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Deutschland weltweiter Vorreiter in Wind-to-Gas-Technik

Geert Tjarks, Bereichsleiter Internationale Kooperation bei der Now GmbH, über die rasante Bedeutungszunahme von Power-to-Gas in der Energiewendediskussion.

Inhaltsverzeichnis

Nicole Weinhold

Herr Tjarks, gewinnt das Thema Wasserstoff als Teil der Energiewende endlich an Popularität?

Geert Tjarks: Die Wasserstoffdebatte wird seit 30 oder 40 Jahren geführt. Aber tatsächlich gab es im vergangenen Jahr sowohl national als auch international viel Aufmerksamkeit für die Rolle von Wasserstoff bei der Kopplung der Energiesektoren Strom, Wärme und Verkehr im künftigen Energiesystem.

Was war eigentlich der Auslöser für die neue Wasserstoff-Begeisterung?

Geert Tjarks: Japan hat die Wasserstoffdebatte im Vorfeld des G20-Gipfels sehr prominent gesetzt. Zunehmend wird erkannt, dass größere Mengen erneuerbarer Energien im System mehr Energie­speicher-Optionen brauchen, um die nötige Flexibilität sicherstellen zu können.

Zurück zu Japan: Denen geht es wahrscheinlich in erster Linie um die Mobilität. Aber wir haben ja auch den Überschuss an Erneuerbaren, der über Elektrolyseure als Power-to-Gas genutzt wird. Haben wir in diesem Bereich eigentlich einen Technologievorsprung?

Geert Tjarks: Tatsächlich hat Deutschland, Europa insgesamt, ein ausgezeichnetes Know-how auf dem Gebiet der Elektrolyse. Die Elektrolyse ist aber nur eine Möglichkeit, Wasserstoff emissionsfrei herzustellen. Man kann auch konventionelle Wasserstoffproduktion mit der Carbon-Capture-and-­Storage-Technologie (CCS) verbinden. Damit wäre die Wasserstoffproduktion zwar dekarbonisiert, aber nicht defossilisiert. Auf dem defossilisierten Pfad wäre Deutschland stark aufgestellt, weil wir bereits viel Erfahrung im Bereich der erneuerbaren Energien gemacht haben. Wir wissen zudem, dass es den Bedarf gibt, den Stromsektor mit weiteren Sektoren zu koppeln. Viele andere größere Staaten hingegen sitzen auf großen fossilen Ressourcen wie Erdgas, die sie nutzen wollen. Und das ginge mit der CCS-Variante.

Wie sieht das aus? Die Industrie spricht von grünem und blauem Wasserstoff. Was ist der Unterschied?

Geert Tjarks: Es gibt bereits einen riesigen Markt für Wasserstoff, zum Beispiel in der Düngemittelherstellung. Diesen Wasserstoff gewinnt man heute aus Erdgas. Jede Kohlenwasserstoffverbindung können Sie zu Wasserstoff machen. Dabei entsteht CO2. Beim blauen Wasserstoff würde man dieses CO2 per Carbon Capture and Storage einfangen. Ausgangspunkt ist ein fossiler Energieträger. Wir forcieren die grüne Option. Dabei wird aus Sonnen- oder Wind­energie Strom für die Elektrolyse gewonnen. Dadurch habe ich einen Pfad, auf dem kein CO2 vorkommt.

Da gibt es Unternehmen wie Thyssen, die schon jetzt aus Kostengründen über blauen Wasserstoff nachdenken. Könnte man denen sagen: Wenn sich politisch die Weichenstellung ändert, wird es auch wirtschaftlich leichter für grünen Wasserstoff?

Geert Tjarks: Ja, das ist wahrscheinlich. Stahlproduzenten emittieren große Mengen CO2 und zahlen viel Geld für die entsprechenden Zertifikate. Thyssen beispielsweise setzt bereits eigene Elektrolyseanlagen ein und denkt auch über den grünen Pfad nach.

Können Sie die Industrie an die Hand

nehmen?

Geert Tjarks: Wir führen seit Jahren den Dialog. Das Interesse der Unternehmen ist da und wir versuchen, ein gesellschaftliches Interesse zu adressieren. Wenn sich das aber im Hinblick auf die Kosten nicht darstellen lässt, wird es schwierig. Wir sind kein Gesetzgeber. Wir können nur beraten. Und wir wissen, dass es für Firmen wie Thyssen oder die deutschen Autobauer nicht nur einen nationalen, sondern auch einen globalen Markt gibt. Eine Co2-Bepreisung hätte da direkten Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn ich höre, dass ein Elektrolyseur, der in Brunsbüttel entsteht, der einzige Betrieb dort im Industriegebiet ist, der eine EEG-Umlage zahlen muss, weil alle anderen als stromintensive Unternehmen befreit sind, dann stimmt doch etwas nicht mit der Gesetzeslage, oder?

Geert Tjarks: Genau. Es gibt letztlich keinen Gesetzesrahmen, der die Flexibilitätsoption von Wasserstoff explizit zulässt. Man müsste gestückelt in den jeweiligen Sektorengesetzen etwas ändern. Das EEG ist so ein Fall. Wir hatten ja immer die Efficiency-­First-Strategie mit unserem erneuerbaren Strom und damit haben wir Wasserstoff ausgeklammert. Wir haben nicht bedacht, dass es Sektoren gibt, die mit Direktstrom gar nicht arbeiten können. Diese brauchen nicht ein erneuerbares Elektron, sondern ein erneuerbares Molekül wie zum Beispiel Wasserstoff. Jetzt stehen wir an dem Punkt, wo wir es brauchen. Der Gesetzesrahmen sieht das aber nicht vor.

Man hat außer Acht gelassen, dass man die Erneuerbaren abregeln muss, wenn die Netze überlastet sind, und dass das nicht sehr effizient ist.

Geert Tjarks: Diese Überschussdiskussion gab es auch. Davon hat man sich ein bisschen weg­bewegt. Die Überschussproduktion ist ein schwieriges Argument, weil wir flexibler im Stromnetz werden, wenn wir es ausbauen. Das heißt, diese Überschüsse werden weniger. Hinzu kommt, dass ein Elektrolyseur nur allein mit den Überschüssen nicht sinnvoll betrieben werden könnte. Aber wir haben Bereiche, die wir mit Direktstrom nicht dekarbonisieren können, etwa den Flug- und den Schiffsverkehr. Oder den Schwerlastverkehr. Da werden wir mit Batterien und Direktstrom nichts erreichen. Dafür brauen wir einen anderen Energie­träger. Und Wasserstoff ist in der Kette der logische nächste Schritt.

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