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Der Windpark und das liebe Geld – Bürgerbeteiligungen mal durchgesehen

Von wegen, es passiert nichts in Deutschland.

Es sind mittlerweile schon alte Leute, die sich noch an den Anfang der Windenergie in Deutschland erinnern können, und an die Geschichten von damals: Da gab es mal eine Firma namens Aerodyn, die als allererstes mit Studenten der FH Lübeck (heute TH) eine Windenergieanlage entwickelte, die dann auf dem Hof des Biobauern und Grünen-Mitgründers Baldur Springmann gebaut wurde. Gefördert vom Staat, groß eingeweiht auf einem Hoffest, ist die Anlage nicht lange gelaufen, aber Aerodyn hat sich später zu einem der bekannteren Entwickler gemausert. Das war in den finsteren 1970er oder 1980er Jahren, so eine Art Mittelalter vor dem WWW, den Smartphones und dem Stromeinspeisungsgesetz. Und damit noch vor Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima.

Mehr zum Thema kommunale Beteiligung lesen Sie hier.

Heute stehen um die 30.000 Windenergieanlagen in Deutschland, die Kernreaktoren sind abgeschaltet und werden abgerüstet, selbst die Braunkohle hat‘s getroffen. Die Erneuerbaren – vor allem Wind und Solar – tragen die Energieversorgung. Kommen noch Speicher, Wasserstoff und ein intelligentes Energiemanagement dazu, ist die Energiewende tatsächlich recht rund. Und auch wenn Wandel durch Annäherung ein gutes Konzept ist, muss damit nicht notwendig verbunden sein, dass man noch Erdgas in die Atmosphäre ballert.

Alles neu, nicht nur im Mai

Womit wir auf den Punkt kommen: Während das System von Energieerzeugung und -versorgung bis in die späten 1990er Jahre von wenigen Kraftwerken abhing, ist das Ganze heute im Wesentlichen dezentral. Das hat Vorteile, weil mit dem Ausfall einzelner Anlagen (Technik kann kaputt gehen), nicht die gesamte Versorgung gestört sein muss. Das hat aber auch Nachteile, weil der Aufwand, das System zu steuern, größer und komplizierter ist. Es sind heute viele, viele Akteure im Spiel, die alle dazu gebracht werden müssen, zusammenzuarbeiten, damit unser Strom aus der Steckdose kommt.

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Und verbunden ist damit, dass die Anlagen, die Strom erzeugen, auf vielen Dächern, Grundstücken, in der Landschaft und sogar im Wald herumstehen. Ok, meist da, wo der Wald hinüber ist – aber der Deutsche (m/w/d) hängt am Deutschen Wald, bevorzugt Eichen oder Buchen, die es aber im Nutzwald, etwa in Brandenburg, kaum gibt.

Wer also behauptet, dass sich in Deutschland zu wenig tut, hat irgendwie die letzten Jahrzehnte verpasst. Und es gibt Grund anzunehmen, dass es noch weitergehen wird, auch wenn‘s politisch nicht immer gewollt wird. Aber es rechnet sich. Anders als Kernkraftwerke, klein oder groß.

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Damit aber kommen die Bürger ins Spiel, also alle Leute im Land, die sich mit etwas Neuem abgeben müssen, weil‘s nicht zu übersehen ist: Dezentralität heißt dann eben auch Sichtbarkeit. Sichtbarkeit heißt auch Betroffenheit. Es geht die Leute eben auch was an, wenn die Anlagen im Feld stehen.

Und was einen etwas angeht, daran sollte man auch beteiligt sein.

All the money …

Das hat was damit zu tun, dass Akzeptanz etwas ist, um das gekämpft werden muss.

Aber wie?

Beteiligung wird in der Wirtschaft eigentlich nur als wirtschaftliche Beteiligung gedacht und praktiziert. Wenn also Bürger an Windparks beteiligt werden sollen, dann sollen sie Anteile einzahlen und damit als wirtschaftlich aktive Subjekte auftreten. Der moderne Mensch tritt auf, und siehe da, er ist Unternehmer. Kann sein, dass das gut ist. Kann sein, dass das nicht alle wollen. Kann sein, dass das nicht so gut ist.

Anders gewendet, dieses Modell hat zwei Nachteile. Zum einen muss man Geld mitbringen, zum anderen muss man das Geld auch verlieren können, ohne in der Existenz bedroht zu sein. Wenn‘s also um Beteiligung geht, sind damit am Ende vor allem Leute angesprochen, die eh schon Geld haben. Kann man machen. Aber was ist mit den anderen?

Ach, und da war noch, dass man sich kümmern muss, gerade wenn man das mit der Beteiligung ernst meint. Geld macht eben Arbeit. Das ist nicht viel, weil als Gesellschafter oder als Genosse hat man im Normalfall nicht so viel zu tun, darum kümmern sich Geschäfts- und Betriebsführer. Windparkbetreiber zu sein ist mittlerweile recht kompliziert. Insgesamt heißt das außerdem: Obwohl das Leben schon voll genug ist, kommt hier noch Arbeit auf einen zu? Das ist nicht jedermanns Sache.

