutschland und später in Ecuador schränkten die Verfügbarkeit von Turbinenbaurohstoffen wie Balsaholz und PVC-Kunststoff und von Haupt- und Getriebelagern sowie bestimmter Leistungselektronik-Artikel ein. Auch die Rotorblattherstellung verzeichnete zwischenzeitliche Ausfälle und beeinträchtigte somit die Belieferung der Baustellen erheblich. Blattzulieferer TPI musste die Herstellung in der Türkei im April um 50 Prozent reduzieren und auch die Blattfertigung des Windenergiekonzerns Siemens Gamesa im britischen Hull sah ihre Herstellungsprozesse wegen Anpassungen an die Pandemieschutzregeln aus London gebremst.

Verlangsamte Lernkurven

Wenig messbare und dennoch nicht zu vernachlässigende Auswirkungen sieht Wind Europe auch in der Verlangsamung sowohl der Lernkurven, als auch der Verbesserung der Arbeitsprozesse in den Fabriken. Damit blieben wohl wichtige Windkraftindustrie-Unternehmen weiter von ihren anvisierten Produktivitätszielen entfernt als vorgesehen, was die Installationen indirekt ebenfalls verlangsamte. Und schließlich kamen die Regierungen in einigen europäischen Ländern den Installationsteams bei den Baufristen entgegen, und gaben den Projektierern für die eigentlich 2020 fälligen Windparkanschlüsse mehr Zeit. Solche Baufristen legen die nationalen Ausschreibungssysteme für Windparks fest, um Vergütungszuschläge bei erst verspätet ans Netz gehenden Windparks verfallen zu lassen.

Windparkausbau im Halbjahr: 3,9 GW

Die Windparkerrichtungen an Land in den ersten sechs Monaten führten derweil zu einem Zubau bei den Erzeugungskapazitäten um 3,9 GW, was im Vergleich zum Mittelwert der vergangenen drei Jahre von 3,7 GW ein eher gutes Ergebnis war. Doch belege dieser Wert bereits, dass Europa nicht in der richtigen Spur sei, um das für 2020 erwartete Niveau des Windparkzubaus noch zu erreichen, so schlussfolgert Wind Europe. Die Errichtung von Windparks im Meer führte in den ersten sechs Monaten des Jahres derweil zu einem Zubau um 1,2 GW. Das war um 0,7 GW weniger als im ersten Halbjahr 2019, was Wind Europe auf die im Offshore-Installationsgeschäft gewohnten Schwankungen der jährlichen Zubauvolumen zurückführt.

Deutschland vor UK, Frankreich, Spanien - und einem Überraschungsland

Einmal mehr war Deutschland das Land mit dem stärksten Windkraftausbau. Daran ändern offenbar auch das von politischer Seite her stark eingebremste Installationsgeschäft und die verschleppte Neugestaltung wichtiger gesetzlicher Rahmenbedingungen nichts. Mit einem von Wind Europe auf rund 590 Megawatt (MW) taxierten Ausbau an Land führt Deutschland das Länderranking in der Wind-Europe-Halbjahresbilanz mit sogar deutlichem Vorsprung an. Dabei bedeutete dieser Wert nur eine leichte Verbesserung im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 und zum schlechtesten deutschen Onshore-Ausbau seit zwei Jahrzehnten. Hinter Deutschland folgen mit jeweils um rund ein Fünftel geringerem Onshore-Ausbau Frankreich bei 494 MW, Spanien bei 464 MW und – ein Novum – das in europäischen Windkraftstatistiken erstmals relevante Russland bei 450 MW. Mit Schweden, Polen und Griechenland reihen sich dann sowohl das seit Jahren im Ranking-Mittelfeld stabilisierte skandinavische Land, als auch zwei nach mehreren (Fast-)Nullrunden ins Mittelfeld zurückkehrende Länder ein. So installierte die Windbranche in Schweden bis Juni 389 MW, in Polen 339 MW und in Griechenland 287 MW. Der sonst starke Zubaumarkt Türkei schwächelte mit 232 MW. Noch deutlichere Schwächen zeigen weitere ehemals stabile Boomländer wie die beiden Letztplatzierten im Zubauranking, Italien – mit nur 38 MW – und Portugal – mit gerade noch 8 MW. Und schon mehr als die Hälfte der Länder der Europäischen Union (EU) war nicht einmal mehr im Ranking vertreten. In 14 der 27 EU-Mitgliedsstaaten gab es in Halbjahr eins keinen Zubau.

1,2 Gigawatt Offshore-Zubau

Führend beim Offshore-Ausbau bleibt Großbritannien, vor dessen Küsten 483 MW neu entstanden sind. Weil aber auch in Deutschland noch einmal 213 MW neue Offshore-Windkraft hinzu kam und das Vereinigte Königreich andererseits an Land nur mickrige 24 MW zu verzeichnen hat, führt unser Land das Ranking insgesamt mit einem Plus von deutlich mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Zweitplatzierten – mit 800 MW vor den britischen 507 MW. Vor den Küsten von Belgien und den Niederlanden kamen 235 und 224 MW neu hinzu und damit ähnlich viel wie hierzulande. Ein Testwindpark vor Portugal mit zwei schwimmenden 8,5-MW-Windturbinen vervollständigt die Offshore-Statistik.

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