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Habeck zur Energiewende: „Voodoo ist das nicht!“

„Zwei Nachrichten hat er mir gerade noch geschickt, dass er wirklich versucht zu kommen“, verriet Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Und er hat es geschafft: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kam mit Verspätung aus dem der Bundestagsdebatte zur Verabschiedung des Bundeshaushalts 2024 auf den EUREF-Campus gefegt. Und die Regenerativbranche, vielleicht sein Lieblingspublikum, hört zu. Zum diesjährigen BEE-Energiedialog hatten sich dort 80 geladene Gäste versammelt, sowie zur Online-Übertragung über 6.000 Zuschauer. 

Als spontanen Ersatz hatte Habeck schon mal seinen Staatssekretär Philipp Nimmermann zu dem Branchenevent geschickt, wollte aber nach Nimmermanns Worten auch seine Sicht auf die Dinge noch loswerden: „Ich erzähle mal, was wir geleistet haben, rückwärts.“ Mit anderen Worten: Wo stehen wir jetzt? Wie sah der Weg aus? „Wir gucken jetzt schon weit in die Zukunft.“ Bidirektonales Laden sei jetzt einzubeziehen. „Da sind wir jetzt, das ist nicht trivial.“ Methanverordnung, Gaspaket, Notfallpaket, Wärme, GEG, Dekarbonisierung, als die Themen seien angepackt worden. „Wärme geht voran. 2045 sollen klimaneutral sein, das hat eine Vorgängerregierung beschlossen“, so Habeck. Seine Regierung habe einiges verändert, „und jetzt läuft es: 14 GW installierte Solarleistung 2023. Das hat jede Erwartung übertroffen. Jetzt sieht man, dass es erreicht werden kann, wo vorher alle gesagt haben: spinnt ihr?“ Und auch die Windenergie sieht er auf einem guten Weg. „Neun GW Wind sind 2023 bezuschlagt worden.“ Das sei das Ergebnis harter Arbeit, auch bei den Umweltbehörden. „Onshore Wind ist der schwierigste Bereich, aber der Trend ist doch eindeutig, wir haben den Durchbruch erreicht.“ In diesem Jahre werde Deutschland beim Wind sechs Gigawatt schaffen 2024.“ Das ist erreichbar.“ Wichtig sei es, dass Deutschland die industrielle Vorreiterrolle spiele. „Northvolt hat sich für den Standort Schleswig-Holstein entschieden, weil dort die Dichte an Erneuerbare-Energien-Strom am größten ist“, sagte er bezüglich der jüngsten Investitionsentscheidung des schwedischen Batterieherstellers, der wie immer mehr Industrieunternehmen heute Wert auf sauberen Strom für die Produktion legt. Natürlichen müsse man auch den Strompreis noch runterbringen, so Habeck, und die Resilienz stärken.

Sein Staatssekretär Philipp Nimmermann hatte in seiner Rede zur ebenfalls darauf verwiesen, dass man mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht nur im Einklang mit der Natur stehe: „Wir machen uns dadurch auch unabhängiger. Wir importieren momentan zwei Drittel der Energie.“ Alle Szenarien, egal ob deren Schwerpunkt bei der Flexibilisierung mehr auf Batterien oder auf Wasserstoff liege, kommen auf 25 Prozent Importe 2045.

2023 sei sehr gut bei PV, bei Wind sei noch Luft nach oben, deshalb sei es wichtig, dass das Solarpaket jetzt verabschiedet wird: „Da sind Beschleunigungselemente drin, zum Beispiel bei Solarbalkonen und Solar auf landwirtschaftlichen Flächen.“ Sein Ministerium habe es geschafft, dass große, wichtige Sachen weiter finanzieren werden, sagte er bezüglich des Haushalts und der 60 Milliarden Euro, die nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zumindest zum Großteil aus neuen Quellen finanziert werden müssen. Bei der seriellen Sanierung habe man allerdings in der Finanzierung Abstriche machen müssen.

In der ersten Diskussionsrunde des Abend im EUREF hatte zunächst Barbara Praetorius, Professorin für Nachhaltigkeit, Umwelt- und Energieökonomie und -politik an der HTW Berlin, bei der Frage nach dem künftigen Energiemarktdesign darauf verwiesen, dass Lösungen kleinteilig sein müssten. „Die wichtigste Flexibilitätsoption ist das Stromnetz, ansonsten wird es teuer“, betonte sie.  Arndt Müller, Geschäftsführer der, SWT Stadtwerke Trier GmbH, berichtete, wie sein Unternehmen die Neustrukturierung ausgestaltet habe: „Wir haben uns das klare Ziel gesetzt, unsere Kunden mit Erneuerbaren zu versorgen. Ende 2023 hatten wir bereits 70 Prozent Erneuerbare.“ Er verwies auf den Bedarf an saisonaler Flexibilität: „Wir haben viele Biogasanlagen in der Region. Die fallen aus der Vergütung.“ Entsprechend könne man ihnen jetzt gut eine Flexibilitätsvergütung anbieten.

BEE-Präsidentin Simone Peter sagte, der Ausgleich von volatiler Wind- und Solarstromproduktion sei bereits in den Landkreisen als dezentrale Flexibilität durchzudeklinieren. „Wir haben mit unserer Strommarktstudie gezeigt, dass die Flexibilisierung von Biogas volkswirtschaftlich günstiger ist, als alles mit Wasserstoff zu machen. Vor allem, wenn es auch noch teurer Wasserstoff-Importe sind.“

Robert Habeck wurde von Moderator, BEE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm, nach Marktdesign und Back-ups gefragt. Dazu sagte der Bundeswirtschaftsminister, beim Thema „Klimaneutrales Strommarktsystem“ wolle jeder etwas anderes: Die eine fokussierte sich auf den Strompreis, andere auf die Europäische Integration. „Wir haben da 40 bis 100 unterschiedliche Meinungen und müssen noch diskutieren.“ Die abschließende Entwicklung eines Energiemarktsystem werde wohl bis 2030 dauern. Aber es gebe viele „No-Regret-Schritte“, die sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvoll seien. Eine Kraftwerksstrategie müsse verabschiedet werden. Ob dezentral oder zentral sei dabei für ihn nicht nicht wichtig. „Für mich ist wichtig: Welche Kapazität wollen wir vorrätig halten? Wollen wir uns gewisse Überkapazität leisten? Das kostet Geld, aber es bringt einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn“, so Habeck. Beim Biogas blieb er vorsichtig, hier sei die Menge begrenzt. „Für Speicher sehe ich riesiges Potenzial. Auch große Speicher werden ausgebaut. Und H2-Elektrolyseure werden dort entstehen, wo jetzt die Netze schon vorhanden sind.“ Man brauche Wasserstoffnetz und große, erprobte Speicherkraftwerke. „Voodoo ist das nicht, wir brauchen nur Mut zum Risiko“, so Habeck. 

  

Robert Habeck vor dem erlesenen Publikum auf dem EUREF-Campus beim BEE-Energiedialog.

BEE

Robert Habeck vor dem erlesenen Publikum auf dem EUREF-Campus beim BEE-Energiedialog.