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„Nachhaltige digitale Versorgung liefert Energie, Wasser – und auch Lebensqualität“. 

Jarno Wittig ist seit sechs Jahren Geschäftsführer der VKU Service GmbH, die Konferenzen und Seminare des Stadtwerkeverbands VKU veranstaltet.  Vor fünf Jahren startete er die von der VKU Service GmbH betriebene Internet-Plattform Kommunaldigital. Diese stellt Informationen zur aktuellen Entwicklung und zu Innovationen bereit, vernetzt Kommunalunternehmen mit Digitalwirtschaft und Digitalexperten oder auch mit Start-Ups. Den Stadtwerken bietet sie außerdem Orientierung mit Best-Practice-Beispielen aus einzelnen ausgewählten kommunalen Unternehmen, die ihre Konzepte darauf präsentieren können. Kommunaldigital steht auch im Austausch mit dem Projekt des Bundeswirtschaftsministeriums „Stadt.Land.Digital“ und Smart City Navigator, der ähnlich wie die VKU-Plattform Kommunaldigital die Digitalisierung bei den Stadtwerken transparent und nachvollziehbar darstellen soll und ein Projekt von Stadt.Land.Digital ist.

Ein Gespräch mit VKU-Service-GmbH-Chef Jarno Wittig über die Dynamik der Digitalisierung bei den Stadtwerken, deren neue Rolle in der Energieversorgung und darüber, was eine digitale Plattform seit fünf Jahren dazu beiträgt.   

EE: WIIIIIIIIIIIIIIIIIIR lautet der Slogan von Kommunal-Digital. Was bedeutet das?

Jarno Wittig: Das Wir entstand aus unserem internen Leitbild und wir haben es weiterentwickelt, weil es auch für die Stadtwerke passt, die gemeinsam die gesamte Energie- und Klimaschutzwende bewältigen müssen. Diese Energie- und Klimawende besteht aus sehr vielen sich zusammenfügenden verschiedenen Akteuren und Faktoren, die „I“s versinnbildlichen dieses Zusammenspiel. Und damit lässt es sich spielen: Wir können bunte, verschiedenfarbige I schreiben oder I mit Weihnachtsmützen …

EE: Wie schnell ist die Plattform denn bei den kommunalen Versorgern angenommen worden?

Jarno Wittig: Vor dem Start der Plattform 2018 haben wir eine lange Reise durch Deutschland gemacht, um uns mit kommunalen Versorgern und jungen innovativen Unternehmen, auch Startups, auszutauschen darüber, wo es Ideen und gemeinsame Anknüpfungspunkte für den Aufbau von Digitalisierungsprojekten gibt. Es war uns klar, dass wir für eine Digitalisierung des Stadtwerkgeschäfts nicht nur Startups brauchen, die aus unseren eigenen VKU-Mitglieds-Unternehmen erwachsen sind, sondern auch freie Dienstleistungsunternehmen oder die Industrie. Wir haben dann das Konzept der Plattform als Instrument weiterentwickelt, um diese Akteure zusammenzubringen und einen Austausch von Informationen und Ideen in Gang zu setzen. 2019 hatten wir dann schon 1.500 Nutzer auf der Plattform. Dann haben wir Marktplätze und einen Projektatlas aufgeschaltet – und zugleich kam dann auch die Corona-Pandemie, die uns alle zum Umstieg auf Begegnungen und Austauschrunden im digitalen Raum zwang – und plötzlich war die von einigen anfangs womöglich noch belächelte Plattform ein unverzichtbarer Vorteil für unsere kommunalen Unternehmen. Von 2020 an haben wir Community-Portale aufgeschaltet und der Integration unserer digitalen Bildungsangebote der VKU-Akademie begonnen – und kamen im selben Jahr noch bei 7.000 Nutzern an. Jetzt Ende 2023 sind es bereits 11.000 Nutzer, die sich auf unserem permanenten Kanal austauschen. Wir haben da viele Videos, viele Nachrichtenbeiträge – und wenn nun jemand wissen will, was in Sachen Digitalisierung in unserer Branche läuft, muss er sinnvollerweise bei uns nachschauen.

EE: Vor sechs Jahren sind Sie beim VKU-Service als Geschäftsführer angetreten. Seit fünf Jahren gibt es die Plattform Kommunaldigital. Ist das in ihr enthaltene Angebot zum Austausch über die Digitalisierung und zur Vernetzung mit Digitalisierungsdienstleistern offenbar Ihr Kind?

