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Windforce: Selbstbewusste Offshore-Windkraft-Akteure fordern klaren „Startschuss“

Das von ihm geführte Unternehmen werde die Produktion der Stahlsäulen-Unterwasserfundamente „ab 2028/2029, wenn es hier los geht, um den Faktor zwei steigern“ müssen, sagte der Geschäftsführer der Steelwind Nordenham GmbH am Dienstag auf der Windforce-Konferenz, Andreas Liessem. Allerdings verwies der Chef des Monopile-Produzenten auch darauf, dass das Bremerhavener Unternehmen aktuell auch noch einen Großteil seiner Fertigungskapazitäten für die Herstellung von 65 Unterwasserfundamente zweier US-Offshore-Windparks belege. Sollten solche Kapazitäten auch weiter für Auslandsaufträge verbucht sein, nutzten sie dem geplanten Gigawattzubau von Offshore-Windkraft in der deutschen Nord- und Ostsee nichts. Das Dilemma der mit klaren Ausbauzielen unterfütterten Offshore-Windkraft in Deutschland – zum Beispiel die Verdreifachung der installierten Nennleistungen auf 30 Gigawatt (GW) bis 2030 – beschreibt er so: „Wir Offshore-Windenergie-Unternehmen stehen alle in den Startblöcken. Nur der Startschuss kommt nicht“, sagte Liessem beim Windforce-Podiumsgespräch zum Thema „2030-Ziele erreichen: Herausforderungen und Chancen“.

Windforce 2023 in Bremerhaven

Tilman Weber

Windforce 2023 in Bremerhaven

300 nationale und internationale Expertinnen und Experten der deutschen Offshore-Wirtschaft trafen und treffen sich seit Montag und bis zum frühen Mittwochnachmittag bei der traditionellen Konferenz. Das wohl am prominentesten mit Vertretern hierzulande führender Offshore-Windkraft-Unternehmen besetzte Panel der Tagung führte die aktuelle Einigkeit der Branche darin vor, dass sie in den Ausbau ihrer Kapazitäten investieren will und sich vom Rückenwind insbesondere durch gute Reformen aus dem windkraftfreundlichen Bundeswirtschaftsministerium mitsamt stark erhöhten neuen Ausbauzielen bestärkt sieht. Allerdings vermissen die meisten auf dem Podium auch eine klare Wirtschaftspolitik, die schnell große Auftragspipelines entstehen lässt. Dies sehen sie als Anforderung dafür, dass sich die Lieferketten in Deutschland oder zumindest Europa ausreichend aufbauen und somit regionale Wertschöpfung sichern.

Es fehlten „passende Finanzierungsinstrumente für den Aufbau der erforderlichen Produktionskapazitäten in der Offshore-Windindustrie und im Schiffbau“ sowie angesichts eines bisher nicht geregelten Marktes für den mittels überschüssigem Wind- oder Sonnenstrom erzeugten emissionsfreien Wasserstoff eigene „Geschäftsmodelle für die grüne Wasserstoffwirtschaft“, beginnt die veranstaltende Wirtschaftsvereinigung WAB ihre Aufzählung der von der Branche gewünschten industriepolitischer Maßnahmen. Zudem erfolgen müssten Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensiven für das fehlende Fachpersonal, Anreize in den Ausschreibungen für weniger Treibhausgasemissionen im Ausbau und Betrieb von Windparks, Zusagen für neue Hafeninfrastruktur und dessen logistische Anbindungen ans Hinterland, ausreichend Strom- und Wasserstoffnetze sowie eine politisch gemanagte Rohstoffsicherung.

Der Chefmanager fürs operative Geschäft beim Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Tim Meyerjürgens, verwies darauf, dass sein Unternehmen zuletzt für Transport und Installation von 14 Offshore-Umspannplattformen jeweils langfristige Rahmenverträge abgeschlossen habe und dafür Lieferketten zusammenschmiede. Allerdings sei ein Problem die Vorfinanzierbarkeit der Projekte, „um drei bis vier Umspannplattform zeitversetzt parallel durch die Werften laufen zu lassen“. Dies sei aber eigentlich notwendig um einen Skaleneffekt zu erzielen, der durch industriell getaktete immer gleiche Herstellung zu Preisreduzierungen führen würde. Meyerjürgens betonte zudem, dass Tennet mit dem Stromnetzausbau auf See auch eine Wasserstoffnetzentwicklung mitkonzipieren wolle. Allerdings fehlen dafür bislang die Gesetze, konkrete Pläne und Ausschreibungen des Bundes.

