Repowering Teglingen 2024: 9 Vestasturbinen V172 ersetzen 14 Enercon-Altanlagen E66. Fundamentabriss durch MFB Bauunternehmen und zeitgleiche Grundierung der Bauwege für die Installation der Neuanlagen teils aus Bruchmaterial der Fundamente.
Special: Rückbau- und Recyclingunternehmen sowie Projektentwickler ordnen die Wertschöpfungskette für die Windparkerneuerung neu.
Tilman Weber
Jeden Tag, sagt Moritz Müller, erwarteten nun Rückbau-, Recycling- und Repoweringakteure, dass das deutsche Normierungsinstitut DIN die technischen Geschäftsbedingungen für Windparkerneuerungen veröffentlicht. Kurz vor der Hamburger Branchenmesse Wind Energy weiß der Vorsitzende des Netzwerks RDR Wind: Nur noch die englische Übersetzung der erwarteten Din-Norm 4866 muss fertig werden. Dann werden die transparenten Standards den Dienst der Windparkmodernisierer noch sicherer, schneller, günstiger, plan- und vorhersagbarer machen.
Der Industrieverband für Repowering, Demontage, Rückbau (RDR Wind) ist seit der Gründung 2018 die treibende Kraft der Normung. Bis 2020 setzte er mit gutem brancheninternem Rückenwind den vorläufigen Standard DinSpec 4866 durch. Ab 2022 unterstützte er die Entwicklung der vollumfänglichen Din-Norm, Austausch mit Politik, technischen Instituten und dem DIN und bewirkte, dass sie nicht in einer normalen Abbruch-Din untergeht.
33 Prozent Repoweringquote an der neu zugebauten deutschen Erzeugungskapazität der Windparks an Land, im Halbjahr eins, 2026. Weil es ein Rekord-Windkraft-Zubaujahr wird, dürfte so viel neue Anlagennennleistung wie nie im Tausch gegen rückgebaute Altanlagen dazukommen.
Die Norm ist fällig. Im vierten Jahr in Folge schließen Windparkentwickler hierzulande rund jede dritte Leistungseinheit zugebauter Erzeugungskapazität durch ein Repoweringprojekt ans Stromnetz an. 2025 waren das gut 1,5 Gigawatt (GW) durch Anlagenaustausch zugebaute Erzeugungskapazität. Die Norm belege Anwohnenden, Umweltschützern und misstrauischen Genehmigungsbehörden, dass bei jedem neuen Windpark einst ein Rückbau „in geordneten Bahnen“ erfolgen werde, sagt Vereins-Sprecher Müller im Interview (siehe Seite rechts). Tatsächlich beschreibt die Norm, wie Windparkrückbau gut wird. Und wie wichtig diese Beschreibung ist, erfuhr Müller auch in der politischen Arbeit: Im Infrastrukturausschuss des sächsischen Landtags erklärte er 2025 als Sachverständiger mit Verweis auf die kommende Din 4866, dass die Fachunternehmen jede Windkraftanlage nach dem Betriebsende rückstandslos entfernten. Der Ausschuss hatte einen Antrag der Anti-Windkraft-Partei AfD auf eine verbindliche neue Euro-Rückbau-Rücklage für Windparks abgelehnt. Sie wäre, wohl wie beabsichtigt, eine Finanzierungsbürde geworden. Die Din-Norm beschreibt aber, dass Rückbau und Materialverwertung längst Branchenusus sind.
Als Nächstes wollen die RDR-Wind-Akteure ein Gütesiegel schaffen. Es soll gute Repoweringunternehmen kennzeichnen. Sie nehmen Verantwortung für Nachbarschaft, Gemeinkosten und – dank Konzepten zur Nachnutzung der Komponenten als Ersatzteile und zum Recyceln – die Umwelt wahr. Es ist ein Signal in einem zunehmend internationalen Geschäft. Hiesige Repowerer könnten damit punkten – zu Zeiten, in denen Nachbarländer wie Italien ebenfalls Altturbinenbestände abräumen, um auf schon für Windkraft genutzten Flächen schneller Gigawatt-Inbetriebnahmen zuzulassen als in touristischer Bilderbuchkulisse. Zudem könnte das Siegel Betreibenden auf Repowering-Flächen mit kleinteiligem Anlagenstreubesitz schnell die vertrauenswürdigsten Dienstleister aufzeigen.
118 Megawattstarker Repoweringpark Elster – VSB bereitet nun die Errichtung der zwei nachgenehmigten Anlagen Nummer 17 und Nummer 18 vor. Bis Sommer 2025 hatte das Unternehmen 16 neue Hochleistungsturbinen mit 6,6 MW im Tausch gegen rückgebaute 600-Kilowatt-Altturbinen errichtet.
