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Energiesystemwende

Windkrise als Zeichen des Systemversagens

Warum die Windbranche und die Politik an den Anforderungen der neuen Energiewelt gescheitert sind – und wie eine Renaissance der Windkraft aussehen könnte.

Inhaltsverzeichnis

Fabian Zuber

2019: Pause-Knopf der Energiewende

Das Jahr 2019 zeigt das schizophrene Gesicht des Klimaschutzes Made in Germany. Auf der einen Seite versammeln sich Millionen von Menschen auf der Straße, um sich für den Erhalt der Lebensgrundlagen auf dem Planeten und eine radikale Kehrtwende beim Klimaschutz einzusetzen. Dieser gesellschaftliche Kipppunkt der Klimabewegung trifft auf den gegenteiligen Kipppunkt der Energiewende. Denn das Jahr 2019 steht auch für einen dramatischen Einbruch beim Ausbau der Windkraft in Deutschland – auf ein Niveau der 90er Jahre. Die Energiewende macht Pause.

Die weltweit bewunderte German Energiewende 1.0 findet ihr Ende

Dieses Jahr werden voraussichtlich nur rund 150 neue Windräder aufgestellt. Enercon, Senvion und andere sind zum Abbau von Produktion und Arbeitsplätzen gezwungen. Und in wenigen Monaten könnte sogar ein Netto-Rückbau der installierten Windkapazität erfolgen. Eine Schmach auf ganzer Linie für ein Land, dass sich einst Energiewende-Weltmeister nennen durfte. Die weltweit bewunderte German Energiewende 1.0 findet ihr Ende.

Dabei ist eigentlich klar: Klimaschutz heißt Dekarbonisierung. Dekarbonisierung heißt Sektorkopplung. Sektorkopplung heißt Elektrifizierung. Und Elektrifizierung braucht die Solar- und Windenergie. Denn ohne Erneuerbare Energien können Elektroautos nicht sauber fahren und Gebäude nicht klimafreundlich gewärmt werden. Sprich: Ohne Windräder ist Klimaschutz zum Scheitern verurteilt.

Versagen von Branche und Politik

Wie konnte es soweit kommen? Die Krise hat sich angekündigt. Und Unternehmen und Politik haben die Windenergie gemeinsam in die Akzeptanz- und Genehmigungs-Sackgasse geführt. Dabei ist es keine Überraschung, dass die Windenergie mit einem veränderten Landschaftsbild einhergeht und eine hohe Sensibilität vor Ort erforderlich macht. Schon vor 15 Jahren machte der SPIEGEL die „Verspargelung der Landschaft“ zur Titelstory. Seitdem hat sich die Windkapazität in Deutschland verdreifacht. Allerorts wurde zugebaut. Bürgermeister, Anwohner und Landwirte zogen über Jahre an einem Strang, um die so positiv konnotierte Energiewende voranzubringen.

Aber der Bogen wurde überspannt. Die Windindustrie leistet dazu ihren Beitrag. Bürgerbeteiligung und Rendite teilen aus Projektierersicht? Besser vermeiden. Viele Projektierer scheuen lieber davor zurück, sich langfristig und nachhaltig zu orientieren. Und auch der Bundesverband Windenergie windet sich seit Jahren, wenn es um alternative Beteiligungsformen und klare Regeln für die lokale Wertschöpfung geht – gebremst von den kurzfristigen Profitinteressen der großen Mitgliedsunternehmen. Bürgerenergie ist bei vielen Windunternehmen noch immer mehr Last, als wirkliches Ansinnen.

Ausschreibungen: Misslungene Operation am offenen Herzen

Die Politik hat ihrerseits mit der Umstellung auf ein Ausschreibungssystem ohne Not eine Operation am offenen Herzen der Windenergie gewagt. Sie hat damit eingespielte Genehmigungsverfahren und Planungsprozesse an die Wand gefahren und das Engagement der lokalen Energiewendeinitiativen vor Ort zum Erliegen gebracht. Aus der Erzählung der kommunalen Energiewende in Bürgerhand, wurde – angeführt von der Politik der Großen Koalition – eine Geschichte der preis- und profitgetriebenen Auktionen für professionelle Windparks.

Der Bumerang kommt nun zurück. Die Ernte in Form von immer stärker werdenden Widerständen vor Ort und einer extrem gut aufgestellten und effizienten Anti-Wind-Kampagne fahren die Lokalpolitiker und Windfirmen nun ein. Und der Landes- und Bundespolitik kommt immer mehr der Mut abhanden, sich für die Windkraft einzusetzen. Mit dem Ergebnis, dass die mangelnde Akzeptanz vor Ort fast reflexhaft in größere Abstandsregelungen mündet – begleitet von Ratlosigkeit hinsichtlich der Konsequenzen für die hiesige Windindustrie.

Denkweisen des Konventionellen Energiesystems durchbrechen

Die dramatische Krise der Windenergie ist zugleich ein Sinnbild dafür, dass das Konventionelle Energiesystem bei der Aufnahme von neuen Erneuerbaren-Kapazitäten an seine Grenzen stößt. Das alte Energiesystem war geprägt von fossil-atomaren Großkraftwerken. Der Strom konnte quasi überall hin über die Netze geliefert werden. Die Verbraucher waren passiv und die Bürgerbeteiligung allenfalls Folklore. Strom, Wärme und Verkehr fungierten als getrennte Markträume.

