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Italiens breite Energiewende

Arztpraxis? Arbeitsamt? Autohaus? Italiens zweitgrößter Energieversorger mag beim ersten Orientierungsblick hinein in seinen gerade dünn besetzten Wartesaal im Palazzo Edison irritieren. Nur ein Unternehmensfilm auf einem Wandbildschirm stellt den Ortsbezug her. Bildfolgen zeigen unterschiedlichste Stromerzeugungsanlagen und dann den Edison-CEO Nicola Monti mit einer Ansprache. Er residiert irgendwo hier im Stammsitz eines der wichtigen Energiewendegestalter-Unternehmens Italiens.

Weiter innen im Gründerzeitbau mit den marmorierten und neoklassischen schwarz-weißen Steinböden finden sich die Hinweise zum Kerngeschäft, die so vielfältig aufblitzen wie Angebote eines Gemischtwarenladens: Eine historische Karte von Wasserkraft- und fossil befeuerten Dampfkraftwerken im Erdgeschoss, im Stockwerk darüber beim Kopierer im Flur ein kleines Plakat von einem Monteur auf einer Windturbine – und hinter einer schlichten Tür plötzlich ein Großraum mit Eisenrippen-durchzogener historischer Glaskuppel, stilisierten bunten Holzbäumen, Kabinen und Sitzgruppen: Hier beugen sich männliche und weibliche junge Kreative wohl gerade über Konzepte modernerer digitalisierter und flexibler Energieversorgung.

7,2 Gigawatt (GW) im Jahr müsste Italiens Photovoltaikzubau gemäß Energie- und Klimaplan (PNIEC) 2024 erreichen, 5,4 GW für den langsameren PNIEC von 2019. 2025 waren es 6,4 GW.

Denn Edison ist mit einem Jahresumsatz von zuletzt 17,7 Milliarden Euro einer der wichtigsten Energiewendeakteure des Landes, der zeitgleich vieles vorantreibt. Zwar hat er sich zu Beginn des Jahrzehnts von seiner Gas- und Ölfördersparte getrennt, musste aber die eigens betriebenen Flüssiggasimporttanks zu Jahresbeginn erstmal von den kriegsbedingt ausfallenden Importen aus Katar auf teure Importe aus den USA umstellen. Im Erneuerbare-Energien-Ausbau sollen die Mailänder bis Ende 2030 einen Grünstromanteil in der elektrischen Erzeugung von 40 Prozent erreichen. Bislang betreiben sie 2,3 Gigawatt (GW) einer Kraftwerksflotte von heute noch 7,6 GW mit Wasser- Wind- und Solarkraft. Bis 2030 sollen 4 bis 5 GW grün sein. Allerdings sollen auch die aktuell 5 GW leistenden neun Gas-Kombikraftwerke noch unbegrenzte Zeit weiterhin Erdgas verfeuern – und die wetterabhängige Grünstromerzeugung ergänzen.

Neuartige Ökostromausschreibung startet

Nun vergrößert der Akteur die Schrittweiten. Er folgt Italiens Energiepolitik, die seit zwei bis drei Jahren das Marschtempo wieder anzieht: Als Italien 2019 auf Anforderung der Europäischen Union (EU) gerade die nationalen Energie- und Klimaziele vorlegte (Folgeseite, siehe „2,9 Gigawatt“), hatte sich der Konzern ebenfalls aufs Gleis gestellt. Als Starterpaket hatte er damals viele Energiepark-Entwicklungsprojekte und bestehende Wind- und Solarparks eingekauft. 2022 hatte Edison die Sparte Edison Next eingerichtet. Mit digitalen Konzepten und Bauarbeiten verhilft sie Kommunen und Unternehmen zur immer grüneren Energieversorgung oder zur Energieeffizienz. Und infolge der Wind- und Solarparkprojektierungen meldete Ende 2025 Edison 250 MW im Bau befindliche Erzeugungskapazitäten und sehr nahe Baustarts für 500 MW Windkraft und Photovoltaik (PV). Die Hälfte der geplanten Windkraft werde durch Repowering erfolgen: den Tausch neuer Hochleistungs- gegen Altanlagen.

Zu dieser Baustartwelle gehören bereits die 300 MW Windkraft und 60 MW PV, für die im Rahmen des Übergangssystems Fer-X transitorio im Dezember bei Edison die Zuschläge von der Staatsbehörde GSE eingegangen waren. Edison war in dieser Windkraftausschreibung das erfolgreichste Bieterunternehmen. Sie könnte nun fürs ganze Land zur Zündung werden: Nach Italien-weiten 241 MW PV und 246 MW Windkraft im Jahr 2023, nach schon 820 und 830 MW im Jahr 2024 erhielten 2025 in drei Auktionsrunden solare Stromerzeugungskapazitäten von 9,1 und 1 GW Windkraft den Zuschlag: das meiste in Tender eins des neuen Fer-X-Systems vom November. Erstmals seit Jahren überzeichneten die Investoren wieder die GSE-Ausschreibungen.

