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Agri-PV in Riepholm: Klingbeil sieht ein Vorbild für die Energiewende

Zwischen den Reihen ist Platz für den Mähdrescher. Darüber sollen bewegliche Solarmodule Strom erzeugen. Auf dem Acker des Bioland-Hofs Wilkens in Riepholm bei Visselhövede nimmt eine Agri-Photovoltaikanlage Gestalt an, die Landwirtschaft und Energieerzeugung auf derselben Fläche verbindet. Zum Richtfest am 2. Oktober 2026 kam auch Lars Klingbeil. Der Bundesfinanzminister und SPD-Vorsitzende nutzte den Besuch für eine klare energiepolitische Botschaft: Deutschland dürfe beim Ausbau erneuerbarer Energien nicht nachlassen.

Biobauer Olaf Wilkens (v.l.), sein Sohn Lukian, Anastasia Segovia von Max Solar, Till Skudelny von Doppelernte und Lars Klingbeil. 

Nicole Weinhold

Biobauer Olaf Wilkens (v.l.), sein Sohn Lukian, Anastasia Segovia von Max Solar, Till Skudelny von Doppelernte und Lars Klingbeil. 

„Wir brauchen einen konsequenten Ausbau der erneuerbaren Energien“, sagte Klingbeil in seiner Rede. Wer angesichts der Abhängigkeit von fossilen Energieimporten für ein Abbremsen plädiere, „der schadet Deutschland“. In der Bundesregierung setze er sich für diesen Kurs ein, erklärte er – und ließ zugleich erkennen, dass er dafür auch innerhalb der Koalition Überzeugungsarbeit leisten müsse. Seine Unterstützung für die Energiewende formulierte er ausdrücklich als politische Position, nicht als Behauptung, alle Fragen der Umsetzung seien bereits geklärt.

Strom ernten, ohne den Acker aufzugeben

Olaf Wilkens bewirtschaftet die Fläche nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten. Photovoltaik ist auf seinem Hof ebenfalls nicht neu: Zunächst habe die Familie ihre Dächer mit Modulen ausgestattet und möglichst viel des dort erzeugten Stroms selbst genutzt. Als die Dachflächen belegt waren, entstand die Idee, auch auf dem Acker gegenüber dem Hof Sonnenenergie zu ernten. Entscheidend war für Wilkens, dass die landwirtschaftliche Nutzung weitergeht und „wir weiterhin hier Mähdreschen und Ackern können“, freute er sich beim Richtfest.

Interview mit Doppelernte-Gründer Till Skudelny.

Für die Anlage sind nach Angaben der Familie acht Megawatt Spitzenleistung vorgesehen. Sie erwartet jährlich rund 9,5 Gigawattstunden Strom. Die Module sollen dem Sonnenstand folgen; zwischen ihnen wird weiterhin ökologischer Ackerbau betrieben. Projektentwickler Doppelernte nennt zwölf Meter nutzbare Bewirtschaftungsbreite und 13,80 Meter Abstand von Pfosten zu Pfosten. Das Unternehmen hat die Familie bei der Planung unterstützt, während Maxsolar den Bau übernimmt. Die Stromerzeugung soll laut den beim Richtfest genannten Planungen am 1. Dezember beginnen.

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Wilkens’ Sohn Lukian beschrieb das Vorhaben als Fortsetzung eines gemeinsamen Interesses an Physik und Energietechnik. Er studierte Umweltingenieurwesen und spezialisierte sich später auf nachhaltige Energietechnik. Bei der Suche nach einem geeigneten Agri-PV-System trafen Vater und Sohn auf Doppelernte. Aus ersten Gesprächen wurde eine mehrjährige Zusammenarbeit – und aus der Idee ein Bauprojekt, das nun sichtbar auf dem Feld steht.