Jarno Wittig: Es ist schon mein Baby, ja. Natürlich erforderte es einen gemeinsamen Einsatz und eine Zusammenarbeit mit vielen Mannschaftsmitgliedern, um dafür die Überzeugungsarbeit im Verband zu machen. Wir mussten die Akteure im VKU und in der Branche dafür gewinnen. Jetzt ist der Beweis erbracht, dass die Plattform funktioniert

EE: Lassen Sie uns noch einmal einen Schritt zurücktreten, um zu verstehen, um was es geht: Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für die Stadtwerke aktuell und warum?

Jarno Wittig: Sie ist ein Dauerbrenner und hat immer zwei, eine innere und eine äußere Dimension. Sie muss dabei helfen, die Fragen zu beantworten, wie viel der Aktenschrank intern noch zur Kundenbetreuung beitragen darf und wie sich die kommunalen Versorger nach außen wirkend zukunftsgerecht aufstellen können. Denn nur wenn unsere Mitgliedsunternehmen intern mittels Digitalisierung zusätzliche Ressourcen wie Geld oder Personal freimachen können, können sie auch neue digitale Produkte an die Frau oder den Mann bringen. Hier ist immer zu überlegen, was nützliche oder sinnvolle Mehrwerte für unsere Endkunden sind. Weil wir jeden Menschen in Deutschland über irgendeines unserer Kommunalwerke ver- oder ihm und ihr das Notwendige entsorgen, wird die Klima- und Energiewende durch diese künftig digital gestützten Nachhaltigkeitsdienste ganz.

EE: Ist das schon die sogenannte digitale Daseinsfürsorge?

Jarno Wittig: Dieser noch junge Begriff hat eine sehr hohe Relevanz, das stimmt. Er besagt ja, dass nachhaltige Versorgung nicht nur Energie und Wasser bereitstellt, sondern künftig auch Lebensqualität durch eine gute Ausstattung zum Beispiel des ländlichen Bereichs mit Glasfaser-Datenverbindungen. Es braucht die digitale Souveränität der Bürgerinnen und Bürger, zu denen wir als kommunale Versorger ihnen verhelfen wollen.

EE: Wie trägt die Digitalisierung zur Transformation der kommunalen Versorger und ihres wirtschaftlichen Modells selbst bei?

Jarno Wittig: Um es plakativ darzustellen, verweise ich da aufs Smart Grid …

EE: … das digitalisierte Netz zur Verbrauchssteuerung von Haushaltsgeräten oder Maschinen, um Erzeugung und Verbrauch automatisiert in Einklang zu bringen …

Jarno Wittig: … und die Frage, ob wir Versorger jede sprichwörtliche Milchkanne anbinden können oder nicht? Natürlich wollen wir als Plattform die Stadtwerke mit auch abgelegenen Kunden über digitale Kanäle zusammenbringen. Oder schauen Sie zurück auf den Februar 2022, den Beginn des Ukrainekrieges und die daraus entstandene Energiekrise und Erdgasmangellage. Wie hätten wir die wie geschehen so gut bewältigen können, ohne Versorgungslücken, hätten wir kein gescheites digitales Lastmanagement gehabt, das uns die Energieströme in Verbrauch und Versorgung modellieren konnte. Wenn wir mit Erneuerbaren etwas in städtischen Wohnquartieren machen wollen, benötigen wir digitale Mittel, um zu klären, wie ich umbaue, wie die neue Quartiersversorgung effizient geschehen kann, wie sich die Energieversorgung für den angestrebten neuen Energiemix transformieren lässt. Das machen dank Digitalisierung die Stadtwerke. Die Energieverteilung findet ja nun einmal lokal statt – ob durch den Leitungsbau, die Wärmepumpe, die energetische Sanierung von Häusern …

EE: Findet so eine weitreichende Bedeutung der Digitalisierung der Energieversorgung durch die Stadtwerke die notwendige öffentliche Unterstützung? Stellen sich nicht Bürgerinnen und Bürger unter der Digitalisierung der Energieversorgung durch die Stadtwerke immer noch am ehesten nur die Alleskönner-App vor, die dem Darstellen mehr oder weniger wichtiger Informationen wie Sonneneinstrahlung, Energieernte seiner PV-Anlage oder Wärmepumpe dient oder vielleicht auch Fahrkartenkauffunktionen enthält?

Jarno Wittig: Die berühmte App zu den Energieverbräuchen der Bürgerinnen und Bürger war ein Angebot der Kommunalversorger vor einigen Jahren aus dem ersten Reflex heraus, sich zeitgemäß zeigen zu müssen und daher etwas mit Digitalisierung machen zu müssen. Es ist aber klar: Welche Stromverbräuche jemand hat, hat er oder sie schon nach zweimaligem Draufschauen auf Grafiken in der App für sich geklärt. Wichtiger ist den Kundinnen und Kunden doch, dass die Waschmaschine funktioniert und sich in Zukunft tatsächlich dann einschaltet, wenn das Stromangebot gut und der Strompreis niedrig sind. Kommunale Player sollten mit der elektronischen Datenverarbeitung vielmehr in eine Vermittlerrolle rücken, um die bestmögliche Mobilität in einer neuen Ansiedlung zu planen, um lokale Energie- oder Abfallkreisläufe zu organisieren oder auch die Wärmewende zu moderieren.

