Lieferung von einem der vier Elektrolyseure mit jeweils einem Megawatt Leistung.
Ein von den Mitgliedern größtenteils finanziertes Bürgerenergieprojekt sorgt mithilfe von Elektrolyseuren für regionale Wertschöpfung.
Fabian Kauschke
Die Sonne scheint, der Wind weht und trotzdem stehen Windkraftanlagen still und Solarparks werden abgeschaltet, weil bereits zu viel Strom die Netze belastet. Ein Phänomen, das besonders bei einem steigenden Anteil an erneuerbaren Energien am Strommix und noch fehlenden Kapazitäten an Batteriespeichern anfällt. Ein Bürgerenergieprojekt zeigt, wie die verfügbare Energie durch Elektrolyse trotzdem sinnvoll genutzt und gespeichert wird.
Mitglieder finanzieren Projekt
Die Grenzland Bürgerenergie eG, ganz im Norden von Schleswig-Holstein, hat sich dieser Aufgabe gestellt. Gleichzeitig ging es darum: Wie können nicht nur die Anwohner um einen Bürgerwindpark oder private Eigentümer mit photovoltaikbedeckten Dachflächen profitieren? Gründe, warum sich der Blick auf grünen Wasserstoff gerichtet hat. Gemeinsam mit ihren über 2.200 Mitgliedern sammelte die Bürgerenergiegenossenschaft ein Eigenkapital von über 12 Millionen Euro. Zusätzlich ergänzt ein Förderbescheid des Landes Schleswig-Holstein über 5 Millionen Euro die finanziellen Möglichkeiten des Projekts. Dafür werden vier Elektrolyseure mit jeweils einem Megawatt bis zum Ende des Jahres aufgestellt. Der Hersteller Quest One liefert dafür PEM-Elektrolyseure vom Typ ME450 mit einer Gesamtkapazität von bis zu 1,8 Tonnen Wasserstoff pro Tag. Warum es sich dabei um vier Erzeugungsanlagen statt einer umfangreicheren handelt, liegt vor allem an der Transportinfrastruktur am Standort. Da bislang keine Pipeline-Verbindung besteht und auch noch nicht in Aussicht ist, wird der Abtransport mobil mit Trailern bewerkstelligt. Zusätzlich verfügt Grenzland über einen Solarpark mit 5 Megawatt, der ausreicht, um die Elektrolyse zu betreiben.
Der überschüssige Strom eines Solarparks versorgt die Elektrolyse.
Wertschöpfung für die Region
Im gesamten norddeutschen Raum sucht die Genossenschaft nun Abnehmer. Positive Rückmeldungen bekommen die Projektverantwortlichen von ihren Mitgliedern: „Es ist Wertschöpfung für die Region. Es handelt sich um keine fremden Investoren und selbstverständlich werden auch sämtliche Gewerke von den Handwerkern hier aus der Umgebung gebaut. Das heißt, es ist Wirtschaftswachstum aus der Region, für die Region“, sagt Joachim Bock, Vorstandsmitgliedder Grenzland Bürgerenergiegenossenschaft.
Mit Vervollständigung der Elektrolyseure soll der potenzielle Versorgungskreis vergrößert werden. Eine Perspektive sind dabei Biogasanlagen, die künftig nach 20-jährigem Betrieb aus der EEG-Vergütung fallen. Der Wasserstoff dient hierbei zur Veredelung und kann somit die Daseinsberechtigung von Biogasanlagen für die Wärmeversorgung am Leben erhalten. „Zusätzlich ist es so, dass Wasserstoff aus unserer Sicht der kommende Treibstoff ist, sowohl für Mobilitätsanwendungen als auch für die Industrie, zum Beispiel auf emissionsfreien Baustellen“, erklärt Joachim Bock. Beispielsweise könnten elektrische Baustellenfahrzeuge durch ein Wasserstoff-Aggregat über Nacht geladen werden und somit nicht nur Emissionen, sondern auch Lärm vermeiden, da Wasserstoff-Aggregate deutlich leiser sind im Vergleich zu dieselbetriebenen.
Offizielle Abnahmeverträge gebe es zwar noch nicht, da die Produktion erst in wenigen Wochen anläuft. Anfragen, vor allem aus dem Mobilitätssektor, erreichen die Genossenschaft jedoch bereits, sodass unter anderem Brennstoffzellenbusse demnächst mit Wasserstoff versorgt werden können.
12 Millionen Euro sammelte die Bürgerenergiegenossenschaft durch ihre Mitglieder.
Zentrale Stelle für Messwerte
Im Fokus steht für das Projekt zudem, die Anforderungen der Europäischen Union für grünen Wasserstoff zu erfüllen. Besonders die Faktoren der Zusätzlichkeit und der räumlichen Korrelation des delegierten Rechtsakts sorgen aktuell dafür, dass Elektrolysevorhaben nur verspätet ihre Produktion als „Grün“ zertifizieren können. Zudem beklagt die Branche hierbei einen Einfluss, der den Preis in die Höhe treibt. Von diesen Effekten berichteten Unternehmen beispielsweise zu Beginn des Jahres in unserer Branchenumfrage.
Um hierfür alle Kriterien erfüllen zu können, verfügt das Bürgerenergieprojekt über eine zentrale Stelle für alle relevanten Messwerte. Alle Voraussetzungen für die Zertifizierung von grünem Wasserstoff sollen damit noch in diesem Jahr erfüllt werden.
Erweiterung braucht Pipeline
Eine Erweiterung des Standorts kann sich die Bürgerenergiegenossenschaft gut vorstellen. Planungen belaufen sich im nächsten Schritt auf 15 Megawatt, bis hin zu 70 Megawatt in der Endausbaustufe. Der ausschlaggebende Faktor ist hierbei jedoch, wann eine Verbindung über Leitungen zur Wasserstoffinfrastruktur abgeschlossen werden kann. „Ohne die Pipeline, die bei uns vorbeiläuft, können wir den Wasserstoff nicht mehr unterbringen“, bestätigt Joachim Bock. Nur so sei es möglich, größere Mengen Wasserstoff zu transportieren. Zusätzlich ist der Pipelinezugang eine Voraussetzung dafür, dass das Projekt auch mit erweiterter Leistungskapazität wirtschaftlich weitergeführt werden kann. Das Projekt würde zeigen, wie Wasserstoff regional Wertschöpfung schaffen könne, und jetzt müsse die Landes- und Bundespolitik die Regelungen schaffen, damit es auch für andere Standorte ein Vorbild sein könne.
Foto: Grenzland Bürgerenergie eG
Bei Fertigstellung verfügt der Standort über vier Stationen zur Trailerbefüllung.