Das Windkraft- und Photovoltaik-Unternehmen VSB belegt mit zwei Leuchtturmprojekten, wie viel Wert es guten Signalen beim Windparkmodernisieren zumisst. Den sachsen-anhaltinischen 105-MW-Windpark Elster erweitern die Dresdner aktuell um zwei Windturbinen, nachdem dieser im Sommer vorigen Jahres mit 16 Anlagen in Betrieb gegangen war.Nach einer 2018 beendeten Windpotenzialmessung, Abschlüssen von mehr als 200 Verträgen zum Rückbau von 50 der 57 Altanlagenging es schnell: 2022 zeigte VSB in den betroffenen Orten Zahna und Jessen die Pläne, bis Ende 2022 waren die Bestandsanlagen abgebaut, von Februar bis Mai 2023 folgten die Genehmigung, der Zuschlag in der Ausschreibung gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und der Baustart. Rückenwind aus der Anwohnerschaft hat VSB wohl auch durch Aufträge an örtliche Unternehmen für Bauarbeiten und durch ein festverzinsliches Bürgersparen entfacht.
Jetzt folgt das „erste deutsche Hybridprojekt“ bei VSB. Ebenfalls in Sachsen-Anhalt bei Bitterfeld nutzt das seit 2025 zum französischen Konzern Total Energies gehörende Grünstromunternehmen ein Windkraftfeld, auf dem es fünf Altanlagen entfernte. Hier entstehen drei 7,2-MW-Turbinen. Sie werden den Strom zusammen mit einem zeitgleich entstehenden 19,99-MW-Photovoltaikfeld von VSB an ein unternehmenseigenes Umspannwerk liefern. An der Solarfreifläche erhielten die Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen einen Anteil. Der Trafo werde den Netzanschluss ausgewogen auslasten, weil Wind und Sonne oft abwechselnd Strom liefern. Das schaffe „Flexibilität für das Stromsystem“, lobt Alexandre Duret-Proux, Chef der Konzerneinheit Integrated Power Germany (siehe Interview, Seite rechts).
Die Möglichkeiten zur Beteiligung von Bürgern und Kommunen am Repowern nahmen mit gesetzlichen Reformen vor allem seit der Novelle des EEG 2023 zu. Die Umsetzung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie Red II der Europäischen Union beschränkte schon 2021 die Prüfungen der Genehmigungsbehörden auf nur die Mehrbelastungen für Umwelt und Menschen im Vergleich zum abgebauten Altwindpark. Inzwischen lassen gesetzliche Öffnungen für Windstromdirektbelieferung von Industrien oder flexible Netzanschlussvereinbarungen mit Netzbetreibern gerade auch fürs Repowering mehr wirtschaftliche Perspektiven zu.
Geschonter Boden ist heute ein Genehmigungsargument.
Dass es aus Branchensicht hier noch klarerer Regelungen bedarf, hindert die Unternehmen jedoch nicht an einer frühen Orientierung. Der Rückbauspezialist Neowa sieht sich als Ermöglicher und Generalunternehmer, der die neuen Interessen mitbedient (siehe Interview Seite 34). Das 2015 als Betreiberfirma von Abfallwirtschaftsanlagen wie etwa zur Rotorblattverwertung gegründete Unternehmen handelt nun unter dem Dach des Kreislaufwirtschafts-Investment-Hauses Vidia aus München. Zusammen mit dem von Vidia gekauften dänischen Windenergie Installations- und Servicebetrieb Vento, der auch vorerst weiterbetriebenen Altanlagen die Flügel pflegt, und Partnern planen Neowa-Teams den Rückbau von Windparks und vollziehen ihn. „Zu 95 Prozent im Rahmen von Repowering“, sagt Geschäftsführer Mika Lange.
Doch statt selbst die Glasfaserkunststoffschalen der Rotorblätter zu zerspanen, die Späne zu Pellets zu pressen und nach dem Verfeuern die Asche als Stabilisator zur Beimischung in Zement auszuliefern, organisiere Neowa „umweltgerechtes Zerlegen auf der Baustelle und die rechtskonforme Verwertung über zertifizierte Partner“. Zudem betreibt Neowa einen Handel mit Komponenten der Altwindturbinen als Ersatzteile und verkauft Altturbinen für Neueinsätze im Ausland. Neowaerlaube es „Projektierern und Betreibern, belastbare Entscheidungsgrundlagen für Eigentümer, Investoren und Stakeholder zu schaffen“, sagt Lange.
Soll heißen: Wenn Weiterbetrieb und Rückbau als klar berechenbare Glieder der Wertschöpfungskette bekannt sind, lassen sich Demontage und Abbruch für alle als wirtschaftlich kalkulieren.