Klingbeil: Landwirtschaft und Klimaschutz gehören zusammen

Für Klingbeil liegt die Stärke der Anlage gerade darin, einen vermeintlichen Gegensatz aufzulösen. Häufig werde gefragt, ob eine Fläche für Energie oder für Landwirtschaft gebraucht werde. In Riepholm, sagte er, „geht beides zusammen“. Das Projekt zeige, dass neue Energieinfrastruktur nicht zwangsläufig das Ende der Bewirtschaftung bedeuten müsse.

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Der Minister verband seinen Besuch mit einem Plädoyer für Klimaschutz und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Er verwies auf die Folgen fossiler Energieabhängigkeiten und auf Investitionen in Netze, Elektromobilität und Klimaanpassung. Auch die Entwicklung neuer Technologien sah er als Chance für Deutschland: Gelänge es, hier Lösungen voranzubringen, könnten andere Länder sie übernehmen. In einer Rede zum Bundeshaushalt hatte Klingbeil wenige Wochen zuvor  hervorgehoben, dass der Klima- und Transformationsfonds mit mehr als 100 Milliarden Euro ausgestattet worden sei.

Seine Unterstützung galt in Riepholm ausdrücklich auch der Familie Wilkens. Das eigene Vermögen in eine Anlage dieser Größenordnung zu investieren, sei ein unternehmerisches Risiko. Er bewundere den Mut, sagte Klingbeil. Statt den bisherigen Zustand bewahren zu wollen, entwickle die Familie ihren Hof weiter. Für den SPD-Politiker ist das ein Beispiel dafür, wie die Energiewende im ländlichen Raum von den Menschen vor Ort getragen werden kann.

Kapital aus der Region, Hürden im Verfahren

Tatsächlich wollten Olaf und Lukian Wilkens das Projekt nicht allein und auch nicht durch einen externen Investor betreiben lassen. Nach ihren Angaben sind inzwischen rund 90 Menschen aus Visselhövede über eine Bürgerenergiegenossenschaft finanziell beteiligt. Eigenmittel der Familie und die Finanzierung durch eine regionale Bank kamen hinzu. Für Klingbeil war diese Beteiligung ein weiterer Grund, nach Riepholm zu kommen: Sie mache sichtbar, dass der ländliche Raum die Energiewende nicht nur umsetze, sondern auch selbst von ihr profitieren könne.

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Wie mühsam der Weg bis zum Richtfest war, sprach Olaf Wilkens ebenfalls an. Die Genehmigungsplanung habe einen großen Teil der Projektentwicklung beansprucht. Mehrfach hätten sich gesetzliche Rahmenbedingungen geändert; Planerin Kerstin Oesterling habe über Jahre mit Landkreis und Stadt nach einem gangbaren Weg gesucht. Das Baurecht habe nach Wilkens’ Angaben erst im Mai vorgelegen. Die ersten Überlegungen zur Anlage reichen dagegen etwa fünf Jahre zurück.

Lukian Wilkens lenkte den Blick auf eine weitere Voraussetzung: verlässliche Erlöse. Große Solaranlagen vermarkteten ihren Strom zwar überwiegend am Markt. Die Absicherung durch die staatliche Marktprämie sei aber für die Finanzierung entscheidend gewesen, sagte er. Zugleich kritisierte er energiepolitische Entscheidungen, die aus seiner Sicht neue Gaskraftwerke stärker gewichten als Batteriespeicher. Für die eigene Anlage plant die Familie im kommenden Jahr einen Speicher, sofern die nötige Zusage des Netzbetreibers vorliegt. Er soll mittags erzeugten Strom in spätere Stunden verschieben.

Noch ist die Anlage nicht fertig. Eine rund 2,7 Kilometer lange Leitung soll sie mit dem öffentlichen Netz verbinden; die Arbeiten daran laufen nach Angaben der Betreiber bereits. Auf dem Feld stehen die ersten Module. Für Olaf Wilkens zählt dabei nicht nur, wann erstmals Strom fließt. Wichtig ist ihm ebenso, dass zwischen den Reihen weiterhin geerntet wird – und dass ein Vorhaben, an dem viele Menschen aus der Region mitgearbeitet haben, tatsächlich in ihrer Hand bleibt.