Die heimische Zulieferindustrie leidet unter der Windkraft-feindlichen Politik in Deutschland.
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Zulieferer Thyssenkrupp

„Ausbauziele noch einmal überdenken“

Winfried Schulte, Geschäftsführer Thyssenkrupp Rothe Erde, erklärt, wie sich der Sparzwang in der Windbranche auf deutsche Zulieferer auswirkt.

Nicole Weinhold

Wie erleben Sie den Preisdruck der Windbranche als Zulieferer?

Winfried Schulte: Den Druck spüren natürlich auch die Komponentenhersteller. Es ist politischer Konsens, dass die Levelized Cost of Energy sinken sollen. Ein Teil dieser LCOE sind eben auch Turbinen- und Komponentenpreise. Diesem Preisdruck und dem Wettbewerb müssen wir uns stellen.

Wie geht Ihr Unternehmen damit um?

Winfried Schulte: Die Windindustrie ist für uns ein wichtiger Kunde, aber bei Weitem nicht der einzige. Durch unser breites Kundenportfolio sind wir in der Lage, Markteffekte, die in bestimmten Abnehmerindustrien aufkommen, abzufedern. Hier hilft uns auch unsere globale Aufstellung. Wir produzieren überall auf der Welt. Durch Standardisierung und Harmonisierung versuchen wir, unsere Effizienz in der Produktion permanent zu verbessern. Dann entwickeln wir natürlich auch unsere Produkte technologisch weiter – das heißt, Forschung und Entwicklung spielen für uns eine wichtige Rolle. Und last but not least versuchen wir, unseren globalen Markenauftritt zu stärken.

Auch Zahlungsfristen verändern sich. Wie tangiert Sie das?

Winfried Schulte: Das Thema Finanzierung ist für die Windbranche in den letzten Jahren in der Tat wichtiger geworden. Es geht um immer größere Volumina und um sehr wertige Bauteile. Also ist immer auch viel Geld im Spiel. Durch verlängerte Zahlungsziele wird versucht, Preisschwankungen für gewisse Bauteile innerhalb des Jahres entgegenzuwirken, die aus Marktgründen bei einem vorher festgesetzten Termin nicht abgenommen werden können.

Geben langfristige Verträge Sicherheit?

Winfried Schulte: Das ist durchaus ein Mittel, das von den Herstellern genutzt wird. Die Mechanismen sind aber sehr unterschiedlich: Der eine setzt auf Mehrjahresverträge mit bestimmten Forecast-­Volumina. Diese werden dann im Lauf der Zeit entsprechend geschärft. Andere Hersteller sind projektgetriebener und kaufen zielgerichtet nur für das Projekt ein, das gerade ansteht. Wir haben uns auf die unterschiedlichen Anforderungen unserer Kunden eingestellt und können damit flexibel umgehen.

Wie schätzen Sie die Rolle der Politik ein?

Winfried Schulte: Weltweit spielt die Politik eine bedeutende Rolle für die Windkraft. Die Politik bestimmt ja über die Vergütung einen Großteil des Marktgeschehens. Das ist ein globales Phänomen. So stellt zum Beispiel auch China, wo bisher feste Einspeisevergütungen galten, im kommenden Jahr auf ein Auktionssystem um. In Indien haben wir das Thema im vergangenen Jahr erlebt. Und auch in Deutschland wird das ja intensiv diskutiert. Stichwort Bürgerwindparks – die haben ja heute eine ganz andere Situation als in der Vergangenheit. Grund dafür sind eben die Rahmenbedingungen – und die werden von der Politik gesetzt.

Was würden Sie sich als Zulieferer für Ihr Unternehmen von der Politik wünschen?

Winfried Schulte: Aus meiner Sicht wäre es gut, wenn wir in Deutschland das Thema Ausbauziele für die kommenden Jahre noch einmal überdenken würden. In den letzten Jahren sind hierzulande jeweils drei bis fünf Gigawatt installierte Windleistung pro Jahr dazugekommen. Durch die politisch festgelegten Ausbaugrenzen für die Windenergie an Land und auf See werden wir voraussichtlich auf etwa zwei Gigawatt neu installierte Leistung pro Jahr runterfallen. Das ist für die Stabilität der gesamten Windbranche in Deutschland ein Problem, da die Planungssicherheit abhandenkommt.

