Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch

Chancen von Digitalisierung und Skalierung nutzen

Viele Unternehmen klagen derzeit über hohe Finanzierungskosten, Netzengpässe und schwierige politische Rahmenbedingungen. Ist die Branche zum Krisenfall geworden?

Frank May: Die Bedingungen sind anspruchsvoll, keine Frage. Und ja, auch die unsicheren politischen Rahmenbedingungen haben dazu beigetragen – etwa das lange Warten auf die EEG-Novelle oder ein unkalkulierbarer Redispatch-Vorbehalt. Die Branche ist aber kein Krisenfall. Vielmehr sind wir der zentrale Hebel für die Transformation des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Nach der Pionierphase der reinen Quantität müssen nun Qualität und Effizienz in den Fokus rücken: Wie holen wir aus jedem Megawatt Leistung, jedem Quadratmeter Fläche und jedem Netzanschluss den größtmöglichen Nutzen?

Das ist übrigens auch eine Antwort darauf, dass Netzbetreiber ihrem Ausbauauftrag vielerorts nicht gerecht werden. Wir können jedoch nicht warten, bis alle ihrer Verantwortung nachgekommen sind. Wir müssen aus den Netzanschlüssen, die wir heute haben, das Maximum herausholen.

Mehr Qualität. In welche Richtung denken Sie da?

Frank May: Da sind im Wesentlichen zwei Punkte. Erstens müssen wir vorhandene Ressourcen besser nutzen. Ein Netzanschluss muss nicht ungenutzt bleiben, nur weil eine Anlage nicht mit voller Leistung einspeist. Durch intelligentes Einspeisemanagement, eine Verbindung verschiedener Technologien hinter dem Netzanschlusspunkt und Speicher lassen sich Erzeugung und Verbrauch besser abstimmen. So entsteht mehr nutzbarer Strom, ohne dass dafür zwingend ein neuer oder größerer Netzanschluss nötig ist.


Wir betrachten Windparks nicht als Bauprojekt mit Enddatum, sondern als Infrastrukturinvestition über 30 Jahre.

Zweitens müssen wir als Erneuerbare unsere Strukturen und Prozesse kritisch hinterfragen. Die meisten Unternehmen sind bereits sehr professionell aufgestellt, aber wir können noch deutlich mehr in Richtung Industrialisierung denken. Unsere Branche hat die Größe erreicht, um die Chancen von Digitalisierung, Standardisierung und Skalierung stärker zu nutzen.

Wie machen Sie das denn konkret in Ihren Windparks?

Frank May: Wir betrachten Windparks nicht als Bauprojekt mit Enddatum, sondern als Infrastrukturinvestition über rund 30 Jahre. Wir legen Wert auf einen effizienten Betrieb und hohe Verfügbarkeiten der Anlagen. Effizienz entsteht dabei wesentlich durch die Verzahnung von Planung, Bau und Betrieb: Wir analysieren in einem frühen Stadium Ertragspotenziale, simulieren Lastprofile, optimieren das Mikrositing und stimmen Komponenten bestmöglich aufeinander ab.

Diese Anfangsinvestitionen zahlen sich über den Lebenszyklus in höheren Erträgen aus. Diesen Ansatz nennen wir Value Engineering: die beste Lösung über den gesamten Lebenszyklus, statt punktuellem Sparen. Dazu gehört, Flexibilität mitzudenken, beispielsweise Batteriespeicher. Bei bestehenden Windparks prüfen wir Nachrüstungen, bei neuen Standorten planen wir diese Optionen von vornherein mit ein.

Wie sieht die Industrialisierung der Branche aus, von der Sie sprechen?

Frank May: Industrialisierung bedeutet nicht, dass jedes Projekt gleich aussieht, sondern dass wir wiederholbare Prozesse und Standards in Entwicklung, Bau und Betrieb anstreben.

