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Energiewende zu Hause im großen Maßstab

Nicole Weinhold

Rund 20 Jahre war Ina Kamps weltweit für BP tätig. Dort verantwortete sie Aktivitäten in den Bereichen erneuerbare Energien sowie die Entwicklung von Öl- und Gasfeldern. Seit rund zehn Monaten ist sie COO von Tennet Deutschland. Was treibt sie um?

Wir befinden uns gerade auf einem Katamaran bei einer Offshore-Exkursion. Dir machen Wellen nichts aus?

Ina Kamps: Nein, ich liebe das Wasser. Das passt gut zu meinem beruflichen Hintergrund im Offshore-Wind-Bereich und zum heutigen Programm. Zugleich ist die See ein treffendes Bild für unsere Branche: Ab 2022 erhielt sie starken Rückenwind und ehrgeizige Ausbauziele wurden formuliert. Im vergangenen Jahr wurde die See jedoch rauer. Die Offshore-Auktion in Deutschland blieb ebenso hinter den Erwartungen zurück wie Ausschreibungen in anderen Ländern. Auch die aktuelle Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG) lässt wichtige Fragen offen. Es bleibt also spannend, wohin der Kurs nun führt. Eines ist jedoch klar: Offshore-Wind eröffnet uns in Europa die signifikante Chance auf eine leistungsstarke und erneuerbare Energiequelle direkt vor unserer Haustür. Jetzt gilt es, dieses Potenzial mutig zu nutzen.

Was sind eure aktuellen Highlights?

Ina Kamps: Tennet steht für Netzausbau. Als größter Übertragungsnetzbetreiber Deutschlands investieren wir in den kommenden Jahren so viel wie nie zuvor. Von 2026 bis 2030 durchschnittlich rund 13 Milliarden Euro pro Jahr, nach rund zehn Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Diese Investitionen stehen ganz konkret für Infrastruktur, die wir planen, bauen und in Betrieb nehmen.

Im Offshore-Wind-Bereich haben wir bereits zehn Netzanbindungssysteme in Betrieb. Mit Borwin 5 und Dolwin 5 gingen erst im vergangenen Jahr zwei weitere 900-Megawatt-Systeme ans Netz. Gleichzeitig bauen wir bereits die nächste Generation der Offshore-Anbindung: Sieben Zwei-Gigawatt-Systeme sollen zwischen 2029 und 2033 in Betrieb gehen. Damit schaffen wir die Voraussetzungen, um Offshore-Wind effizient und in großem Maßstab an das Stromnetz anzubinden.

13 Milliarden Euro will Tennet durchschnittlich jährlich zwischen 2026 und 2030 in den Netzausbau investieren.

Wie sehen diese neuen Anbindungen aus?

Ina Kamps: Zwei-Gigawatt-Verbindungen sind besonders leistungsstarke Netzanbindungssysteme mit einer Übertragungskapazität von bis zu zwei Gigawatt. Das entspricht mehr als dem Doppelten der Kapazität heutiger Systeme. Tennet hat den Zwei-Gigawatt-Standard entwickelt, um die Systeme zu vereinheitlichen und den Lieferanten zusätzliche Skalierungsmöglichkeiten zu eröffnen. Herzstück jeder Verbindung ist eine Konverterplattform, an die je nach Flächenzuschnitt bis zu drei Windparks angeschlossen werden können.

Wir kommen heute auch bei Borwin 3 vorbei. Mit einer Leistung von 900 Megawatt zählt die Anlage zu unseren größten Offshore-Netzanbindungssystemen. Sie wandelt erzeugten Strom um und bringt ihn an Land. Parallel zum Ausbau der Offshore-Windenergie bauen wir unser landseitiges Netz aus, sodass der Strom zuverlässig in die Verbrauchszentren transportiert werden kann.

Besteht die Sorge, dass Investoren voreilig Planungen platzieren, aber nicht bauen?