EE: In welchen Bereichen der Energiewende kommt die Digitalisierung langsamer voran, als es der Sache am meisten nutzen würde – und was hemmt hier die kommunalen Versorger?

Jarno Wittig: Da muss ich unweigerlich an das Messstellenbetriebsgesetz zum Aufbau der Smart Grids denken, das sich als regulatorischer Rohrkrepierer erweisen sollte. Denn es hatte das Lastmanagement, die Effizienz, die Aufgabe des Anschlusses der Erneuerbaren als notwendige Aufgaben des Smart Grid nicht ausreichend berücksichtigt.  Nun ist die kommunale Wärmeplanung eine Herkulesaufgabe für die Stadtwerke. In ganz Deutschland laufen die Unternehmen nun zeitgleich los, mit begrenzten Ressourcen wie beispielsweise bei den Planungsbüros, die dann nicht alle Stadtwerke hinzuziehen können. Auch reichen die internen Ressourcen zur Bewältigung nicht bei allen unseren Unternehmen aus. So kommt das gewünschte Tempo der Wärmewende nicht zustande.

EE: In welchen Bereichen oder mit welcher Art der Digitalisierung können Pioniere unter den Stadtwerken heute schon am meisten punkten?

Jarno Wittig: Schauen Sie dazu einmal nach Emden, wo der dort Autos produzierende Volkswagenkonzern 2015 bis 2016 zusammen mit Stadtwerken, der Wohnungsbaugesellschaft und der Verkehrsgesellschaft eine Mobilitäts-Roadmap, einen Fahrplan zu Parkraumbewirtschaftung und Mobilität aus einem Guss auf den Weg gebracht habt.

EE: Das Bundeswirtschafsminister hat ein Jahr nach der Gründung von Kommunal Digital den Smart City Navigator ins Leben gerufen, eine ganz ähnliche digitale Plattform. Stört Sie das?

Jarno Wittig: Der Wirtschaftsminister will damit eben einen unabhängigen Überblick über die Digitalisierungsmöglichkeiten für Stadtwerke und über ihre Hausaufgaben geben. Dessen digitale Plattform stellt ähnlich gelagerte Projekte vor, wie es unsere Plattform handhabt. Das läuft halt parallel und ist nicht unbedingt schlecht, weil wir auch nicht alle Entwicklungen abdecken können. Vielleicht entsteht zwischen beiden Plattformen künftig irgendwann auch eine Kooperation, das will ich natürlich nicht ausschließen.

EE: Wie kommen die Themen der auf Kommunaldigital angekündigten Webinare zustande?

Jarno Wittig: Wir prüfen, was sich regulatorisch in der Energie-, Wasser- und Abfallwirtschaft tut, was unsere Klientel dafür als Hilfestellung benötigt. Wir bemerken außerdem über die Kommunikation auf unserer Plattform, welche Themen wichtig sind und nehmen diese Impulse auf. Wir haben darüber hinaus institutionalisierte Feedback-Mechanismen eingerichtet, indem wir Besuchende unserer Veranstaltungen nach ihrem Interesse zu künftigen Webinaren befragen. Und wir betreiben ein Horizon-Scanning, wie es so schön heißt: Wir schauen, welche Themen aufziehen, die nicht jedem Stadtwerk schon auf dem Radar erschienen sind.

EE: Wo hat die Plattform die digitale Transformation konkret schon vorangebracht?

Jarno Wittig: Dazu kann ich nochmals auf das Beispiel Emden verweisen. Die hier kooperierenden Akteure sind über uns zusammengekommen, nachdem die digitale Roadmap dort feststand. Die Partnerfindung für die weitere Umsetzung des Emdener Konzepts hat über Kommunal Digital stattgefunden. Wir haben außerdem unsere Unternehmen mit dem Startup Vialytics zusammengebracht, das kommunale Abfallfahrzeuge mit digitaler und Sensortechnik für Straßenzustandserfassungen ausrüstet. Das macht Sinn, weil diese Abfallfahrzeuge in allen Straßen herumfahren und es Zeit, Geld und Material spart, wenn die permanente immer anhaltende Sanierung der Straßen in einer Stadt nicht nach Zyklen sondern nach tatsächlicher Notwendigkeit erfolgt.