Das ist auch nötig. Denn die effektiven Netzanschlüsse sind erstmals seit Jahren wieder zurückgegangen. 6,4 GW betrug der Bruttozubau bei PV: 0,4 GW weniger als 2024. Die Windkraft bremste mit 579 MW nach vorher 685 MW ab. Nun rechnet Europas Branchenverband mit zwei Jahren Stagnation und Inbetriebnahmen von 1.000 MW erst 2028. Eine optimistischere Prognose von dann 1,5 GW Zubau räumt Wind Europe damit ab. Weiterhin zu lange Genehmigungsdauern von fünf Jahren macht die Windkraftbranche offenbar als größte Hürden für sich aus. Zudem halten wohl lokale Ämter und Autoritäten den Prozess auf, die Bedenken um Wirkungen der Windkraft auf Landschaft und kulturelle Sichtachsen fürchten. Um nicht dem wichtigen Tourismus zu schaden, wollen sie den Kulturminister entscheiden lassen. Der blockiere schon Erzeugungskapazitäten von vermutlich zwei Gigawatt, heißt es beim Windkraftverband Anev.

Auch die erste Ausschreibung im neuen Vergütungs- und Auktionssystem Fer X war bei genauerem Hinsehen nur mäßig erfolgreich: Von gebotenen 1,7 GW an neuen Windparkkapazitäten kamen aufgrund einer komplexen Auktionsmathematik nur Projekte bis 940 MW und maximal 7,77 Cent pro Kilowattstunde (kWh) Vergütung zum Zuge. Dabei hätte die GSE 2,5 GW ausschreiben dürfen. Die Solarkraftauktion von 8 GW war mit Geboten für 10 GW überzeichnet. Die GSE vergab Zuschläge für 7,7 GW großer PV-Anlagen. Maximal gab es Vergütungen bis 6,2 Cent. Weitere 3 GW an kleinen PV-Anlagen erhalten auktionsunabhängig etwas mehr.

Fer X ist ein komplexes mehrstufiges Verfahren, das den Wettbewerbsdruck hochhält und das Ausschreibungsvolumen immer etwas kleiner als das Volumen der angebotenen Erzeugungskapazitäten zuschneidet. Insgesamt soll das Auktionsdesign auf sinkende Erzeugerpreise hinwirken. Allerdings gehören die italienischen Stromhandelspreise mit Durchschnittswerten von meist über 10 bis 14 Cent pro kWh zu Europas höchsten. Hierfür ursächlich ist nicht zuletzt die große Abhängigkeit Italiens von teuren Flüssiggasimporten.

Zwei Hände voll Erlasse und Gesetze

Mit zwei Händen voll Erlasse und Gesetze regeln die Energiepolitiker aus Rom inzwischen die Energiewende im Land gründlich (siehe Info rechts). Manches ist innovativ, wie das Fer Z. Es soll Grünstromversorger auf Basis eines Portfolios verschiedenster Anlagenparks künftig in Auktionen stabile Stromlieferungen zusagen lassen. Fer X und Fer Z setzen auf von der EU erwünschte zweiseitige Differenzverträge – Contracts for Difference (CFD). Dabei erhalten die Erzeuger bei tiefen Stromhandelspreisen die Differenz zur CFD-Vergütung. Verdienen sie im Stromhandelsmarkt mehr, müssen sie die Überschüsse abgeben.

Die nationalkonservative Koalition von Giorgia Meloni hofft erklärtermaßen dank ihrer Gesetze auf einen Schub für italienische Wertschöpfung dank guter Ausstattung des Landes mit Zulieferindustrie. Doch nimmt sie unter dem ökonomischen Druck einer durch Kriege verschärften globalen Rohstoffversorgungskrise nun auch ein Stottern der Energiewende hin. So liegen Fer X definitivo, das als Übergangsvariante Fer X transitorio ohne Zulassung aus Brüssel starten durfte, und Fer Z noch bei den EU-Wettbewerbsprüfern. Fragen zu den fürs Jahresende geplanten nächsten Fer-Tendern ließen Antworten erst nach der EU-Freigabe zu, teilt das Ministerium für Umwelt und Energiesicherheit – kurz: Mase – ERNEUERBARE ENERGIEN mit.

2,9 Gigawatt (GW) im Jahr müsste Italiens Windkraftzubau gemäß Energie- und Klimaplan (PNIEC) 2024 erreichen, 1,6 GW für den langsameren PNIEC von 2019. 2025 waren es tatsächlich 0,6 GW. Der Erneuerbaren-Anteil im Strom würde dann 2030 einen Anteil von 63 Prozent erreichen.