Wie steht es mit anderen Herausforderungen? Wie sieht es mit dem Stahlpreis aus?

Winfried Schulte: Der Stahlpreis war immer ein wesentlicher Faktor für die Windkraft. Eine Anlage besteht eben zu über 90 Prozent aus Stahl. Auf der einen Seite sind wir weltweit mit steigenden Faktor­kosten – im Wesentlichen steigende Stahlpreise und Lohnkosten – konfrontiert. Auf der anderen Seite sehen wir, bedingt durch politische Rahmenbedingungen und den steigenden Wettbewerb, einen knallharten Preiskampf bei Herstellern und Zulieferern. In anderen Industrien ist das nichts Neues. Die Windbranche muss sich daran erst noch gewöhnen.

In den USA sind Sie ja auch aktiv, richtig?

Winfried Schulte: Ja, wir sind seit über 50 Jahren im US-Markt aktiv. Was unser Geschäft im Windbereich angeht, haben wir dort schon viel erlebt. Aufgrund der Inzentivierung durch Steuergutschriften, die lange Zeit immer nur kurzfristig verlängert wurden, gab es für den Ausbau der erneuerbaren Energien keine wirkliche Planungssicherheit. Bis 2019 gilt jetzt noch die Förderung über die sogenannte Safe-Harbor-Regelung. Die besagt, dass Projekte mit dem Bau begonnen haben müssen, um unter das alte Förderregime zu fallen. Auch das führt zu einer Art Windhund-Rennen. Auf einen massiven Ausbau folgt dann wahrscheinlich erstmal eine Flaute, da die Ausbauziele gesetzt sind. Die Auswirkungen dürften ähnlich wie in Deutschland sein.

Wie begegnen Sie der Konkurrenz aus Asien?

Winfried Schulte: Wir haben den großen Vorteil, dass wir global aufgestellt sind. Wir fertigen wie gesagt unsere Produkte überall auf der Welt – auch in China und Indien. Dieses globale Produktionsnetzwerk hilft uns, die Wertschöpfung auf unsere Werke so zu verteilen, dass wir dem Kostendruck etwas entgegenwirken können. So produzieren wir zum Beispiel auch Bauteile in Asien, die wir dann in Europa oder den USA weiterverarbeiten.

Man wünscht sich ja immer Innovationen, die den Kilowattstundenpreis weiter drücken können. Ist da noch Luft nach oben?

Winfried Schulte: Davon bin ich überzeugt. Technologisch ist noch lange nicht alles ausgeschöpft. Deswegen haben wir den vergangenen Jahren auch kontinuierlich in Forschung und Entwicklung investiert. Wir verfügen über eines der größten und modernsten Testzentren für Großwälzlager und nehmen gerade einen ganz neuen Prüfstand für Blatt- und Rotorlager in Betrieb. Das ist für uns ein ganz wichtiger Wettbewerbsvorteil. Denn der Trend zu größeren Anlagen ist weiterhin ungebrochen. Offshore werden wir bald Turbinen von zehn oder zwölf Megawatt sehen. Bei diesen Anlagen sind die Herausforderungen an die Komponenten noch einmal deutlich andere, als wir sie in der Mainstream­klasse von zwei oder drei Megawatt haben. Um sich dieses Marktpotenzial zu erschließen, braucht man das notwendige Know-how und begleitende Forschung. An unseren Prüfständen können wir sämtliche Funktions- und Belastungstests über die gesamte Lebenszeit des Bauteils von bis zu 25 Jahren in wenigen Monaten simulieren. Dabei setzen wir auch verstärkt digitale Mess- und Prüfverfahren ein. Das ermöglicht neue Erkenntnisse über Realbelastungen und Wirkzusammenhänge auf die Gesamtkonstruktion der Windkraftanlage in Echtzeit.

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