Allein die Potenziale der Digitalisierung sind enorm: zentrale Überwachung großer Anlagenflotten, datenbasierte Betriebsoptimierung, vorausschauende Wartung. Störungen werden früher erkannt, Anlagen gezielter instand gehalten. Das erhöht die Versorgungssicherheit und senkt Kosten. Auf der WindEnergy machen wir das übrigens einmal anschaulich: Unsere Leitwarte läuft dort live und betreut in Echtzeit rund 250 Windparks und über 40 Umspannwerke.

Diese Industrialisierung muss Hand in Hand gehen mit der Standardisierung von Genehmigungsprozessen. Deutschland kann sich keinen föderalen Flickenteppich bei Beteiligungsgesetzen, Naturschutz und Genehmigungen leisten. Statt 16 Sonderwegen brauchen wir bundesweit einheitliche und nachvollziehbare Prozesse. Aber das ist Aufgabe der Politik.

Mal ehrlich, glauben Sie an ein Energiesystem, das weitgehend auf Erneuerbaren fußen kann?

Frank May: Ich glaube, das ist perspektivisch absolut realistisch. Technologisch ist alles da, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Wir erbringen seit letztem Jahr Systemdienstleistungen wie Blindleistung und Regelenergie, die bisher nur konventionelle Kraftwerke erbringen konnten. An der Schwarzstartfähigkeit arbeiten wir.

Technologisch ist alles da, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Frank May, Geschäftsführer von Alterric

Foto: Timo Lutz Werbefotografie für Alterric

Es geht längst nicht mehr darum, ob Erneuerbare das System tragen können – sondern wie wir dieses dezentrale Zusammenspiel organisieren. Verantwortung für Marktintegration, Bilanzkreise und Systemstabilität ist die nächste Entwicklungsstufe unserer Branche. Umso bedauerlicher ist es, dass der Entwurf der EEG-Novelle PPA-Modelle und sonstige Direktvermarktung unattraktiv macht und die Erneuerbaren damit vom Markt entfernt, statt vorhandene marktliche Alternativen zu nutzen.

Welche Rolle spielen dabei regionale Entwickler, Stadtwerke und große Unternehmen wie Alterric?

Frank May: Die Energiewende gelingt nur als Netzwerk: Jährliche Ausbauziele von über zehn Gigawatt stemmen weder Konzerne noch regionale Akteure allein. Auch Alterric ist tief in den Regionen verwurzelt, denn ohne lokales Vertrauen geht es nicht. Als großes Unternehmen treiben wir jedoch die nötige Professionalisierung voran: mit digitaler Infrastruktur, Bilanzstärke, standardisierten Prozessen und Risikomanagement.

Als Impulsgeber nutzen wir unsere Skaleneffekte, um Standards zu setzen, von denen auch Partner und Stadtwerke profitieren. So verbinden wir regionale Nähe mit großer operativer Schlagkraft.

Und die Politik?

Frank May: Die Kritik an der Reform des EEG und des Netzpakets zeigt, was wir als Branche benötigen und fordern. Neben diesen inhaltlichen Punkten wünsche ich mir seitens der Politik mehr Realitätssinn. Lasst uns gern und unbedingt über den richtigen Weg streiten. Aber bitte nicht so, als wären wir noch in den 1990er Jahren und Erneuerbare ein Luxus, den wir uns nur in wirtschaftlich guten Zeiten leisten wollen. Diese Haltung ist fatal. Industrienationen weltweit stellen auf günstigen, nachhaltigen Strom um, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und wir diskutieren in Deutschland Energiewende und Wohlstand immer noch als Gegensätze. Dabei zeigen Umfragen, dass ein Großteil der Bevölkerung längst bereit ist, mehr in die Energiewende zu investieren. Ich kann nur an die Politik appellieren, ihnen zuzuhören.

Jetzt weiterlesen und profitieren.

+ ERE E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
+ Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
+ Fokus ERE: Sonderhefte (PDF)
+ Webinare und Veranstaltungen mit Rabatten
uvm.

Premium Mitgliedschaft

2 Monate kostenlos testen

Tags