Ganz anders das Erneuerbare Energiesystem, auf das wir zusteuern, wenn wir es mit der Energiewende ernst meinen: Hier rücken die erneuerbaren Kraftwerke an die Horizonte der Dörfer und auf die Dächer der Menschen. Sonne und Wind liefern Energie zu Grenzkosten gleich Null, dafür sind sie aber volatil. Mit der Sektorkopplung sind der Verkehr und die Wärme weitestgehend elektrifiziert. Und die Netze sind nur noch ein Element der Flexibilitätsoptionen, ihre Nutzung kostet aber entfernungsabhängig einen Preis. Nur mit einer Transformation hin zu diesen neuen Systemlogiken kann die Energiewende wieder in Schwung kommen.

Neue Erzählung für eine Renaissance der Windenergie

Um der Windkraft in Deutschland wieder Leben einzuhauchen, braucht es daher dringend ein Umdenken. Die Menschen vor Ort müssen wieder Lust bekommen auf Windräder. Sie müssen sie als die ihren begreifen und den Strom als ihre lokale Ressource ansehen. Die Windernte ist in dieser neuen Welt ihre lokale Wertschöpfung und die Energie das Exportgut ihrer Region, sei es in Form von Strom oder grünem Wasserstoff. Die Windernte ist aber auch der Standortvorteil für jede energieintensive Produktion und somit auch indirekt Arbeitgeber im ländlichen Raum.

Es geht dabei um nichts weniger, als vor Ort wieder eine Nachfrage nach Windmühlen zu schaffen. Die Unterstützung und Initiative muss von den Menschen vor Ort kommen, weil sie von der Idee überzeugt sind und gemeinsam davon profitieren. Jeder Bürgermeister soll sich damit profilieren können, wenn ein neuer Windpark entsteht. Nur so lässt sich am Ende auch bundesweit der Weg zu einer klimaneutralen Energieversorgung ebnen.

Damit das funktioniert, braucht es neue Denkprinzipien, die sich aus den Anforderungen der Erneuerbaren Energiesysteme herleiten. Und einen neuen regulativen Rahmen, der sich daran orientiert. Die Beteiligung der Bürger und Kommunen vor Ort muss von der Ausnahme zur Regel und gründlich entbürokratisiert werden. Der Stromtransport über die Netze braucht einen Preis, sodass die lokale und regionale Versorgung einen Mehrwert bietet. Strom muss aus der fiktiven Herkunftslosigkeit raus und als regionale Ressource wiederbelebt werden. Die Märkte für die Umwandlung und Speicherung von Strom müssen entfesselt werden, um alternative Vermarktungswege zu öffnen. Und so weiter.

Die Systemwende ist ein dickes Brett. Für all diese Ansätze reicht es nicht mehr aus, hier und da einen Paragraphen im EEG zu ändern. Der Versuch, dies über die Integration der Erneuerbaren Energien in das konventionelle System zu regeln, stößt an eine natürliche Grenze. Es ist vielmehr Zeit für eine fundamentale Transformation des Energiesystems. Klimapolitisch gedacht, gibt es dafür keine Alternative. Denn wir brauchen die Windenergie.

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Dieser Beitrag ist in der Onlineausgabe des Fachmagazins „ERNEUERBARE ENERGIEN“ erschienen und ist Teil einer Kolumne der Reiner Lemoine Stiftung zur EnergieSystemWende. Darin kommen regelmäßig Autorinnen und Autoren zu Wort, die für die Reiner Lemoine Stiftung (RLS) sowie das Reiner Lemoine Institut (RLI) aktiv sind oder gemeinsam mit RLS und RLI an Projekten zur Transition des Energiesystems arbeiten.

Fabian Zuber koordiniert als Leiter der Plattform EnergieSystemWende die Projekte der Stiftung und die Öffentlichkeitsarbeit. Er ist seit 2005 u. a. als Berater und Unternehmer für die Energiewende aktiv – etwa für ComMetering, First Solar, Deutscher Bundestag, und Bündnis Bürgerenergie.

Bisher erschienen sind:

- Fabian Zuber: Energiewende in der Sackgasse

- Dr. Kathrin Goldammer: Kein Widerspruch: Erneuerbare und energiewirtschaftliche Ziele

- Clemens Triebel: Speichertechnologien entfesseln

- Paul Grunow: (Keine) Innovationsfähigkeit der Konzerne

- Eberhard Holstein: Energiesystemwende ganz sicher: Ohne Atomenergie

- Mascha Richter: Ein Energiesystem im Wandel

- Eberhard Holstein: 10 Jahre Abschaffung der physikalischen Wälzung

- Céline Göhlich: Energiesystemwende braucht den Mut von vielen

-Catherina Cader: Technologiesprung für nachhaltige Energiesysteme

Weitere Informationen finden Sie hier. Weitere Informationen und Kolumnenbeiträge weiterer Autor:innen finden Sie hier.

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