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Neue Studien zur Sektorkopplung – ein Kommentar

Elektroautos und Stromheizung brauchen Ökoenergie

Die Elektrifizierung des Verkehrs- und Wärmesektors wird nur zur Treibhausgasminderung führen, wenn mehr Ökostrom im Netz ist. Welche Potenziale die Sektorkopplung hat und welche Ausbauszenarien notwendig sind, zeigen zwei aktuelle Studien.

Die Europäische Kommission hat grünes Licht gegeben für mehr Unterstützung für Elektroautos. Die Bundesregierung hatte diese im Rahmen des Klimapakets im vergangenen Jahr beschlossen Immerhin ist die Förderung der Elektromobilität eine gute Sache, um die Stimmen zum Verstummen zu bringen, die davor warnen, dass gebeutelte Arbeitnehmer in weniger urbanen Regionen nicht mehr ihre Arbeitskraft in der Stadt zu Markte tragen können, wenn der Sprit aufgrund der CO2-Steuer teurer wird.

Immerhin kann es mit der Elektromobilität gelingen, die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor drastisch zu senken. Eine Aufgabe, an der bisher alle Verkehrsminister nicht nur in der Bundesrepublik glorreich gescheitert sind. Natürlich kann man trefflich darüber diskutieren, ob eine Förderung sinnvoll ist oder ob die Energiewende im Verkehrssektor nicht doch lieber über eine höhere CO2-Steuer angestoßen werden sollte. Doch das Ziel bleibt das Gleiche: Die Elektrifizierung des Verkehrs um den Treibhausgasausstoß in diesem Sektor zu senken.

Verbrauch steigt um 350 Terawattstunden

Das geht aber nur, wenn gleichzeitig genügend Ökostromkapazitäten existieren, die die Energie liefern, wie Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des BSW Solar richtig festgestellt hat. Denn wenn die Elektroautos Kohlestrom tanken, werden die Emissionen nur von der Straße ins Stromnetz verlagert. Wie viel Photovoltaik und Windkraft dazu in Deutschland aufgebaut werden muss, haben die Experten vom BSW Solar zusammen mit ihren Kollegen von der Branchenmesse The Smarter E Europe und den Marktanalysten von EUPD Research ausgerechnet.

Auf der Basis von Lastgängen und Erzeugungsprofilen sowie Bevölkerungsprognosen und der Entwicklung der Zahl und Größe der Haushalte ist das Ergebnis, dass bis 2040 der Stromverbrauch in den Haushalten von derzeit 129 auf 116 Terawattstunden sinken werden. Wenn man die Elektrofahrzeuge mit Batterien und die elektrische Wärmeversorgung einrechnet, kommt man dreht die Entwicklung auf einen zusätzlichen Strombedarf von mehr als 175 Terawattstunden. Dazu kommen noch Elektrofahrzeuge die mit Wasserstoff angetrieben werden. Das erhöht den Strombedarf zur Herstellung des Treibstoffs noch einmal um fast 60 Terawattstunden. Außerdem wird auch der Stromverbrauch in der Industrie steigen, weil die verstärkt ihre Wärmeanwendungen mit Strom versorgt. Insgesamt bedeutet das alles in allem eine Steigerung des Stromverbrauchs in Deutschland von derzeit 530 auf 880 Terawattstunden im Jahr 2040.

Zehn Gigawatt Photovoltaikzubau notwendig

Soll das zum großen Teil mit Erneuerbaren gestemmt werden, wie es die Bundesregierung vorhat, indem sie bis dahin sämtliche Kohle- und Kernkraftwerke vom Netz nimmt, muss allein die installiert Photovoltaikleistung jedes Jahr um mindestens zehn Gigawatt wachsen. Dass das mit dem derzeit im EEG vorgesehenen Zubaupfad von 2,5 Gigawatt pro Jahr nicht zusammenpasst, ist mehr als offensichtlich. Die Konsequenz ist also eine komplette Entrümpelung des EEG. Der Abbau der Hürden ist mehr als überfällig. Selbst dann hat die Solarbranche wegen fehlender Fachkräfte genug eigene Herausforderung, auch ohne dass die Bundesregierung ihr weitere Steine in den Weg legt. Es ist ohnehin unverständlich, dass es so lange dauert, bis schon beschlossene Maßnahmen wir die Abschaffung des 52-Gigawatt-Förderdeckels so lange bis zur Umsetzung brauchen.

