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Elektromobilität

Tesla zieht nach Brandenburg – ein Kommentar

Der Elektroautobauer Tesla hat bekannt gegeben, dass er eine Gigafabrik vor den Toren Berlins bauen will. Das wird Auswirkungen auch auf die deutsche Autobranche haben und ist ein Lehrstück der Industriepolitik.

Tesla will eine Gigafabrik für Elektroautos und Batteriezellen in einem kleinen Dorf vor den Toren Berlins bauen. Die Amerikaner wollen ihr Werk in Grünheide auf einem Gelände bauen, das einst BMW für ein neues Werk im Visier hatte. Dort will Elon Musk den neuen Tesla-SUV bauen lassen und mit vor Ort hergestellten Batterien bestücken, so der Plan.

Insgesamt 8.000 bis 10.000 Arbeitsplätze werden hier entstehen. Damit wäre rein rechnerisch der Strukturwandel in der Lausitz gestemmt. Niemand müsste mehr Braunkohle aus der Lausitzer Erde buddeln und in dreckigen Kraftwerken verbrennen, nur um Arbeitsplätze zu erhalten. Sicherlich ist das eine rein bilanzielle Betrachtung, denn in der Realität wird kaum ein Lausitzer jeden Tag bis nach Grünheide zur Arbeit fahren wollen. Dennoch kann man daran ermessen, dass so ein Strukturwandel gar nicht so kompliziert sein muss, wenn man tatsächlich will.

Schub für die Elektromobilität

Kenner der Automobilbranche gehen davon aus, dass Elon Musk auch ernst macht und dass das keine Luftnummer ist. Dann kommt auch die deutsche Autobranche mächtig unter Druck, endlich mehr Anstrengung in die Elektromobilität zu stecken und von der überholten Benzin- und Dieseltechnologie wegzukommen. Ferdinand Dudenhöfer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, geht davon aus, dass mit der Entscheidung von Tesla die Elektromobilität in Deutschland mehr Fahrt aufnimmt als bei 100 Kanzlergipfeln, wie er es gegenüber der Tagesschau formuliert.

Autobranche stellt sich dem Wettbewerb

Auch Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), erwartet mit der Niederlassung von Tesla in Brandenburg einen Schub für die Elektromobilität auch in den anderen Unternehmen der Branche. „Wir scheuen den Wettbewerb nicht, ganz im Gegenteil: Die deutsche Automobilindustrie ist im internationalen Wettbewerb gewachsen und hat deshalb eine Spitzenstellung eingenommen“, geben sich die deutschen Autobauer in Person von Bernhard Mattes selbstbewusst. Schließlich investiere man bereits mächtig in die Elektromobilität und werde die Modellpalette der elektrisch angetriebenen Fahrzeuge bis 2023 auf 150 erhöhen. Derzeit sind es zwölf. „Endlich“ mag man bei genauerer Betrachtung der Realität gern dahintersetzen.

VW setzt halbherzig auf Elektoautos

Denn die deutschen Autobauer haben bisher die Elektromobilität eher stiefmütterlich behandelt. Daran ändert auch die Eröffnung der VW-Fabrik im sächsischen Zwickau nichts, wo jetzt nur noch elektrisch angetriebene Autos hergestellt werden. Es klingt zwar viel, wenn VW ankündigt, bis 2028 22 Millionen Elektroautos zu produzieren. Doch im Vergleich zum gesamten Ausstoß des Konzerns wirkt das eher mager. Fast acht Millionen Autos hat VW in den ersten neun Monaten dieses Jahres produziert. Hochgerechnet auf das gesamte Jahr sind das 10,6 Millionen Autos. Wenn die Produktionsmengen nicht weiter steigen, was sie aber in Realität tun, liegt das Ziel des VW-Konzerns demnach bei einem Elektroautoanteil von 20 Prozent. Vier von fünf Volkswagen werden auch in zehn Jahren noch mit einem schmutzigen Verbrennungsmotor vom Band rollen. Innovation geht anders.

Konkurrenz vor die Nase gesetzt

Tesla ist schon jetzt Marktführer in Deutschland. Wenn das Unternehmen hier noch eine neue Fabrik aufbaut, kann das nur heißen, dass Tesla den Absatz in Europa stärken will. Ob das klappt, wird sich zeigen. Zumindest ist die Elektromobilität derzeit großes Thema in der Politik und wenn die Kunden die Elektroautos der Amerikaner direkt aus Brandenburg kaufen können, wird das sicherlich den Absatz ankurbeln. Man kann darüber debattieren, ob die Energiewende im Verkehrssektor mit dem elektrisch angetriebenen SUV gelingt, wie ihn Tesla in Brandenburg herstellen will, oder ob die Stärkung kollektiv genutzter Verkehrsmittel gerade in urbanen Zentren wie Berlin der bessere Weg ist, den Verkehr zu dekarbonisieren. Aber eins ist klar: Während die Konkurrenz mit einer Zukunftstechnologie für den Verkehrssektor direkt im Vorgarten der deutschen Automobilbranche landet, kämpft diese immer noch damit, die von der EU vorgegebenen und sinkenden Flottengrenzwerte für den CO2-Ausstoß zu erreichen.

Ein Entscheidungsgrund: Ökostrom ist verfügbar

Die Entscheidung für ein kleines Dorf in Brandenburg, auch wenn es nicht weit weg liegt von Berlin, ist aber auch ein deutliches Zeichen. Denn nach Angaben des Nachrichtenmagazins Der Spiegel sei die Entscheidung von Musk nicht nur getrieben von dessen Vorliebe für die deutsche Hauptstadt, sondern auch von der Verfügbarkeit erneuerbarer Energien. Schließlich liegt der Ökostromanteil am Bruttoenergieverbrauch bei über 73 Prozent. Nur Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist hier besser.

Ein Lehrstück der Industriepolitik

Angesichts dieser Tatsache sollte sich die Bundesregierung genau überlegen, ob es industriepolitisch nicht doch besser ist, der Windenergie und der Photovoltaik endlich die Steine aus dem Weg zu nehmen und den Zubau zu unterstützen, statt ihn permanent zu behindern, wie das derzeit geschieht. Zumal die Investition von Tesla in einem politischen Umfeld passiert, das Unterstützung signalisiert. Wenn die Bundesregierung den heimischen Markt für Photovoltaik und Windkraft ebenfalls wieder unterstützt, kommen auch wieder die Hersteller nach Deutschland oder müssen kein Personal entlassen, wie das Enercon jetzt angekündigt hat. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sollte sich genau anschauen, warum sich Tesla für das kleine Örtchen Grünheide entschieden hat. Denn dabei wird er lernen, wie Industriepolitik wirklich geht.

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