Omexom Offshore aus Oldenburg im Kampf gegen politische Schlingerkurse – und für mehr Verlässlichkeit in der Energiewende
Nicole Weinhold
Wer das Büro von Irina Lucke in Oldenburg betritt, wird zuerst von zwei Hunden begrüßt – das freundliche Empfangskomitee der Geschäftsführerin von Omexom Offshore. An der Wand hängt ein großformatiges Bild, auf dem man auf den ersten Blick nur Meer erkennt. Wer genauer hinsieht, entdeckt in der Mitte eine winzige Struktur: die Forschungsplattform Fino. Ein Motiv für Insider. Und das Bild kann noch mehr: Es ist mit Schallschutz versehen – ein subtiler Verweis auf jenes Thema, das die Branche bei den Rammarbeiten für Offshore-Fundamente regelmäßig beschäftigt.
Es ist ein passender Auftakt für ein Gespräch mit einer Frau, die seit zwei Jahrzehnten in der Offshore-Windbranche arbeitet. Gerade erst hat Lucke ihr 20-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. „Ein ganz cooler Anlass, auch mal ein bisschen Revue passieren zu lassen“, sagt sie. Und ihr Fazit nach 20 Jahren? „Es ist ein ständiges Auf und Ab. Die Menge an Blutdruckschwankungen, die ich in den letzten 20 Jahren erlebt habe, ist echt brutal.“
Energieversorgung heute ist auch Sicherheitspolitik. Das ist nicht mehr voneinander zu trennen.
Was Omexom Offshore eigentlich macht
Omexom Offshore mit Sitz in Oldenburg ist ein reiner Dienstleister mit klarem Schwerpunkt auf der Offshore-Windenergie. Das Unternehmen ist in Deutschland, den Niederlanden, Belgien und seit Ende des vergangenen Jahres auch in Polen aktiv. Rund sechs Gigawatt installierter Leistung betreut Omexom inzwischen im technischen Management – darunter Umspannwerke, die das Team rund um die Uhr aus der Leitwarte in Oldenburg überwacht. Die zwei Kerngeschäftsfelder: Projektentwicklung und Instandhaltung. „Unsere Expertise ist im Wesentlichen die E-Technik, aber auch angrenzende Bereiche“, erklärt Lucke.
Mehr als 220 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen heute, davon rund 90 Techniker auf Borkum und in Emden. In Oldenburg selbst sitzen rund 90 Beschäftigte. Vor sechs Jahren wurde das Unternehmen Teil der Marke Omexom – einer Tochter des französischen Vinci-Konzerns. „Vinci denkt die Unternehmenswelt ein bisschen anders als andere große Häuser“, sagt Lucke. „Wir sind im Wesentlichen dezentrale Einheiten. Wir hier in Oldenburg dürfen sehr frei unternehmerisch agieren.“ Eine lange Leine mit starker Rückendeckung – die Kombination, die in Oldenburg Innovationen hervorbringt: Aktuell beantragt Omexom ein EU-Patent für eine Messtechnik, die Teilentladungen permanent erfassen kann. Außerdem hat das Team einen kleinen Roboter mit Sensorik-Rucksack entwickelt, der bei der Wiederkehrenden Prüfung bis in die Spitze von Rotorblättern fahren kann.
Was die Branche von der Politik braucht
Doch so produktiv die Arbeit am Standort läuft, so frustriert klingt Lucke, wenn das Gespräch auf die Politik kommt. Ihre zentrale Forderung ist zugleich ein altes Lied der Branche: „Wir brauchen Verlässlichkeit – um planen zu können, um Entscheidungen zu treffen.“ Was sie stattdessen erlebt, beschreibt sie deutlich: „Ganz viel Aktionismus, dann Opportunismus und Pflasterkleben. Das ist eine wahnsinnig gefährliche Kombination für eine Energiewirtschaft, die lange Vorlaufzeiten hat – länger als eine Legislaturperiode.“
Was fehle, sei ein Gesamtkonzept, das von einem klaren Ziel her rückwärts gedacht wird – über Erzeugung, Netze und Verkauf hinweg. Stattdessen prasselt auf Projektentwickler ein Füllhorn neuer Risiken ein: Negativgebote in den Auktionen, veränderte Rettungskonzepte, neue Sicherheitsanforderungen, Diskussionen um PPAs versus CFDs, CO₂-Zertifikate. „Am Ende wirken so viele Variablen drauf, dass viele sagen: Das ist kein Business Case mehr für uns. Und damit können wir uns unsere Ausbauzahlen dahin stecken, wo die Sonne nicht aufgeht.“ Heute, betont Lucke, gehe es bei einem Offshore-Windpark nicht mehr um 200 Millionen Euro wie zu Zeiten des ersten deutschen Offshore-Parks Alpha Ventus, sondern um Investitionen jenseits von zwei Milliarden.