Auch der dänische Energiekonzern Ørsted will einen solchen systemintegrativen Ansatz durch die Politik abgesichert sehen. Bei Ausschreibungen von Offshore-Windenergie-, aber auch beim Ausbau der Hafeninfrastruktur müsse Deutschland den „Wasserstoff auch mitdenken“, mahnte Iris Franco Fratini, Prokuristin und Leiterin der Unternehmensangelegenheiten in Deutschland für die Dänen. Sie äußerte Bedauern darüber, dass die Bundesregierung auf Druck der Europäischen Union (EU) die gerade begonnene Einführung qualitativer Kriterien der Ausschreibungen neuer Offshore-Windparks wie einen geringeren Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid (CO2) wieder kassieren könnte. Die Überlegungen im Bundeswirtschaftsministerium zielen hierbei auf Wunsch der EU auf ein wieder rein preisorientiertes sogenanntes Differenzvertragssystem – gemäß international üblichem Kürzel: CFD. Die Unternehmen bräuchten Anreize wie ein Ausschreibungs-Qualitätskriterium CO2 anstelle von Verboten und Vorschriften – etwa bei den Emissionen, sagte Franco Fratini.

Beim Windturbinenbauer Siemens Gamesa forderte der Vizepräsident des Offshore-Verkaufs, Jan Vollrath, dem qualitativen Ausschreibungssystem „bitte … noch eine zweite Chance zu geben“ – weil dieses eine europäische Wertschöpfung im Wettbewerb mit Industriestandorten in den USA oder in Asien absichern könne. Das CFD lasse hingegen einen enormen Preiskampf wieder aufleben. Mit Blick auf eine von vielen geforderte Industriepolitik für Offshore-Windenergie sagte Vollrath: Produzierende Unternehmen wie auch Siemens Gamesa benötigten anstelle staatlicher nachträglicher Förderungen eine aktive und frühzeitige Unterstützung bei der „Produktionskapazitätenerweiterung“, zu der nicht zuletzt auch die Bereitstellung neuer Firmenflächen gehört. Anders als in Deutschland sei das in den USA sehr schnell möglich.

Für den Schiffsbau in Deutschland ist derweil die staatlich unterstützte Vorfinanzierung entscheidend, so deutete es der Hauptgeschäftsführer des Schiffe-Verbandes VSM an, Reinhard Lüken. So könne die Branche zwar die Bereitstellung neuer Schiffe für den Bau der nächsten Offshore-Windparks bewerkstelligen, indem die Unternehmen schonmal ein bis zwei Milliarden Euro investierten. Doch die sich unmittelbar anschließende Nutzung der Schiffe für die Wartungsdienste in der ersten sechsjährigen Garantiezeit der Windparks müsse zu diesem Zeitpunkt schon durch entsprechende weitere Schiffskapazitäten abgesichert sein. Hier müsse die Vorfinanzierung dieser bevorstehenden weiteren Aufträge eine gleichmäßige Schiffeproduktion bewirken, vermittelte er.

Der Vorstand beim führenden Turbinenbauer-unabhängigen Windpark-Wartungsdienstleister Deutsche Windtechnik, Matthias Brandt, plädierte für eine deutsche Industriepolitik, die den Aufbau auch einer mittelständischen Offshore-Industrie fördere. Die deutsche Regierung müsse eine „national handlungsfähige Branche“ aufbauen helfen. Außerdem müsse es möglich sein, durch bilaterale Kooperationen mit Nachbarländern innerhalb Europas regional funktionierende Lieferketten auch durch Infrastrukturmaßnahmen zu stärken, erklärte Brandt im Anschluss an das Podium in einem Pressegespräch. Brandt plädierte zudem für eine staatlich unterstützte Ausbildungskampagne.

Die Ampelkoalition des Regierungsbündnisses aus SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen rudert derweil offenbar weiter kräftig in Richtung CFD. Bezogen auf einen möglichen neuerlichen Wechsel des Wettbewerbssystems hin zum vielleicht EU-weiten CFD deutete die Abteilungsleiterin für Offshore-Windenergie im Bundeswirtschaftsministerium, Astrid Wirnhier, eine schon weitreichende Festlegung an: Auf dem Podium kritisierte sie, ein Ausschreibungssystem mit qualitativen statt rein preislichen Kriterien stehe dem neuen Ziel des Bundeswirtschaftsministers eines reduzierten Industriestrompreises entgegen. Es sei zudem wettbewerbsrechtlich angreifbar. In den Niederlanden führten derartige Ausschreibungen eher zu „Besinnungsaufsätzen“ der Windparkprojektanbieter statt zu klaren Geboten. Die Offshore-Windenergieunternehmen in Deutschland erhoffen sich dagegen von qualitativen Kriterien einen Vorteil für großräumig regional tätige mittelständische Produktionsunternehmen in der Zulieferkette, weil regionale Lieferketten weniger CO2-intensiv sind.