So wie Industrieunternehmen oder Stadtwerke als Beteiligte der Repowerings hinzukommen, prägen sie mit ihren jeweils eigenen Verpflichtungen zu Umwelt- und Recyclingverhalten die Rückbau-Anforderungen: Transparenz zu CO₂-Wirkungen, Recyclingquoten, Materialströme und Wiederverwendungspotenziale zählt. „Stoffstrommanagement“ bezeichnet Neowa diesen neuen Job.
Wir reparieren auch zwei, drei oder vier Jahre lang bis zum Repowern vorerst weiterbetriebene Altanlagen.
Betonbauer MFB Bauunternehmen aus dem westniedersächsischen Meppen führte 2024 eine eigens entwickelte und inzwischen patentierte Rückbaubühne für ältere Betontürme ein. Das 100-Mitarbeiter-Unternehmen zielt auf Umweltschutzstandards innerhalb der Demontage. Die modular sich um die Betontürme schließende Arbeitsplattform setzt eine Kreissäge an die Turmaußenwand an und lässt sie Karussell fahren. Segment für Segment setzt ein Kran von einem 100-Meter-Turm hierbei ein gutes Dutzend abgesägter Betonzylinder ab. Danach lässt er die Bühne weiter ab. So entfällt das klassische Turmfällen mit Sprengungen, streuenden Splittern und Betonbrocken. Ebenso erspart die Innovation großräumiges Absperren und vom Aufprall des Baukörpers geschädigte Böden. Jetzt nahm MFB die zweite Bühne in Betrieb.
„Geschonter Boden ist nun ein Genehmigungsargument“, sagt Jörn Maathuis, Leiter des wachsenden Windteams bei MFB. Klar ist: Weil es keine Nachbarflächen fürs Turmlegen braucht, sinkt der Aufwand: „Das Abstimmen mit Anwohnern und Grundbesitzern entfällt“, sagt Maathuis (siehe Interview Seite 36). Zudem lebt das Unternehmen die Kreislaufwirtschaft vor, weil es die Wertschöpfungskette schließt. Die Meppener zertrümmern am Ende der Repowering-Nahrungskette das Fundament, ehe sie das Bröselgut an ihrem Anfang einsetzen: für Tragschichten im Wege- und Kranstellflächenbaus des neuen Windparks an gleicher Stelle.
Große Bandbreiten decken auch kleinere Unternehmen ab. Beispiel GGEP in Nienburg. „Wir können alles“, sagt Gründer und Mitgeschäftsführer Georg Kohlmüller (siehe Interview unten). 2011 als Global Green Energy & Projects (GGEP) gegründet, organisiert die Firma nicht nur auch das Recycling, verkauft Altanlagen und Ersatzteile, repariert noch „zwei, drei oder vier Jahre lang“ auf Streubesitz-Repowering-Flächen vereinzelt weiterbetriebene Anlagen. Zusätzlich entwickeln Kohlmüller und Co. für Auftraggeber auch neue Teil- und Vollwindparks – ob bloße Standortsicherung oder durchfinanzierte Projekte.
Bedeutender Bestandteil des Rückbaus bleiben logistische Kunststücke: Abmontieren abgebrannter Maschinenhäuser oder abgebrochener Rotorblätter in den zwar seltenen, aber bei GGEP wiederholt zu Spezialaufträgen führenden Fällen. Oder der Rückbau eines sizilianischen Windparks 2022 und 2023 mit aus GGEP-Sicht wie auf einer Perlenkette aufgereihten 30 Anlagen auf einem Bergkamm ohne ebene Ablegeflächen für Rückbaukomponenten.
Foto: neowa
Rückbau durch Neowa auf beengtem Raum
Foto: MFB Bauunternehmen
Foto: RDRWind
RDR-Wind-Chef Moritz Müller im sächsischen LandtagMFB-Betonturmzerlegung durch Rückbaubühne mit Karussell fahrender KreissägeBeispiel Olpe: ein Kran stellt die abgesägten Segmente eines 97 Meter hohen Betonturms auf einer vorbereiteten Fläche ab und senkt die Arbeitsbühne anschließend in die nächste Etage hinabRückbau der Altanlagen im VSB-Repowering-Projekt Löberitz
Foto: MFB Bauunternehmen
Rückbau im Windpark Teglingen am Turmsockel
Delta-Prüfung
Repoweringerhielt ab 2021 einige Vorzugsregeln im Bau- und im Genehmigungsgesetz BimschG und im Erneuerbarengesetz. Die Behörden dürfen negative Auswirkungen neuer Anlagen nur bezogen auf Mehrauswirkungen auf Umwelt und Menschen näher prüfen, die im Vergleich zur Altturbine eintreten.
GGEP
Telefon: 05021/66343
MFB-Bauunternehmen
Telefon: 05931/400-51
Neowa
Telefon: 04131/2874950
RDR-Wind
Telefon: 0331/2352144
VSB
Telefon: 0351/21183400
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