Wir hier in Oldenburg dürfen sehr frei unternehmerisch agieren.
Hinzu kommt für Lucke ein neuer, eng verzahnter Aspekt: Sicherheitspolitik. „Energieversorgung heute ist auch Sicherheitspolitik. Das ist nicht mehr voneinander zu trennen.“ Mit dem Kritis-Dachgesetz, Nis-2 und der CER-Richtlinie (Critical Entities Resilience) kommen erhebliche Anforderungen auf Betreiber zu – physisch und digital. Auch große Umspannwerke und Konverterplattformen mit zwei Gigawatt Leistung müssten besser geschützt werden – „wenn Sie die von jetzt auf gleich vom Netz nehmen, könnte es sein, dass wir einen Blackout haben.“
Was Lucke besonders alarmiert, ist die jüngste Debatte um eine Aufweichung der Klimaziele. „Es ist wirklich bahnbrechend viel Unsinn, was da erzählt wird.“ Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche habe Ende Januar bei der North Sea Conference in Hamburg „eine sehr gute Rede gehalten – irgendjemand hat für sie eine hervorragende Rede geschrieben“. Tags darauf, auf dem Kongress einer eher konservativen Zeitung, sei der Ton schon ein anderer gewesen. Lucke kommentiert das mit einem Sprichwort: „Wes Brot ich esse, des Lied ich singe.“
Wie steht die Offshore-Wirtschaft da?
Die Lage der Offshore-Branche ist angespannt. Die schwachen Ausschreibungsrunden der vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen, die Lieferketten sind ausgedünnt. „Wir hatten zwischen 2016 und 2020 viele enge Kooperationspartner, die uns geholfen haben zu wachsen. Die sind vom Markt verschwunden. Oder sie haben gesagt: Wir machen kein Offshore. Und die haben auch keinen Bock, zurückzukommen.“ Wenn die Politik die Branche jetzt erneut abwürge, werde sich das Muster wiederholen, warnt Lucke. Mit Schleswig-Holsteins und Niedersachsens Umwelt- und Energieministern Tobias Goldschmidt und Christian Meyer habe sie kürzlich in Berlin gesprochen – beide hätten ihre Sorge geteilt: „Sie haben auch Angst um ihre Region.“ Immerhin hängen rund 25.000 bis 30.000 Arbeitsplätze in Deutschland an Offshore.
Parallel drängen chinesische Anbieter mit Fundamenten und Türmen auf den Markt – günstiger, weil sie nicht den europäischen Auflagen unterliegen. Lucke macht den Projektentwicklern keinen Vorwurf: „Das ist der Druck, den die Projektentwickler haben, um irgendwie ein wirtschaftliches Projekt auf die Beine zu stellen.“ Und die Qualität stimme inzwischen: „Die Chinesen machen hervorragende Produkte. Die kommen jetzt nicht mit etwas, was nach fünf Jahren abknickt und umfällt.“ Volkswirtschaftlich aber wäre es klüger, die Wertschöpfung in Europa zu halten. Lucke vergleicht es mit einer Grundsatzentscheidung: „Mieten oder kaufen? Will ich eine Wohnung mieten, wo ich immer weiß, ich kann wegen Eigenbedarf gekündigt werden? Oder kaufe ich das Haus und schaffe Mehrwert für die nachfolgende Generation?“
Bei Omexom in Oldenburg geht die Arbeit derweil weiter. Polen, Niederlande, Speicher, perspektivisch grüner Wasserstoff – das Portfolio wächst. „Wir sehen zu, dass wir unsere Leute so gut qualifizieren und motivieren, dass wir sie lange halten können. Und das gelingt uns ganz gut.“ Im Souterrain entsteht bis Jahresende eine erweiterte Werkstatt mit Schulungsbereich. Und während Lucke das erzählt, liegen die beiden Hunde in ihren Lieblings-Büroecken. Ein Foto? Klar. Aber bitte mit mindestens einem Hund.
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