Erneuerbare sind die Lösung

Schließlich ist das regulatorisch nicht sonderlich schwer, einfach den Deckel aus dem EEG zu streichen. Zumal die Bundesrepublik genau wie andere Länder ohnehin nicht um den Ausbau der erneuerbaren Stromerzeuger herum kommt. „Künftig können die Erneuerbaren nicht nur Teil der Lösung sein. Sie müssen die Lösung selbst sein“, bringt es Henrik Sætness auf den Punkt. Er ist beim norwegischen Energieversorger Statkraft für die Unternehmensstrategie und -analyse zuständig. Das Unternehmen hat zusammen mit den Spezialisten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) und dem Anbieter von Energiemanagementlösungen Eaton eine Studie zur Sektorkopplung veröffentlicht. Die Analysten der drei Unternehmen haben ausgerechnet, dass bis 2050 allein durch die Elektrifizierung des Industrie-, des Verkehrs- und des Gebäudesektors Europa die Treibhausgasemissionen um 60 Prozent sinken kann.

Emissionen im Verkehr um 55 Prozent senken

Die Berechnungen basieren auf politischen Ambitionen der Vorreiterländer der Energiewende. Hierzu zählen die Analysten sogar Deutschland, das selbst inzwischen weit hinter den eigenen Zielen her hinkt, was ein ziemlich trübes Licht auf die Energiewende in den europäischen Ländern wirft. Dennoch ist der Umstieg auf Elektroautos bis 2050 so weit zu schaffen, dass allein im Verkehrssektor die Emissionen um 55 Prozent sinken könnten. In der Studie wird dabei davon ausgegangen, dass Verkehrsmittel wie Flugzeuge und Schiffe weiterhin mit fossilen Treibstoffen bewegt werden. Doch gibt es bis 2050 mit Sicherheit ausgereifte Lösungen, wie auch diese Verkehrsmittel emissionsfrei fahren, schwimmen oder fliegen können.

68 Prozent weniger CO2 sind drin

Noch schneller können die Emissionen im Gebäudesektor sinken. Einen Rückgang um 78 Prozent halten die Analysten für problemlos machbar. Am besten kann der Stromsektor abscheiden. Hier ist ein Rückgang der Emissionen um 88 Prozent zu schaffen. Die größten Probleme wird die Industrie haben. Das liegt vor allem an Hochtemperaturanwendungen wie die Stahlproduktion. Dazu kommen noch Industrieprozesse wie die Zementherstellung, bei der CO2 ein Reaktionsprodukt ist. Dennoch ist insgesamt über alle Sektoren hinweg mit der Sektorkopplung ein Rückgang der CO2-Emissionen um 68 Prozent möglich – im Vergleich zu zehn Prozent ohne die Elektrifizierung des Verkehrs und der Wärmebereitstellung.

Anreize schaffen

Doch ohne konsequenten Umstieg der Stromversorgung auf möglichst viel Photovoltaik und Windkraft werden auch die von den Analysten ausgerechneten Potenziale nicht erreichbar sein. „Es sind Maßnahmen seitens der politischen Entscheidungsträger erforderlich, wenn diese Veränderungen stattfinden sollen“, erklärt Victoria Cuming, Leiterin globale Politikanalyse bei BNEF. „Die Regierungen sollten Anreize oder Auflagen zur Senkung der Emissionen aus der Gebäudewärme einführen, Demonstrationsprojekte zur Elektrifizierung unterstützen und Hindernisse für die Produktion von grünem Wasserstoff aus dem Weg räumen. Sie sollten auch darüber nachdenken, wie sie die Energieverbraucher und die Zivilgesellschaft einbeziehen können, da sie eine entscheidende Rolle bei der Elektrifizierung dieser neuen Sektoren zu spielen haben.“ Schließlich müssen dann die Stromerzeugungskapazitäten u 75 Prozent steigen, wobei Windkraft und die Photovoltaik das Gros der Leistung stellen muss.

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