Also sollte man Bürgerbeteiligung anders machen? Man muss nicht, man kann. Das geht zum Beispiel mit Anrainerstrommodellen. Die haben den Vorteil, dass sie für die, die beteiligt werden sollen, risikolos sind. Man braucht kein Geld mitbringen, man kriegt nur etwas, was man sowieso braucht, billiger. Und nebenbei auch besser, denn immerhin sind die Anrainerstrommodelle mit Ökostrom verbunden. Wenigstens schon mal „bilanziell“, weil im Stromnetz Ökostrom stark, aber nicht ausschließlich eingespeist wird. Aber der Anteil wird immer mehr. Geht man nach dem Gesetz, dann kann man solche Regionalstromtarife im Umkreis von 50 km in Anspruch nehmen, was den Kreis der Berechtigten über die, die die Anlagen sehen können, hinaus erweitert.

… big and small

Bleiben die Bastarde, die man nicht verachten soll: also Sparmodelle oder Nachrangdarlehen. Bei denen muss man auch Geld mitbringen, aber während Beteiligungen an Gesellschaften oft erst bei 10 oder 20.000 Euro losgehen (und dann ist man ein kleiner Fisch, der Arbeit macht), kommen Bürgerwindparks und Genossenschaften einerseits, Nachrangdarlehen, die über Crowdfundings angeboten werden, oder Sparmodelle andererseits mit kleinen Beträgen aus. Das kann bei 500 Euro anfangen und geht etwa beim Crowdfunding bis 25.000 Euro. Wenn man Genossenschaften mal außen vor lässt, weil man bei ihnen auch direkt am Erfolg oder Misserfolg der Gesellschaft hängt, bleiben also Sparmodelle und Nachrangdarlehen.

Lesen Sie hier ein Interview mit Walter Delabar zur Frage, was Betriebsführer jetzt leisten müssen.

Vor allem aber Nachrangdarlehen sind für beide Seiten interessant, für Anleger und die Projekte. Anleger bekommen einen festen Zinssatz, die Wind- oder Solarparks bekommen neues Geld, das sie für ihr Geschäft einsetzen können, etwa bei knapp finanzierten Projekten, die eigentlich gesund sind, aber ein bisschen Kapital brauchen können, um gerade in den Anfangsjahren beweglicher zu werden. Das könnte man auch von der Bank leihen, aber mit Nachrangdarlehen, die man vor allem im direkten Umfeld der Projekte platzieren kann, geht das einfacher. Und man beteiligt eben die Anrainer.

Das ist für die Betreiber ein wenig teurer als bei Bankdarlehen, aber die Mehrkosten (die vor allem auf die Differenz zwischen den Zinsen der Bank und denen des Nachrangdarlehens zurückgehen) sind gut angelegt. Weil sie vor allem eines zeigen: Dass die Betreiber wissen, was sie von ihren Nachbarn haben, nämlich Nachbarschaft. Und das soll man hoch bewerten.

Anlass

Die REZ wirbt seit Jahren auch bei ihren Kunden für Anrainerprojekte, vor allem für Anrainerstromprojekte. Auch Sparprojekte und Crowdfunding haben wir in der Vergangenheit umgesetzt. Die beiden Anrainerstrommodelle, die in Brandenburg seit einigen Jahren betrieben werden, sind mittlerweile mit 300 und mehr als 100 Kunden sehr erfolgreich. Ein neues Projekt in Sachsen-Anhalt läuft noch schleppend. Aber die Erfahrung zeigt, man braucht Geduld.

Damit solche Projekte einfacher gehen, hat die REZ in Zusammenarbeit mit Naturstrom ein Angebot aufgesetzt, bei dem Windparkbetreiber ein fertiges Konzept samt Werbung und Betreuung übernehmen können.

Neu hinzugekommen sind jetzt die Nachrangdarlehen, die vor allem von Windparks im Rheinland angeboten werden, die die REZ betreut: Für eine Anlage der MLK Gruppe in Korschenbroich werden zwei Laufzeiten von 5 und 8 Jahren mit Zinssätzen von 4,5 und 5 Prozent angeboten. Weitere Projekte sollen folgen. Infos dazu gibt’s unter: www.mlk-gruppe.de/buergerbeteiligungwww.mlk-gruppe.de/buergerbeteiligung

Postskriptum:

Aber jetzt folgt der Disclaimer: Nachrangdarlehen gefährden zwar nicht die Gesundheit und sie sind nicht direkt vom Erfolg der Windparks abhängig. Trotzdem gibt es das Risiko, dass das Windparkprojekt misslingt. Dann kann das Geld auch verloren sein. Dafür, dass das nicht passiert, muss der Windpark genau geführt werden und es muss der Wind wehen. Und der kann uns eben was pfeifen.

 Autor: Walter Delabar, kaufmännischer Geschäftsführer der Regenerative Energien Zernsee GmbH & Co. KG (REZ) mit Betriebsstätten in Berlin und in NRW