Mit dem Energiedialog 2026 eröffnet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) das energiepolitische Jahr in einer Phase tiefgreifender globaler Unsicherheiten. BEE‑Geschäftsführer Wolfram Axthelm machte zum Auftakt deutlich, worum es der Branche in diesem Jahr geht: „Die Welt ist in Unordnung. Gerade in solchen Phasen sichern die Erneuerbaren Unabhängigkeit, Sicherheit und Stabilität.“ Der Energiedialog sei damit mehr denn je ein Ort, an dem zentrale Weichenstellungen für die Energiepolitik diskutiert werden.
Heinen‑Esser: Energiewende ist längst Realität
In ihrer Grundsatzrede betonte BEE‑Präsidentin Ursula Heinen‑Esser den erreichten Fortschritt der Energiewende. „Die Energiewende ist eine Erfolgsgeschichte“, sagte sie mit Blick auf den Anstieg des Erneuerbaren‑Anteils von sechs Prozent zur Einführung des EEG auf heute rund 60 Prozent. Die Erneuerbaren hätten ihre Nische verlassen und prägten längst das Stromsystem – mit einer realistischen Perspektive von 80 Prozent erneuerbarem Strom bis 2030.
Lesen Sie mehr zu Ursula Heinen-Esser
Nicole Weinhold
Gerade in Zeiten geopolitischer Krisen zeigten erneuerbare Energien ihre strategische Bedeutung. Sie stabilisierten Preise, reduzierten Importabhängigkeiten und stärkten die Resilienz des Energiesystems. Heinen‑Esser hob zudem die breite gesellschaftliche Verankerung der Energiewende hervor: Bürgerinnen und Bürger, Landwirte und mittelständische Unternehmen trügen einen großen Teil der installierten Leistung. Diese Vielfalt mache das System robust und anpassungsfähig.
Klare Erwartungen an die Energiepolitik 2026
Mit Blick auf die anstehenden Novellen formulierte Heinen‑Esser klare Erwartungen an die Bundesregierung. Das EEG bleibe das Fundament der Energiewende und müsse auch künftig Planungssicherheit, verlässliche Rahmenbedingungen und Investitionsanreize bieten. 2026 werde damit zu einem entscheidenden Jahr, in dem sich zeige, ob Politik und Branche gemeinsam die Voraussetzungen für ein erneuerbares, resilientes und wettbewerbsfähiges Energiesystem schaffen.
Staatssekretär Wetzel über Resilienz
Staatssekretär Frank Wetzel (BMWE) erklärte in seiner Rede vor einem ausgewählten Publikum und 4.000 Online-Zuschauern: „Das ist sozusagen der Start des Energiejahres 2026, und wir sind uns der gewaltigen Herausforderungen bewusst.“ Neben geopolitischen Verwerfungen und sich rasch ändernden Marktbedingungen rückten auch Fragen der Versorgungssicherheit stärker ins öffentliche Bewusstsein – nicht zuletzt durch den mehrtägigen Stromausfall in Berlin zu Jahresbeginn. Wetzel betonte: Energiewende und Resilienz müssen gemeinsam gedacht werden. Eine Forderung, mit der er bei der Regenerativbranche offene Türen einrennt, zumal Erneuerbare – anders als Gas aus Qatar oder Russland - zur Resilienz beitragen.
Kraftwerksstrategie: Absicherung statt Gegenpol zu den Erneuerbaren
Einen zentralen Stellenwert in der aktuellen Energiepolitik nimmt laut Wetzel die überarbeitete Kraftwerksstrategie der Bundesregierung ein. Sie sei kein Bruch mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, sondern deren notwendige Ergänzung. Flexible, steuerbare Kraftwerkskapazitäten seien unverzichtbar, um ein zunehmend wetterabhängiges Stromsystem abzusichern.
„Der Zubau von Kraftwerken, die zu jedem Zeitpunkt zugeschaltet werden können, sichert den Ausbau der erneuerbaren Energien ab – das sind zwei Seiten derselben Medaille“, betont Wetzel. Geplant ist, bereits 2026 neue Kapazitäten auszuschreiben. 2027 sollen größere Ausschreibungen für Bestandskapazitäten folgen, weitere Runden sind für 2029 vorgesehen – jeweils mit Blick auf die Jahre 2030 und 2031.
Im Fokus stehen laut Wetzel moderne Gaskraftwerke, die von Beginn an auf einen späteren Betrieb mit Wasserstoff vorbereitet sind. Der Umstieg soll stufenweise erfolgen: erste Umstellungen bis 2040, weitere bis 2043 und eine vollständige Transformation bis spätestens 2045 – im Einklang mit dem Klimaschutzgesetz. Ohne staatliche Anreize, stellt Wetzel aber auch klar, würden diese Kraftwerke unter heutigen Marktbedingungen nicht gebaut.
Realität ist: Geplant sind statt 12 Gigawatt nun 40 Gigawatt an Gaskraftwerken, die nur zu einem Bruchteil H2-ready sein werden – und ja: teuer wird das auf jeden Fall. Mehr lesen Sie dazu hier.