Ina Kamps: Das ist ein reales Risiko. Die vorgeschlagenen Contracts for Difference (CfDs) sind grundsätzlich ein sinnvolles Instrument. Bei der konkreten Ausgestaltung sehen wir jedoch noch Diskussionsbedarf. Seit der letzten Novelle wurden Offshore-Flächen mit einer Gesamtkapazität von 16 Gigawatt versteigert. Bei diesen Flächen besteht das Risiko, dass einzelne Projekte nicht oder nicht rechtzeitig umgesetzt werden.

Nach geltendem Recht müssen Windparkbetreiber eine Rückgabe von Flächen erst drei Jahre vor der geplanten Inbetriebnahme erklären. Erfolgt diese Entscheidung erst zu diesem späten Zeitpunkt, kann es dazu kommen, dass bereits errichtete Netzanbindungssysteme vorübergehend ungenutzt bleiben.

Was fordert ihr konkret von der Politik?

Ina Kamps: Wir brauchen einen Anreiz für eine frühere Rückgabe: Wer weiß, dass er nicht bauen wird, sollte die Fläche frühzeitig zurückgeben. So kann sie schneller erneut ausgeschrieben und wieder besetzt werden. Das schafft Planungssicherheit für alle – für unsere Netzanbindungssysteme, für die Turbinenhersteller und für unsere Zulieferer. Bei der konkreten Ausgestaltung des Auktionsdesigns, etwa der Indexierung der CfDs, sind vor allem die Projektentwickler gefragt.

Mit dem niederländischen Pensionsfonds APG, GIC aus Singapur und NBIM aus Norwegen konnten wir drei langfristig orientierte Investoren gewinnen. Zusätzlich hat Anfang des Jahres die KfW einen Anteil von 25,1 Prozent übernommen.

Und in England funktioniert das?

Ina Kamps: Das CfD-Modell hat sich dort grundsätzlich bewährt und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Wichtig ist: Es geht dabei um weit mehr als den Bau einzelner Windparks. Es geht darum, die notwendigen Investitionen in erneuerbare Energien zu ermöglichen und verlässliche Rahmenbedingungen für langfristige Infrastrukturprojekte zu schaffen. Damit stärken wir nicht nur den Ausbau der Erneuerbaren, sondern reduzieren zugleich unsere Abhängigkeit von Energieimporten. Das erhöht die Resilienz unseres Energiesystems in Krisenzeiten und stärkt die Energiesouveränität Deutschlands nachhaltig.

Ihr habt Anteile verkauft. Steckt eine Strategie dahinter?

Ina Kamps: Der Einstieg der neuen Anteilseigner stärkt unsere Eigenkapitalbasis und damit unsere Fähigkeit, den umfangreichen Netzausbau in Deutschland zu finanzieren. Bis zum 30. Juni war Tennet Germany eine hundertprozentige Tochter des niederländischen Staates. Angesichts des hohen Investitionsbedarfs bestand die strategische Aufgabe darin, entweder einen Börsengang vorzubereiten oder zusätzliche Investoren zu gewinnen.

Mit dem niederländischen Pensionsfonds APG, GIC aus Singapur und NBIM aus Norwegen konnten wir drei langfristig orientierte Investoren gewinnen. Zusätzlich hat Anfang des Jahres die KfW einen Anteil von 25,1 Prozent übernommen. Der niederländische Staat, durch die Tennet Holding, bleibt mit 28,9 Prozent größte Anteilseignerin. Damit sind wir solide aufgestellt, um die notwendigen Investitionen in die Energiewende und den weiteren Netzausbau umzusetzen.

Und dein Highlight heute?

Ina Kamps: Natürlich unsere Anlagen! Ich hoffe, dass das Wetter mitspielt. Anfang des Jahres war ich in einem besonders kalten Winter auf einem Onshore-Roadtrip durch unser Netzgebiet unterwegs. Dabei wurde einmal mehr deutlich, was unsere Servicegruppen tagtäglich bei Wind und Wetter leisten. Hut ab! Im nächsten Jahr freue ich mich darauf, auch unsere Serviceteams auf See zu besuchen.

Transport der Tennet-Konverterplattform Dolwin 5 im Jahr 2025 in Haugesund, Norwegen.

Foto: Axel Schmidt - TenneT TSO GmbH

Transport der Tennet-Konverterplattform Dolwin 5 im Jahr 2025 in Haugesund, Norwegen.