Mitunter übt die Regierungchefin die Rolle rückwärts. Ende März proklamierte Meloni, das seit 2024 geltende Fer-2 für aufwendigere Technologien wie schwimmende PV, Geo- und Solarthermie, Biogas auf Meereswindkraft vorerst nicht anzuwenden. Derzeit zu erwartende Offshore-Wind-Ausschreibungsergebnisse in Italien von 20 Cent pro kWh seien „unökonomisch“. Zudem will die Regierung den Ausstieg aus der übrigen Kohleverstromung von 2025 auf 2038 verschieben und im Sommer die Rückkehr zur Atomkraft einleiten.

Dennoch geht der Offshore-Windkraftverband Aero noch Mitte Mai weiterhin von zwei Auktionen für je 1,9 GW Offshore-Windkraft spätestens 2027 und 2028 aus. Er setze darauf, dass die Regierung den Nutzen einer entstehenden industriellen Zulieferkette erkenne, die einen volkswirtschaftlichen Mehrwert von 1,9 Euro pro investiertem Offshore-Windkraft-Euro einbringe, sagt Aero-Präsident Fulvio Mamone Capria. Bislang stecken allerdings die ersten vier Projekte mit 2,3 GW noch im Verfahren einer Umweltverträglichkeitsprüfung fest. Weitere bis zu 3.500 MW sollen absehbar die nächsten Genehmigungen erhalten.

Umweltminister will den Markt weiten

Auf der Erneuerbaren-Messe Key Anfang März in Rimini ließ sich der gerade erst auf Betriebswärme gestartete, nun angehaltene Markt den Puls messen. Italien habe wenig Gas oder sonst eigene Energie, spitzte Mase-Minister Gilberto Pichetto Frattin auf dem Podium zu, wie das Land unabhängig von geopolitischen Turbulenzen künftig Strom erzeuge. Italien sei weiter auf Erdgasnutzung angewiesen und müsse bei aktuell 40 Prozent mit Erdgas erzeugter Elektrizität mehr Wind- und Solarkraft einsetzen und Geothermie und Wasserkraft dazunehmen. Darüber müsse eine Wasserstoffwirtschaft entstehen, sagte der Minister. Der Treibhausgas-freie Energieträger lässt sich durch Elektrolyse mit Strom herstellen. Kleine modulare Atomreaktoren müssten verbleibende Energielücken stopfen.

Wie attraktiv der italienische Markt bleibt, belegen viele ausländische Investoren mit eigenen Messeständen. Zum Beispiel RWE. Eine Milliarde Euro will RWE Italien von 2026 bis 2031 investieren. Dabei liegen die Essener beim Jahresumsatz mit Edison auf einer Höhe. Dessen Mutterkonzern ist seit 2012 der französische staatliche Energieriese EDF, und der prüft nun, Anteile an Edison zu verkaufen. Von der französischen Regierung dazu beauftragt, neue Atomkraftwerke zu bauen, braucht der Konzern frisches Kapital. Edison darf den Energiewendekurs aber fortsetzen. Im November 2025 nahm CEO Monti persönlich die Finanzzusage zu Energiewendevorhaben für 800 Millionen Euro durch die Europäische Investitionsbank (EIB) aus der Hand der EIB-Vize Gelsomina Vigliotti entgegen. Und Edison verbreitert noch die Basis, versorgt seit 2026 aus zwei Biomethananlagen umgerechnet den Gasbedarf von 5.500 Haushalten.

Warum auch die Erwartungen für die Windkraft im Land gut bleiben, verdeutlicht Davide Astiaso Garcia. Der Anev-Generalsekretär geht von vollgenehmigten Windkraftkapazitäten von vier bis fünf Gigawatt für die Fer-X-Auktion aus. Damit genug Gebote eingehen, müsse die Regierung aber den erlaubten Höchstgebotspreis auf womöglich 9,5 Cent pro kWh deutlich anheben.

Key in Rimini mit Mase-Minister (Umwelt und Energiesicherheit) Gilberto Pichetto Fratin

Foto: Tilman Weber

Key in Rimini mit Mase-Minister (Umwelt und Energiesicherheit) Gilberto Pichetto Fratin
Hauptsitz von Edison in Mailand

Foto: Tilman Weber

Hauptsitz von Edison in Mailand
Messe Key in Rimini, März 2026

Foto: Tilman Weber

Messe Key in Rimini, März 2026

Neue Regeln

Energy-Release-2.0 Energieintensive Firmen beziehen für geringe 6,5 Cent pro Kilowattstunde drei Jahre Strom und bauen entsprechende Erneuerbaren-Parks.

Macse Batteriespeicher-Auktion für fünf Mal 10 Gigawattstunden Ausgleichsstrom für 15 Jahre durch Netzbetreiber Terna

Energie­kommunen – Förder­töpfe für Grünstromanlagen

Decreto-Aree-Idonee Regionen weisen für 80 Gigawatt zusätzlich Erneuerbaren-Gebiete aus.

FreiflächeN-PV-/Verbot auf Äckern fördert zugleich die zugelassene Agri-PV

Fer-X-Segment für nicht-chinesische Photovoltaik

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