Kapazitätsmarkt: Gesetzliche Grundlagen ab 2027
Die Kraftwerksstrategie ist laut Wetzel zugleich als Einstieg in einen umfassenden Kapazitätsmarkt konzipiert. Zwar wird dieser noch nicht 2026 eingeführt, doch die Bundesregierung hat sich gegenüber der EU-Kommission das Ziel gesetzt, bereits 2027 die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen. Die Abstimmungen mit den Generaldirektionen Energie und Wettbewerb sowie mit den Koalitionspartnern laufen.
EEG-Novelle 2026: Mehr Markt, mehr Preissignale
Ein zweiter zentraler Schwerpunkt der Energiepolitik 2026 ist laut Wetzel die umfassende EEG-Novelle. Ziel ist eine Neuausrichtung der Investitionsbedingungen für erneuerbare Energien. Nach Jahren starken Ausbaus sollen Marktmechanismen gestärkt und Preissignale direkter bei den Anlagenbetreibern ankommen.
Konkret plant die Bundesregierung nach Aussage des Staatssekretärs, Förderkosten zu senken, ohne den Ausbau zu gefährden. Eine wichtige Rolle spielen dabei zweiseitige Contracts for Difference (CfD), die auch auf EU-Vorgaben zurückgehen. Sie sollen Erlösschwankungen abfedern und gleichzeitig Marktanreize erhalten. Ein Kabinettsbeschluss zur EEG-Novelle ist noch im ersten Quartal 2026 vorgesehen.
Lesen Sie mehr zu einem CfD, der sich bewährt hat
Wetzel macht deutlich, dass es keine Fortschreibung des Status quo geben wird. Ziel sei „mehr Markt und mehr Verlässlichkeit“ – möglich geworden durch den erfolgreichen Ausbaupfad der vergangenen Jahre, der nun eine stärkere Marktintegration erlaube.
2026 als Weichenjahr der Energiepolitik
Bisher hat das Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche vor allem für Verunsicherung in der Branche gesorgt. Die Worte des Staatssekretärs beim BEE-Energiedialog 2026 legten nahe, dass die Bundesregierung die Energiewende nun weiterentwickeln will. Mit der Kraftwerksstrategie als Absicherung der Erneuerbaren, der Vorbereitung eines Kapazitätsmarktes und einer grundlegenden EEG-Novelle hat sie es in der Hand, Versorgungssicherheit, Marktintegration und Klimaschutz weiter voranzutreiben.
Nicole Weinhold
Energie als Kriegsziel: Alltag im Ausnahmezustand
Eindringlich schilderte dann der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev die aktuelle Lage in seinem Land. Energie sei längst kein rein wirtschaftliches oder klimapolitisches Thema mehr, sondern eine Frage von Sicherheit und Überleben. „Bevor wir über die Zeit nach dem Krieg sprechen, müssen wir diesen Krieg gewinnen – und wir müssen sicherstellen, dass die Menschen diesen Winter überleben“, sagte Makeiev. Allein in den vergangenen Wochen habe Russland fast täglich mit Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen gezielt Strom-, Wärme- und Wasserinfrastruktur angegriffen. Mehr als 50 Prozent der ukrainischen Energiekapazitäten seien seit 2022 beschädigt oder zeitweise besetzt worden. Stromausfälle über viele Stunden, fehlende Heizung und Wassermangel gehörten für Millionen Menschen zum Alltag.
Dezentrale Solarenergie als Lebensader
Gerade unter diesen Bedingungen zeige sich der Wert dezentraler erneuerbarer Lösungen. Makeiev berichtete aus dem persönlichen Alltag: In Kiew habe seine Mutter zuletzt nur wenige Stunden pro Tag Strom gehabt. „Drei Stunden Strom in 24 Stunden – das ist die Realität in der Hauptstadt eines europäischen Landes.“ Kleine Solarsysteme, Batteriespeicher und Notstromlösungen würden für Haushalte, Krankenhäuser und Unternehmen zur Lebensader. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer investierten inzwischen gemeinsam in Solaranlagen auf Dächern, unterstützt durch staatliche Programme. „Dezentralisierung funktioniert – auch im Winter“, betonte Makeiev. Solarenergie sichere Kühlketten, ermögliche Grundversorgung und halte Wirtschaft und Verwaltung funktionsfähig, selbst unter permanentem Beschuss.
Methanol als Brücke für die Energiepartnerschaft mit Deutschland
Über die akute Krise hinaus warb der Botschafter für eine strategische Perspektive der Zusammenarbeit. Die Ukraine könne künftig nicht nur Strom, sondern auch erneuerbare Energieträger nach Europa liefern. Besonders hob Makeiev Methanol hervor: eine speicher- und transportfähige Energiequelle, die auf Basis erneuerbarer Energien hergestellt werden könne. „Methanol kann für Deutschland eine Energiequelle sein, die wir exportieren“, sagte er. Der Wiederaufbau des ukrainischen Energiesystems biete die Chance, von Beginn an auf dezentrale, erneuerbare und resiliente Strukturen zu setzen – als Sicherheitsgewinn für die Ukraine und als energiepolitische Partnerschaft für Europa.